[Gelesen] Good Night Stories for Rebel Girls

Crowdfunding Projekte mögen vielleicht nicht immer glatt laufen, aber die Ideen dahinter sind häufig toll und man merkt einfach, wenn in ein Projekt viel Herzblut fließt. Die ursprüngliche Kampagne zu Good Night Stories for Rebel Girl im Frühjahr 2016 habe ich leider verpasst – aber das ganze war so ein Erfolg, dass es das fertige Buch jetzt auch so im Handel zu erwerben gibt. Und es ist einfach nur großartig geworden!

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Es war einmal…

So wie viele Märchen beginnen, beginnen auch die meisten Geschichten in Good Night Stories for Rebel Girls. Allerdings mit einem kleinen, feinen Unterschied: Statt von Prinzessinnen, bösen Hexen, guten Feen oder sonstigen Sagengestalten, erzählen die von Elena Favilli und Francesca Cavallo zusammengestellten Gute-Nacht-Geschichten alle von realen Frauen und ihren außergewöhnlichen Erlebnissen oder besonderen Leistungen. Mit dabei sind nicht nur „Klassiker“ wie Elizabeth I. oder Amelia Earhart, sondern auch viele eher unbekannte Frauen aus den unterschiedlichsten Jahrhunderten und Ländern, wodurch es einiges für Groß und Klein zu entdecken gibt. Gerade bei der Auswahl der lebenden Frauen war mir der Großteil völlig unbekannt!

Liebe zum Detail

Die Gute-Nacht-Geschichten sind natürlich primär auf ein jüngeres Publikum zugeschnitten, aber jede Altersgruppe wird mit Good Night Stories for Rebel Girls seine Freude haben. Knapp 100 Frauen werden vorgestellt, wobei jede eine eigene Doppelseite bekommt: Auf der linken Seite finden sich in einfachen Sätzen die Eckdaten zur Person sowie die Lebensgeschichte verpackt als Gute-Nacht-Geschichte. Die rechte Seite dagegen schmückt ein Porträt der Person, in dem sich zudem auch ein Zitat von ihr versteckt. Der Stil der Porträts ist dabei ganz unterschiedlich, da insgesamt 60 verschiedene Künstlerinnen Werke beigesteuert haben -von den meisten mag man sich sofort die Bilder an die Wand hängen, so schön sind sie!- aber das Gesamtpaket ist trotzdem absolut stimmig. Das Papier ist etwas dicker, sodass es auch viele Abende problemlos übersteht, und die Größe des Buchs ist mit etwas mehr als A5 auch angenehm. Am Ende des Buches findet sich übrigens auch noch eine leere Doppelseite, um die eigene Geschichte samt Porträt festhalten zu können.

Inspiration für Morgen

Elena Favilli und Francesca Cavallo haben mit Good Night Stories for Rebel Girls ein wirklich tolles Projekt verwirklicht, dass voller Inspiration und Mut daherkommt. Ich finde es großartig, dass man Kinder mit diesem Buch zeigen kann, das auch gewöhnliche Frauen außergewöhnliches schaffen und erleben können und man nicht unbedingt erst zur Sagengestalt mutieren muss. Die kurzen Biografien laden dazu noch zur weiteren Recherche zur Person ein, und ich hätte mir fast noch mehr Seiten mit mehr Geschichten gewünscht. Gegen einen zweiten Band mit Gute-Nacht-Geschichten hätte ich definitiv nichts einzuwenden. Die deutsche Ausgabe Good Night Stories for Rebel Girls: 100 außergewöhnliche Frauen erscheint übrigens voraussichtlich am 25. September 2017 im Carl Hanser Verlag.


Zwei weitere Meinungen zu dem Buch findet ihr bei Matschbanana und Andrea Harmonika 🙂


BUCHDETAILS

Verlag: Particular Books
ISBN: 9780141986005
Erscheinungsdatum: 02.03.2017
 Rating: 5/5

[Gelesen] The Girl Before – Sie war wie du. Und jetzt ist sie tot

Zwei Frauen, zwei unterschiedliche Schicksalsschläge und ein besonderes Haus – Folgate Street Nummer 1 zieht sowohl Emma als auch Jane von Anfang an in seinen Bann, genauso wie sein Architekt. In zwei verschiedenen Zeitebenen verfolgt man als Leser, wie es den Frauen in diesem hochmodernen, minimalistisch eingerichtetem Haus ergeht und welche Auswirkungen es auf sie und ihre Umgebung hat.

