[Gelesen] Radiance

Das sich manche Bücher schwer in Schubladen stecken lassen, kennt man zur Genüge. Valente umgeht das ganz geschickt, indem sie eine ganz eigene Kategorie für ihren Roman Radiance erfindet: „decopunk pulp SF alt-history space opera mystery”. Klingt zuerst etwas sperrig, beschreibt den Inhalt aber erstaunlich gut!radiance-cmv.jpg

“She is dead. Almost certainly dead. Nearly conclusively dead. She is, at the very least, not answering her telephone.”

Radiance spielt in einer alternativen Version unserer Welt, in der sich die Technik und Geschichte anders entwickelt hat. Die Menschheit hat sich bereits Anfang des 20. Jahrhunderts im Sonnensystem verteilt, die Filmindustrie steckt aber noch in den Kinderschuhen. Der Mond ist das neue Hollywood und Percival Unkh der unumstrittene König der Schwarzweißstreifen, die er teilweise per Hand nachcolorieren lässt. Seine Tochter ist Severin Unkh, ebenfalls Regisseurin und quasi It-Girl, um die die Handlung des Buches kreist: Bei einem Dreh zu einem Dokumentarfilm verschwindet sie spurlos. Anhand verschiedenster Dokumente wie Interviews, Briefen, (Film-)Transkripten, Radioaufzeichnungen und mehr versucht Radiance, die Umstände von Severins Verschwinden knapp zwanzig Jahre zuvor zu rekonstruieren.

Die Bücher von Catherynne M. Valente sind immer eine Welt für sich, und allein in ihre Sprache verliebe ich mich immer wieder aufs Neue. Man muss für Radiance etwas Geduld aufbringen: Die Handlung springt munter kreuz und quer in der Lebenszeit von Severin und braucht etwas, bis alle Charaktere eingeführt sind und man eine Idee von den Geschehnissen entwickelt. Severin ist zwar der Dreh- und Angelpunkt, aber alle Ereignisse ihres Lebens erfahren wir aus zweiter Hand. Es gibt ihren Vater und seine Schar an Exfrauen, den Geliebten, das Adoptivkind, die Kamera, die zum Mutterersatz wird… Severin ist eine ganz und gar öffentliche Person, die sowohl an Kinderstars als auch It-Girls erinnert. Die wohl faszinierendsten Geschöpfe aber, die Valente dem Leser im Laufe des Buches vorstellt, sind die auf Venus vorkommenden callow whales. Diese Wale produzieren eine Milch, die für die Menschheit unerlässlich ist, um längere Zeit im Weltraum überleben zu können, und dementsprechend von Tauchern gemolken werden. Ein Dorf solcher Taucher erlebt ein ähnliches Schicksal wie die Kolonie Roanoke und fasziniert Severin zutiefst. Ihr Dokumentarfilm The Radiant Car Thy Sparrows Drew soll sich genau mit diesem Mysterium beschäftigen – das sie selbst dabei zum fast größeren Mysterium wird, ist schon leicht ironisch.

„A tale may have exactly three beginnings: one for the audience, one for the artist, and one for the poor bastard who has to live in it.“

Radiance greift auf viele unterschiedliche Einflüsse zurück. Film ist dabei wohl der größte Faktor: Neben dem Glanz des alten Hollywood finden sich viele Film noir Anlehnungen, und Erklärungen zum Entstehungsprozess der Streifen. Ein Charakter nimmt den Leser sogar mit in einen Kinosaal und beschreibt, wie dieses Medium auf ihn wirkt. Sehr angenehm fand ich, dass Valente genau das richtige Maß an Sci-Fi Elementen trifft. Man kann die verschiedenen Planeten und Lokalitäten gut visualisieren, es gleitet aber nie in überbordende Science Fiction ab.

Ein wenig ist die Geschichte von Severin ein Puzzle, das sich nach und nach zusammensetzt, und dessen Ergebnis man so nicht im Voraus erraten kann. Gerade ein visuelles Bild kurz vor Ende ist unheimlich stark und den entsprechenden Absatz musste ich einfach mehrfach lesen. Wenn das überragende Deathless nicht wäre, wäre Radiance sicher mein liebstes Buch von Valente!


BUCHDETAILS

Verlag: Tor Books
ISBN: 9780765335296
Erscheinungsdatum: 20.10.2015
Rating: 4/5

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