[Gelesen] Lock & Mori vs. A Study in Charlotte

Manche literarische Figuren treffen einfach einen Nerv: Sherlock Holmes ist aktuell wieder erschreckend beliebt. Nach den Filmen mit Robert Downey Jr. und Jude Law sowie den beiden TV Serien, Elementary und Sherlock, gibt es eine ganze Reihe Buchtitel, die sich dem berühmten Detektiv aus der Baker Street annehmen… zwei aktuelle Bücher aus dem Jugendbuchbereich wären Lock & Mori und A Study in Charlottelock-study.jpg

In Lock & Mori begleitet man die Jugendlichen Sherlock Holmes und James Moriarty bei der Aufklärung eines Kriminalfalls in London. A Study in Charlotte dagegen lässt die Ururururenkel von Sherlock Holmes und John Watson Opfer eines Rachefeldzugs in Amerika werden.

Beide Titel haben mehrere Gemeinsamkeiten, unter anderem:

  • sie spielen in der Jetztzeit
  • die Hauptcharakter sind Jugendliche
  • die Holmes Charaktere haben ihr eigenes Labor an der Schule
  • ein Charakter ist -entgegen dem Kanon- weiblich
  • es steht ein Fall im Mittelpunkt der Handlung

Neuerzählungen bzw. -interpretationen von Klassikern können immer sehr spannend sein, und gerade der letzte Punkt hat meine Neugier geweckt – gerade da ich die Geschlechterneuverteilung in Elementary sehr liebe. Bei A Study in Charlotte fand ich zudem den anderen Geschichtsverlauf, in dem es Holmes und Watson tatsächlich gegeben hat und die Familien immer noch miteinander verbunden sind, faszinierend.

Macht der Geschlechtertausch Sinn? 
Genderswap ist in den Fandoms eigentlich immer sehr beliebt, und kann einer Geschichte noch etwas mehr Würze verleihen. Als Verkaufsargument also super. Sinnvoll? In beiden Fällen leider nicht so ganz.

In Lock & Mori ist es James Moriarty bzw. Mori, die dieses mal als junge Frau dargestellt wird (James ist ein Familienvorname… warum auch immer). Sie lernt in der Schule den berüchtigten Sherlock Holmes kennen und ermittelt mit ihm zusammen in einer Reihe von Morden im Regent’s Park.Die Trilogie ist klar vor der Erzfeindschaft der Beiden angelegt, und ich würde damit rechnen, dass es genau in dieser mit dem dritten Band enden wird. Moriarty als Frau hat nicht viele Konsequenzen: Es können leichter Vergleiche zu ihrer Mutter gezogen und eine Liebesgeschichte konstruiert werden. Da Lock die ganze Zeit ein sehr platter Charakter bleibt, hat die Liebesgeschichte für mich nicht funktioniert… und damit hätte Mori auch wieder ein junger Mann sein können.

Bei A Study in Charlotte ist es etwas besser. Charlotte Holmes ist wie eine Wiedergeburt ihres Ahnen, mit sehr ähnlichen Verhaltensweisen und Charakteristiken. Damit geht auch einer der größten Pluspunkte dieses Titels für mich Hand in Hand: Charlotte ist kein sympathischer Charakter. Sie ist sperrig, kühl, kalkulierend, ja, aber nie sympathisch. Jamie flacht daneben in seiner Naivität stark ab. Um zu zeigen, dass dieser Archetyp genauso bei einem weiblichen Charakter funktioniert, hat Charlotte Holmes eine Daseinsberechtigung. Cavallaro stellt sich nur in dem Moment ein Bein, wenn Jamie sich (weil sie ist ein Mädchen!) in Charlotte verlieben muss…

Die Fälle
In Regent’s Park häufen sich Morde, die vielleicht miteinander  in Verbindung stehen, und am Internat in Amerika stellt jemand Morde aus den Erzählungen von Sherlock Holmes nach. Bei beiden gibt es haarsträubende Zufälle, was man aber verschmerzen kann – es sind primär Jugendbücher und keine ausgefeilten Krimis. A Study in Charlotte baut den Fall etwas raffinierter mit ein paar Ecken und Kanten auf, wohingegen man bei Lock & Mori gut ab der Hälfte weiß, wer der Mörder ist. In beiden Büchern finden sich zur Aufklärung des Falls Monologe der Täter, die ihre Motive noch einmal ausbreiten. Für mich immer ein Zeichen, dass dem Leser entweder nicht genug Stoff an die Hand gegeben wurde, um sich alle Zusammenhänge selber zu erschließen, oder der Bösewicht nicht genug Rampenlicht bekommen hat.

Muss man die Bücher gelesen haben?
Ich tendiere eher zu nein. Es gibt so viel zu dem Thema Sherlock Holmes im Moment, und beide Titel sind zwar nett, aber nicht bahnbrechend. Bei Lock & Mori muss man sehr viel Konstruktion in Kauf nehmen, und wirklich interessant dürfte es erst in der Reihe werden, wenn Mori in die Kriminalität abgleitet und sich von Lock entfernt. In den zweiten Band, der im Herbst erscheint, werde ich zumindest wegen diesem Gesichtspunkt rein lesen. A Study in Charlotte ist unterhaltsam geschrieben, hat aber Logiklöcher und einen furchtbar naiven Jamie Watson. Die Perspektive von Charlotte ist viel interessanter und hätte dem Buch besser getan! Nach Aufklärung des Falls bleibt auch kaum Anreiz übrig, noch einen weiteren Band mit diesem Duo zu lesen.


Lock & Mori
Verlag:
Simon & Schuster Books for Young Readers
ASIN:  B00TBKYK9M
Erscheinungsdatum: 15.09.2015
Rating: 2/5

A Study in Charlotte
Verlag: Katherine Tegen Books
ISBN:  9780062398901
Erscheinungsdatum: 01.03.2016
Rating: 2.5/5

 

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