[Gelesen] Wein und Haschisch

Heute vor 150 Jahren verstarb Charles Baudelaire im Alter von nur 46 Jahren in Paris. Der Schriftsteller, der dank Les Fleurs du Mal (dt.: Die Blumen des Bösen) als einer der bedeutendsten Lyriker Frankreichs gilt und Geschichten von Edgar Allan Poe übersetzte und herausgab, hat neben diesen Werken der Nachwelt auch einige Essays hinterlassen. Eine Auswahl dieser ist jetzt zum Todestag unter dem Titel Wein und Haschisch in der Manesse Bibliothek der Weltliteratur erschienen.

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„Was wäre daran im Übrigen erstaunlich, wenn man bedenkt, dass jeder gesunde Mensch zwei Tage ohne Nahrung auskommen kann – aber niemals ohne Dichtung?“ – S. 29

Wein und Haschisch umfasst insgesamt sechs Essays, deren Thematiken unterschiedlich nicht sein könnten:

  1. Auswahl tröstlicher Maximen über die Liebe
  2. Ratschläge an junge Literaten
  3. Wein und Haschisch
  4. Was uns das Spielzeug lehrt
  5. «Madame Bovary» von Gustave Flaubert
  6. Richard Wagner und der «Tannhäuser» in Paris

Neben dem titelgebenden Text, in dem sich Baudelaire mit den Vor- und Nachteilen der beiden Genussmittel auseinandersetzt, erwarten den Leser ein buntes Potpourri aus Lebensweisheiten, Betrachtungen, Analysen und Ratschlägen. Dank der Anmerkungen zum Text, welche zeitgenössische Anspielungen und Querverweise erklären, sind die Essays durchweg verständlich und Baudelaires Gedankengänge gut nachvollziehbar.

Sind die ersten vier Essays relativ kurz, so nimmt sich Baudelaire bei den folgenden beiden Texten die Zeit für einen Rundumschlag. Nicht nur das Buch Madame Bovary oder die Oper Tannhäuser werden von ihm besprochen, sondern er bringt auch seine Bewunderung beziehungsweise Begeisterung für deren jeweilige Schöpfer zum Ausdruck. Bei Wagner hat man zuweilen das Gefühl, er verliere sich etwas zwischen den Sätzen, aber es vermittelt genau die Eindrücke, die Baudelaire zu dieser Oper hatte. Es ist faszinierend, wenn man überlegt, dass Baudelaire und seine Zeitgenossen in die Oper gehen oder die Stücke selber spielen mussten, um sie zu erleben – dadurch nimmt natürlich die Beschreibung einen ganz anderen Stellenwert ein als heutzutage, wo man die Oper jederzeit abrufbereit hat. Auch die Entrüstung über Emma Bovary als Charakter wird greifbar, und seine Interpretation zu ihr war ein interessanter Ansatz, zu dem ich so nicht gefunden hätte.

„Behaupten wir also nicht, wie es viele mit einer unterschwelligen Spur von Missmut tun, das Buch verdanke seine große Beliebtheit dem Gerichtsverfahren und dem Freispruch. Wäre das Buch nicht in Bedrängnis geraten, wäre ihm die gleiche Neugier zuteilgeworden, hätte es das gleiche Staunen und die gleiche Unruhe ausgelöst.“ – S. 90

So brillant einige Sätze von Baudelaire sind, so gelungen ist auch die Gestaltung dieses Bandes und lässt das bibliophile Herz höher schlagen. Die Vorzugsausgabe ist mit dunkelrotem Samt bezogen und mit goldener Folienprägung veredelt, ein Lesebändchen gibt es ebenfalls. Durch die Maße von  15,5 x 9,5 cm kann man somit durchaus von einem Kleinod sprechen! Tilman Krause steuert ein Nachwort bei, welches es zwar nicht unbedingt gebraucht hätte, die Sammlung aber gut abrundet. 

Von einigen Anspielungen einmal abgesehen, liest sich diese Sammlung Essays von Charles Baudelaire ungemein universell und macht Lust auf mehr. Kaum fassbar, dass diese Texte bereits vor über 150 Jahren verfasst wurden! Und umso tragischer, dass Baudelaire bereits so früh verstorben ist.

Vielen Dank an Manesse für das Rezensionsexemplar

Weitere Eindrücke zum Buch gibt es zu lesen bei Lesestunden und Die Buchblogger


BUCHDETAILS

Verlag: Manesse
Übersetzerin: Melanie Walz
Nachwort: Tilman Krause
ISBN: 9783717524304
Erscheinungsdatum: 13.06.2017
Bewertung: 4/5

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