[Gelesen] Caraval

Manchmal ist es bei Büchern so wie bei Menschen: Man will sie eigentlich mögen, aber es passt halt nicht immer. Und teilweise ist es gar nicht so einfach festzumachen, woran das liegt… Die englische Ausgabe von Caraval ist Ende Januar erschienen, mittlerweile liegt auch schon die deutsche Übersetzung von Stephanie Garbers Debütroman vor. Vor Erscheinen ist das Buch bereits im englischen Sprachraum gehypt worden, und ich habe mich nicht zuletzt wegen der Vergleiche zu The Night Circus und den ansprechenden Klappentext auf den Roman gefreut. Diese Freude ist allerdings recht schnell Ernüchterung gewichen, weswegen es in diesem Beitrag um einige der Punkte gehen soll, an denen ich mich bei der Lektüre gestoßen habe. Dreh- und Angelpunkt der Handlung ist dabei eine mysteriöse Performance, die dem Roman seinen Namen gibt: Caraval.

stephanie garber - caraval

“Whatever you’ve heard about Caraval, it doesn’t compare to the reality. It’s more than just a game or performance. It’s the closest you’ll ever find yourself magic in this world.”

Die Schwestern Scarlett und Donatella leben auf einer abgeschiedenen Insel mit einem sehr gewalttätigen Vater. Durch die Erzählungen ihrer Großmutter träumen sie seit ihrer Kindheit davon, eines Tages eine der raren Einladung zu Caraval zu erhalten, und Scarlett schreibt Jahr für Jahr Briefe an den Ausrichter dieser Performance, den sagenumwobenen Legend. Zu Beginn dieses Buches sind beide Schwestern mittlerweile zu jungen Frauen herangewachsen und glauben kaum noch daran, ihren Traum zu erfüllen. Kurz bevor Scarletts Hochzeit mit einem unbekannten Grafen ihnen eine neue Zukunft ermöglichen soll, kommt es aber, wie es kommen muss: Der Besuch des diesjährigen Caraval wird möglich. Allerdings ist nichts wie es scheint und auch die Zeit arbeitet gegen die Schwestern – und schon beginnt das Spiel!

Naivität und die Kunst, die richtigen Fragen zu stellen

Scarlett ist der Charakter, durch den der Leser das Buch erlebt. Trotz aller Widrigkeiten hat sie sich ihren Glauben an das Gute im Menschen bewahrt und unterstellt nie von Grund auf böse Absichten. Schwierig nur, wenn alle anderen Charaktere das gnadenlos ausnutzen. Mich hat es unglaublich gestört, wie häufig Scarlett vorgeführt wird für ihre scheinbare Naivität. Alle Charaktere außer ihr beharren darauf, schlecht zu sein. Dazu wird Scarlett auch immer wieder gesagt, dass sie die falschen Fragen stelle beziehungsweise alles schlicht zu hinterfragen habe. Man wartet förmlich nur noch auf die nächste Intrige und vertraut dem Buch aus Prinzip nicht weiter als man es werfen könnte. Dürfte Scarlett sich dabei wenigstens entwickeln oder wäre nicht so allein mit ihrem Charakter, könnte ich mich damit vielleicht anfreunden, so leider nicht.

Männer, Motten, Mitternacht

Nur wunderschöne Charaktere auf weiter Flur, dass ist leider nichts neues in Jugendbüchern. In Caraval tummeln sich aber ausgenommen viele schöne Männer, die um die beiden Schwestern wie die Motten ums Licht schwirren. Und obwohl Garber die Liebespaare klar aufstellt, kommen keine Gefühle herüber. Viel eher verstärkt das ganze bei Scarlett nur noch mehr ihre Naivität, denn anders lässt sich ihre Verliebtheit nach wenigen Tagen, die sogar fast die Liebe zu ihrer Schwester in den Schatten stellt, nicht erklären. Vielleicht würdige ich aber auch lediglich den Reiz von freien Oberkörpern, Tätowierungen und Bauchmuskeln zu wenig? Abgerundet werden viele Szenen mit ausschweifenden Metaphern, die zwar viele Adjektive und Wortbilder beinhalten, aber keinen Sinn.