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„Ich denke“, erwidert sie, blinkt und wechselt auf die linke Fahrspur, „dass wir uns die Wohnung erst ansehen sollten, um festzustellen, ob Sie sich in sie verlieben. Danach erkläre ich Ihnen, wo der Haken ist.“ – S. 15

The Girl Before ist der erste Psychothriller, der unter dem Namen JP Delaney erscheint, wobei der Autor hinter dem Pseudonym bereits mehrere Romane verfasst hat. Mich hat sowohl der Klappentext als auch die tolle Aufmachung der Klappenbroschur sofort angesprochen und ich war sehr gespannt darauf – nicht zuletzt, weil ich Thriller nicht sehr häufig lese. Die Geschichte war dann allerdings doch etwas anders als erwartet.

Damals: Emma | Heute: Jane

Die Kapitel springen immer zwischen Emmas und Janes Geschichte hin und her. Beide Frauen haben schlimmes durchgemacht und sehnen sich nach einem Neustart. Es gab Momente, wo mir die Schicksalsschläge fast zu viel wurden – es kam immer noch eine Enthüllung, noch eine Einzelheit dazu und eigentlich war beides an für sich schon schlimm genug: Emma erlebt einen Wohnungseinbruch samt Bedrohung durch die Einbrecher, Jane macht eine Totgeburt durch.

Für den Neustart wollen beide Frauen in eine neue Wohnung ziehen und der Makler führt ihnen nach etlichen nicht passenden Objekten Folgate Street Nummer 1 vor. Das Haus kommt mit einem ganzen Regelwerk, Bewerbungsstress und und und daher, aber sowohl Emma als auch Jane sind Feuer und Flamme. Sowohl das Haus als auch der Architekt, der über die Bewerbung entscheidet, fasziniert. Was aber sowohl der Leser als auch Jane bald erfährt: Ihre Vormieterin Emma ist in dem Haus gestorben. Einerseits folgt man also Emma auf ihrem Weg zum Ende, andererseits stellt Jane Ermittlungen zu dem Fall an.

Folgate Street Nummer 1

Der Hauptschauplatz der Geschichte ist immer wieder dieses Haus und ich bin sehr gespannt, wie es Ron Howard später in der bereits geplanten Verfilmung umsetzen wird. Ein Traum in Grau, beinahe karg eingerichtet – Regeln wie keine Hauspflanzen, Bücher oder Sachen auf dem Boden verlangen dem Mieter schon einiges ab. Unterstützt wird das ganze durch Housekeeper, das Programm, welches das Haus kontrolliert. Haustürschlüssel? Braucht es nicht, Housekeeper erkennt ein spezielles Armband oder das Smartphone seines Mieters und öffnet die Tür. Lichtverhältnisse, Wasserdruck, Nutzung der Räume… Housekeeper steuert und registriert alles und in regelmäßigen Abständen gibt es Fragebögen, um zu sehen, wie sich diese Verhältnisse auf den Mieter auswirken beziehungsweise wie Housekeeper angepasst werden muss. Zwischendurch werden auch immer wieder diese Fragen aus dem Fragebogen im Buch eingestreut, sodass man als Leser selbst über seine Antworten nachdenken kann. Die Vorstellung vom Smart Home finde ich generell sehr faszinierend und JP Delaney hat mit diesem Haus sehr gut die Vor- und Nachteile dahinter dargestellt.

Neustart?

So begeistert die Frauen in diesem Buch von dem neuen Haus sind, so verhalten reagiert ihre Umwelt darauf. Die Regeln erfordern ein hohes Mass an Disziplin und die Beziehung mit dem Architekten Edward Monkford verschwimmt immer mehr. Hier schafft der Autor einige Spiegelungen in den Kapiteln, bei denen man sich als Leser doch etwas unwohl fühlt… gerade zum Ende hin. Und so wird der Traum vom Neustart schnell zu einem Alptraum in beiden Zeitebenen.

