[Gelesen] Wenn ein Reisender in einer Winternacht

Manchmal nimmt man Bücher in die Hand, wo es relativ schnell einfach Klick! Macht und man weiß, dass man gerade etwas ganz besonderes liest. Wenn ein Reisender in einer Winternacht von Italo Calvino war für mich gleich von der ersten Seite an so ein Buch, und ich denke auch jetzt, einige Tage nach beenden des Buches, viel über die unterschiedlichen Passagen und Ideen nach.

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Du schickst dich an, den neuen Roman Wenn ein Reisender in einer Winternacht von Italo Calvino zu lesen. Entspanne dich. Sammle dich. Schieb jeden anderen Gedanken beiseite. Lass deine Umwelt im Ungewissen verschwimmen. – Seite 9

Der Protagonist in Calvinos Geschichte ist der Leser. Dieser ist ein eigenständiger Charakter, bei dem allerdings immer wieder die Grenzen zum eigentlichen Lesenden des Buchs durch die konsequente Nutzung der Du-Form verschwimmen. Am Anfang des Buches beschreibt Calvino zum Beispiel, wie du eine Buchhandlung aufsuchst, und in dieser Szene fühlte ich mich unheimlich verstanden! Diese Szene ist auch mehr oder weniger der Ausgangspunkt für die Handlung des Romans: Der Leser kauft das Buch Wenn ein Reisender in einer Winternacht von Italo Calvino, und fängt Zuhause mit dem Lesen an. Tatsächlich bekommt man an dieser Stelle einen Romananfang zu lesen, der nach wenigen Seiten (wenn es natürlich am spannendsten wird!) abbricht. In der gekauften Buchausgabe des Lesers findet sich ein Bindefehler, sodass er nicht weiterlesen kann und den Roman am nächsten Tag in der Buchhandlung umtauschen muss. Dabei stellt sich raus, dass tatsächlich Bögen eines anderen Romans mit dem Calvino Buch vermengt wurden, und der Leser nimmt nun ein Exemplar von Vor dem Weichbild von Malbork mit, um die bereits begonnene spannende Lektüre fortsetzen zu können. Einer anderen Leserin ergeht es genauso, und man tauscht im Laden Nummern aus, um sich später über den Roman unterhalten zu können.

Ab diesem Moment beginnt eine herrliche Schnitzeljagd, denn immer wieder beginnt der Leser einen Roman, der aus den verschiedensten Gründen immer an der spannendsten Stelle abbricht. Insgesamt begleitet man den Leser durch zehn Romananfänge und seiner Suche nach den richtigen Fortsetzungen, während sich gleichzeitig zwischen dem Leser und der Leserin Ludmilla eine Liebesgeschichte entwickelt. Nouveau Roman, kafkaeske Erzählung, magischer Realismus, Thriller, Symbolismus… die Romananfänge verweisen auf ganz unterschiedliche Genres bzw. Autoren des 20. Jahrhunderts, und sind erstaunlich unterschiedlich. Genau wie der Leser kann man im Vorfeld nie erahnen, wo der neue Anfang einen einführt.

Wenn ein Reisender in einer Winternacht ist Metafiktion, was man mögen muss. Calvino lässt bewusst immer wieder die Grenzen zwischen den Lesern verschwimmen, kokettiert mit der vierten Wand und ist sich seiner Selbst klar. Die Handlung tritt immer wieder in den Hintergrund und bietet Raum für Gedanken über das Lesen an sich und die Personen, die es braucht, bis der Leser das fertige Produkt in den Händen hält. Dabei gibt es den Autoren mit Schreibblockade genauso, wie den Lektoren, der seit Ewigkeiten nicht mehr privat gelesen hat, oder den Zensoren, der nur im Geheimen die Lektüre genießen kann, die anderen verwehrt bleibt. Wer Lust auf eine bibliophile Geschichte hat, ist bei diesem Titel von Calvino goldrichtig!


BUCHDETAILS

Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag
ISBN: 9783596904426
Erscheinungsdatum: Juli 2012 (erstmals 1979 erschienen)
Rating: 5/5

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