Schnitzeljagd auf einer Insel (oder so in etwa)

Ein Spiel, Performance, Traum… Es dauert etwas, bis man wirklich greifen kann, was es mit Caraval auf sich hat. Fünf Rätsel sind innerhalb von fünf Nächten zu lösen, dafür winkt ein Wunsch als Gewinn. Ausgerichtet wird Caraval auf der privaten Insel von Legend, von dem aber niemand so recht weiß, wie er aussieht. Leider weiß ich von seiner Insel fast noch weniger nach dem Buch: Der Schauplatz wird komplett verschenkt meiner Meinung nach. Die Taverne, ein Castillo, Geschäfte – das findet sich an Orten vor, aber ich hätte gerne Dschungel, Höhlen, ach, sogar Strand lieber als Schauplätze gehabt. Wofür sonst eine Insel? Um die Leute plausibler verschwinden zu lassen? Den Zaubertrick beherrscht das Buch nämlich, nachdem zweiten Rätsel sind alle anderen Mitspieler irgendwie… weg?

Magie ist tückisch

Als Leser erfährt man nicht viel von der Welt, in der Scarlett und co. leben. Im Laufe der fünf Nächte wird klar, dass zumindest während Caraval Magie existiert. Dabei tritt diese aber nur wirklich zweimal in Aktion und davon wirkt vor allem eines am magischsten: Die Kleider. Wunderschöne, perfekte, sich teilweise den Situationen anpassende Kleider. Warum? Keine Ahnung, vielleicht bekommt man nur einen wunderschönen Mann in einem wunderschönen Kleid ab? Die Magie, mit der Scarlett eines der Kleider bezahlen muss, fand ich viel faszinierender, aber gut, sieht man nicht viel von. Generell hätte ich gerne so viel mehr Magie oder Illusionen (so ganz überzeugt von der Magie bin ich noch nicht) gesehen! Viel zu schnell wird hinter die Kulissen der Insel geblickt und ich hätte mir mehr Verzauberung beim Lesen gewünscht.

Wünsche werden nicht immer wahr

So wie sich Scarletts Hoffnungen nicht wirklich erfüllen, hat sich auch meine Erwartung für Caraval nicht bewahrheitet. Im Vorfeld war ich mir sehr sicher, dass es zwar vielleicht nicht mein neues Lieblingsbuch wird, aber das ich es zumindest sehr mögen würde. Das hat in diesem Fall leider nicht geklappt und regt mich eher mal wieder zum Nachdenken an, ob ich nicht generell kritischer an das Genre Jugendbuch herangehen sollte beziehungsweise es langsam aber stetig aus meiner Lektüre ausklammere. Ich werde mir auf jeden Fall noch einige Besprechungen zu Caraval ansehen und durchlesen, um zu verstehen, was genau so viele an diesem Buch begeistert und vielleicht schwappt der ein oder andere Funke ja noch rüber? Positiver gestimmt waren auf jeden Fall schon diese Besprechungen:

Sternenbrise | Buchstabenstadt | Zwischen den Seiten | Das Bücherregal


BUCHDETAILS

Verlag: Flatiron Books
ISBN: 9781250095251
Erscheinungsdatum: 31.01.2017
 Rating: 1/5

Advertisements

2 Gedanken zu “[Gelesen] Caraval

  1. Tante Tex schreibt:

    Schön, dass ich nicht die einzige bin, die den Hype um dieses Buch nicht versteht. Bei vielen deiner Argumente konnte ich bestätigend nicken. Zu viel Drama, Chic und Schönheit, zu wenig Magie, Zauber und Mysterium.

    Gefällt 1 Person

    • poesielos schreibt:

      Mehr Magie, Zauber und Mysterium wäre wirklich ein Traum gewesen! Aber ich hätte schon stutzig bei dem Vergleich zum Nachtzirkus werden sollen. Die Verlage haben den Hype auf jeden Fall gut hinbekommen, dass muss man ihnen lassen.. bei der einen englischen Ausgabe gibt es ja auch noch unterschiedliche Prägungen unter dem Schutzumschlag, damit die ganz Sammelwütigen sich gleich fünf Ausgaben kaufen können.

      Ich hoffe, deine momentane Lektüre sagt dir wieder mehr zu! 🙂

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s