Es ist wie eine Festung, habe ich zu Simon gesagt. Aber was, wenn das Haus selbst beschließt, mich nicht zu beschützen? Wie sicher bin ich dann hier noch? Plötzlich bekomme ich Angst. – S. 326

JP Delaney schafft es, alle losen Fäden am Ende zusammenlaufen zu lassen und die Hinweise fürs Ende gut im gesamten Buch zu verstreuen. Die Handlung selbst bleibt allerdings bis auf ein, zwei Wendungen relativ gradlinig und wenig überraschend. Für einen Thriller hätte ich mir doch etwas mehr Spannung gewünscht. Ich kann mir aber vorstellen, dass die Geschichte selbst als Film etwas besser funktionieren könnte. Die Geschichte von Emma fand ich etwas besser als Janes, obwohl beide Frauen ihre Markel hatten und nicht sonderlich sympathisch sind. Die Fragen zwischendurch zwingen einen als Leser immer wieder zur Selbstreflexion, was mir sehr gefallen hat. The Girl Before ist mit ein paar Abstrichen ein sehr solides Buch und ich bin sehr gespannt, was der Autor als nächstes schreiben wird.

Vielen Dank an Penguin für das Rezensionsexemplar! 

Weitere Eindrücke zu The Girl Before – Sie war wie du. Und jetzt ist sie tot gibt es hier:
eulenmatz | live your life with booksBuchstabenstadt | lavender books


BUCHDETAILS

Verlag: Penguin
Übersetzer: Karin Dufner
ISBN: 9783328100997
Erscheinungsdatum: 25.04.2017
 Rating: 3/5

[Eindruck] When We Collided

Contemporary (=zeitgenössische Literatur, die ohne fantastische Elemente auskommt, und in der Zeit spielt, in der der Text geschrieben wurde) ist nicht unbedingt ein Genre, dass mich besonders reizt. Wäre es nicht vor einem Jahr in der Illumicrate gewesen, wäre deshalb auch When We Collided von Emery Lord gar nicht erst hier eingezogen. Da aber zumindest das Cover wirklich toll aussieht und ich die ganzen ungelesenen Titel aus Buchboxen endlich „abarbeiten“ mag, hat es endlich seine Chance bekommen.

Die Geschichte wird abwechselnd aus der Sicht von Vivi und Jonah erzählt: Jonah hat vor ein paar Monaten seinen Vater verloren und probiert, Schule, Familienrestaurant, kleine Geschwister und depressive (weil stark trauernde) Mutter unter einen Hut zu kriegen. Vivi dagegen ist nur für den Sommer mit ihrer Mutter in das kleine Städtchen Verona Cove gezogen und es wird schnell deutlich, dass bei ihr vor kurzem eine bipolare Störung diagnostiziert wurde.

„You don’t have to tell me,“ I say, cutting her off. “In fact I’d rather you didn’t. I don’t mind being introduced to people’s skeletons firsthand, in person. I more than don’t mind it. I prefer to reach right into the closet and shake their bony hands and say hello for myself.” – S. 34

Ich würde jetzt gerne davon berichten, wie wundervoll mir das Buch gefallen und vollkommen überrascht es mich doch hat. Hat es nur leider nicht. Tatsächlich war ich so genervt von Vivi und den angerissenen Themen, dass ich es schon nach 65 Seiten abgebrochen habe. Nicht, dass Themen wie bipolare Störung, Depression, Trauer und und und mich stören, im Gegenteil: Es ist unglaublich wichtig, dass sie in Büchern dargestellt werden! Allerdings ist es schon fast alles zu viel und übertrieben in When We CollidedIMG_0076So wohl Jonah als auch Vivi bringen genug Ballast mit, um ein ganzes Buch auszufüllen. Das diese beiden in einer Geschichte aufeinander treffen und sich die Seiten teilen müssen, finde ich sehr unglücklich, weil einfach zu wenig Seiten da sind, um alle Themen richtig aufgreifen zu können. Obwohl die Kapitel immer wechseln, hatte ich jetzt bereits das Gefühl, dass Jonah nur sehr wenig Raum bekommt, und das dies durch seine sofortige Verliebtheit kompensiert wird. Und dann ist da natürlich V i v i – ich habe seit Ewigkeiten keinen Charakter mehr gelesen, der so sehr in die Rolle des Manic Pixie Dream Girls passt. Das fängt mit ihrer Aktion mit dem Baum gleich in den ersten Sätzen des Buchs an, geht über ihre Dialoge weiter zu ihrem Marilyn Monroe Look und endete für mich in ihrem Auftreten bei Jonahs Familie.

