[Gelesen+Gesehen] Mord im Orientexpress

Agatha Christie ist eine der erfolgreichsten Autorinnen weltweit, die vor allem durch ihre Kriminalromane bekannt ist. Bisher hatte ich nur Und dann gabs keines mehr von ihr gelesen (wie bitte ist das schon zwei Jahre her?!), aber der Titel war schon unglaublich genial aufgebaut. Mord im Orientexpress ist mit einer der bekanntesten ihrer Romane und ich wollte ihn schon seit Ewigkeiten lesen… Glücklicherweise habe ich das Buch dieses Jahr zum Geburtstag geschenkt bekommen und konnte nach der Lektüre gleich noch die neue Verfilmung im Kino sehen.

Mord im Orientexpress

Eine Zugfahrt in den Tod

Der Titel Mord im Orientexpress gibt schon viel Aufschluss darüber, was einem in diesem Buch erwartet: Der belgische Meisterdetektiv Hercule Poirot reist mit dem legendären  Orientexpress von Istanbul nach London. Mitten auf der Strecke bleibt der Zug in Jugoslawien im Schnee stecken und es ereignet sich ein Mord in der Nacht. Wer der Fahrgäste ist der Täter? Oder war noch jemand unbekanntes an Bord? Poirot wird um Hilfe bei der Aufklärung des Mordes gebeten und gemeinsam mit dem Meisterdetektiv rätselt auch der Leser.

Mit Raten und Nachdenken zur Wahrheit

Mord im Orientexpress ist 1934 erschienen und ist daher etwas anders aufgebaut als zeitgenössische Kriminalgeschichten. Mir hat diese klassische Whodunit-Geschichte aber  gerade dadurch sehr gut gefallen. Poirot geht sehr logisch und nüchtern vor in seiner Untersuchung: Den Großteil des Buches interviewt er die einzelnen Fahrgäste und prüft ihre Geschichten auf Herz und Nieren. Es ist eine willkürliche Schar an Charakteren aus den verschiedensten Schichten, Berufen und Ländern, die einen interessanten Einblick in die damalige Zeit und ihre Gepflogenheiten bietet. Obwohl dies hier nicht der erste Fall von Poirot ist, kommt man gut in die Geschichte hinein und ich mochte seine Art unglaublich gern. Er ist trocken und nimmt teilweise kein Blatt vor den Mund, aber bleibt dabei trotzdem höflich und fair. Das zeigt sich auch bei der Auflösung des Falls, die ich im Verlauf der Geschichte absolut nicht erahnen konnte. Christie löst den Mord genial auf und bietet gleichzeitig viel Raum für Diskussionen, da die Lösung doch kontrovers ist.

„Lügen denn alle in diesem Zug?“
„Genau das werden wir in Kürze herausfinden“, sagte Poirot.“ | Seite 326

Inspiriert ist die Geschichte übrigens zum einen von Christies eigenen Reisen im Orientexpress, zum anderen von einem wirklichen Kriminalfall: Der Entführung des Lindbergh-Babys 1932. Dieser Fall war zum Erscheinungsdatum des Romans noch nicht aufgeklärt und es ist faszinierend, wie Christie in ihrem Roman so ein aktuelles Thema der Zeit mit eingebunden hat.

Buch vs Film

Ich war von dem Buch komplett begeistert und war nur wenige Tage nach beenden des Buches im Kino, um die neue Verfilmung von und mit Kenneth Branagh zu sehen. Vielleicht war es ein Fehler, so wenig Zeit zwischen Buch und Film verstreichen zu lassen? Visuell ist der Film einfach wunderbar geglückt, allein der Zug sieht einfach nur wunderschön aus und die Besetzung ist hochkarätig. Branagh zwingt Poirot allerdings seinen eigenen Stempel auf und so wirkt der Meisterdetektiv über weite Teile des Films fast lächerlich wie Monk. Die Handlung wird um einige Actionelemente ergänzt, die nicht Not tun, und von Anfang an weist einen der Film sehr offensichtlich auf gewisse Tatsachen hin. Teilweise hatte ich das Gefühl, dass Branagh dem Zuschauer hier nicht zutraut, der Handlung genug folgen zu können, um am Ende die Auflösung zu verstehen. Ich mag mir gerne noch einige der älteren Adaptionen des Buches ansehen, aber die 2017er Version hat mich sehr enttäuscht aus dem Kino entlassen und meine Empfehlung gilt ganz klar der Lektüre des Buches.


BUCHDETAILS

 Verlag: FISCHER
Übersetzer: Otto Bayer
ISBN: 9783596511136
Erscheinungsdatum: 13.10.2009
Rating: 5/5

Advertisements

3 Gedanken zu “[Gelesen+Gesehen] Mord im Orientexpress

  1. stachelbeermond schreibt:

    Den neuen „Mord im Orientexpress“ habe ich auch gerade vorgestern gesehen und ich schließe mich deiner Meinung an – tolle Drehorte, tolle Schauspieler, wunderbare Ausstattung, schade um die geniale Story. Der „Mord im Orientexpress“ von 1974 mit Peter Ustinov ist sehr zu empfehlen. Zwar ist Poirot auch hier sehr verändert im Gegensatz zu den Büchern, aber die Geschichte ist mit sehr viel mehr Feingefühl erzählt, der Aha-Effekt am Ende ungleich größer (naja, ausser man kennt ihn schon) und ich fand auch die ganze Machart des Films besser als bei der Version von 2017. Ach ja. Ich würde ihn gern auch nochmal zum ersten Mal ansehen können…

    Gefällt 1 Person

    • poesielos schreibt:

      Oh, danke für den Tipp! In die 2001er Version hatte ich jetzt schon mal reingeschaut, aber die ist etwas arg ‚modern‘ – allerdings spannend, wie unterschiedlich Poirot dargestellt wird. Die 1974er Fassung werde ich mir auf jeden Fall auch noch ansehen 🙂

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s