Wenn man ein Buch abbricht, kann es natürlich immer passieren, dass man ihm Unrecht tut. Für mich hatte ich aber das Gefühl bereits eine so konkrete Vorstellung von dem weiteren Verlauf der Handlung zu haben, dass ich mich nicht durch noch fast 300 Seiten quälen mag. Dieses Buch wird nicht mit einem Happy End enden. Wahrscheinlich wird Vivi noch durch mehrere Phasen gehen, bis sie irgendwann wieder ihre Medikamente nehmen wird, während Jonahs Familie wieder zurück in den Alltag findet und sich zusammenrauft. So oder so ähnlich. Und da auch leider sprachlich das ganze nicht besonders überzeugt, wird When We Collided mich beim nächsten Aussortieren definitiv verlassen.


BUCHDETAILS

Verlag: Bloomsbury Children’s
ISBN: 9781408870082
Erscheinungsdatum: 07.04.2016
 Bewertung: 1/5 | abgebrochen

[Eindrücke] Bone Gap, We Are Okay, The Song Rising

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Laura Ruby: Bone Gap
“She had no intention of breaking anyone’s heart, except maybe her own.”
Magischer Realismus gemischt mit griechischer Mythologie – irgendwie hatte ich mir was anderes unter Bone Gap vorgestellt und wurde mit der Geschichte nicht warm. In Rozas Kapiteln steckten ein paar tolle Aussagen über Schönheit und die Rolle der Frau, aber das war es leider auch. Dazu waren fast alle Charaktere unsympathisch und die Auflösung schon fast lachhaft simpel.

Nina LaCour: We Are Okay
“I was okay just a moment ago. I will learn how to be okay again.”
Ein sehr ruhiges Buch, aber wundervoll geschrieben. Die Protagonistin Marin bleibt als einzige über die Winterferien auf dem Campus und wartet auf das Eintreffen ihrer ehemals besten Freundin. Der Leser erfährt nach und nach, warum Marin kaum noch mit Mabel Kontakt hat und was in den Monaten zwischen Schule und Collegebeginn passiert ist. Die Geschichte wirkt sehr lebensnah, die Protagonisten realistisch und die Einbindung von LGTBQ+ ist sehr gelungen.

Samantha Shannon: The Song Rising (The Bone Season #3)
“The wonderful thing about living in a morally bankrupt world is that every human being can be bought in one way or another. Everyone accepts a currency. Money, mercy, the illusion of power – there are always ways to purchase loyalty.”
Mir gefällt diese Reihe und ich mag den Großteil der Charaktere. Mir erschließt sich nur wirklich noch nicht, warum es partout 7 Bände werden sollen. Ein bisschen den Rotstift bei The Mime Order und The Song Rising angesetzt und man hätte einen (dicken) Band daraus machen können. Die Schnitzeljagd nach Informationen zu Senshield fand ich einfach nur langweilig und mir fehlt immer noch eine wirkliche Motivation für die Widersacher außer ‚wir sind halt böse und korrupt‘. Irgendwie wechselt Paige auch immer dann den Ort, wenn es eigentlich dort spannend wird… lassen wir uns überraschen, wie es irgendwann im vierten Band weitergeht!


BUCHDETAILS

Bone Gap                                                                                                                                 We Are Okay
Verlag:
Balzer + Bray                                                         Verlag: Dutton Books for Young Readers
ISBN: 9780062317605                                                                                             ISBN: 9780525425892
Erscheinungsdatum: 03.03.2015                                                Erscheinungsdatum: 14.02.2017
Bewertung: 2/5                                                                                                                   Bewertung: 5/5

The Song Rising
Verlag:
 Bloomsbury Publishing
ISBN: 9781408886069
Erscheinungsdatum: 07.03.2017
Bewertung: 3/5

[Gelesen] Smoke

Eine Woche habe ich zwischen den Seiten von Dan Vyletas Smoke verbracht, aber es ist ein Buch, über das ich sicherlich noch längere Zeit nachdenken werde. Zugrunde liegt dem Buch eine einfache Überlegung: Was wäre, wenn jede böse Tat, ja, sogar jeder böse Gedanke für jeden um einen herum sichtbar ist?

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Vielen Dank an carl’s books für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Eine alternative Welt

Smoke entführt den Leser in ein alternatives England im 19. Jahrhundert, indem genau das Realität ist: Jede kleinste Verfehlung wird durch Rauch, der aus dem Körper tritt, für die Umwelt sichtbar. Der Rauch und Ruß, den er hinterlässt, sind gesellschaftlich verpönt und für Gentlemen durch Tugend und Disziplin auf das wenigste zu reduzieren. Als Leser lernen wir gleich zu Beginn die Freunde Thomas und Charlie kennen, die gemeinsam ein Internat für Söhne der Oberschicht besuchen. Gerade Thomas kämpft dabei sehr mit dem Rauch und eckt immer wieder an. Konträr dazu sieht es in den Städten -allen voran London- aus, in denen sich die arme Bevölkerung tummelt und fast unkontrolliert vor sich hin raucht.

Inspiriert zu diesem Roman wurde Dan Vyleta durch einen kurzen Abschnitt aus Dombey und Sohn von Charles Dickens, was ich allein schon sehr faszinierend finde. Neben diesen Abschnitt, der das auch Buch einleitet, finden sich immer wieder zwischendurch Zitate, die (bis auf eine Ausnahme) aus Texten des realen 19. Jahrhunderts stammen und sehr gut die Handlung ergänzen. Der Schreibstil wirkte auf mich auch weitestgehend an die Zeit angepasst, sodass man als Leser nie durch unpassende Wörter oder ähnlichem herausgerissen wird.

Reise mit Folgen

Über die Weihnachtsfeiertage besuchen die Jungen eine Verwandte von Thomas, durch die bald alles bereits bekannte in Frage gestellt wird. Denn nicht für jeden scheinen die gleichen Regeln im Zusammenhang mit dem Rauch zu gelten und auch die Geschichte, die die beiden Jungen bisher gelehrt bekommen haben, bekommt Risse. Bei diesem Aufenthalt stößt auch die dritte im Bunde dazu: Livia. Gemeinsam mit ihr suchen Thomas und Charlie bald nach der Wahrheit hinter einem Gewirr aus Lügen, die sie gefühlt durch halb England und unglaublich viele menschliche Abgründe führen wird.

„Denn was ist der Rauch letzten Endes? Sehnen. Mut. Wut. Die Sorte Angst, die sich zur Faust ballt. Trotz. Triumph. Hoffnung. Das Tier in uns, das jeden Gehorsam verweigert.“ – S. 588

Gedankenexperiment

Obwohl die Handlung von Smoke im 19. Jahrhundert angesiedelt ist, lassen sich immer wieder Bezüge zur Gegenwart finden und vieles gibt Stoff zum Nachdenken. Allein der Rauch bietet schon sehr viele Ansatzmöglichkeiten für eine Geschichte – umso spannender fand ich beim Lesen, wie viele verschiedene Themen Vyleta während der Reise des Trios tatsächlich anschneidet. Um nur einige zu nennen:

  • Gesellschaftskritik
  • Klassenkampf
  • Abschottung und Ausgrenzung
  • Wissenschaft vs. Religion
  • Kriminalität – vererbbar oder nicht?
  • Verschwörungstheorien à la Phantomzeit

An mancher Stelle holt Vyleta dabei sehr weit aus und nicht alles wird komplett aufgedröselt, was vielleicht frustrieren kann. Mir hat es eigentlich gut gefallen, weil ich so das Gefühl hatte, dass die Welt von Smoke auch außerhalb der beschriebenen Handlung durchdacht und eben keine reine Pappkulisse für die Geschehnisse um Thomas, Charlie und Livia ist.

Gut und Böse

Eine der wichtigsten Fragen, die immer wieder in Smoke aufgeworfen wird, ist die von Gut und Böse. Der Rauch soll die Sünden des Menschen wiederspiegeln und es ist ein erklärtes Ziel für die Jungen zu Beginn möglichst sündenfrei zu werden. Jeder der Protagonisten wird im Laufe der Handlung mit seinem Rauch konfrontiert und es gibt verschiedene Reaktionen dazu. Denn inwieweit schließen sich Gut und Böse aus? Oder braucht es einfach nur die richtige Gewichtung?

Die Entwicklungen innerhalb des Trios haben mich dabei allesamt überzeugt und ich konnte mich in jedem der drei etwas wiederfinden. Ein Problem dagegen hatte ich mit den Gegenspielern: Diese wurden schon fast zu Karikaturen und waren nur böse ohne Nuancen. Gerade Julius hat mir in der Hinsicht Schwierigkeiten bereitet, weil seine Entwicklung gefühlt aus dem Nichts kam.

Potpourri der Genres

Man kann Smoke schwer einem einzelnen Genre zuordnen. Es ist gleichzeitig irgendwie historische Fantasy, Bildungsroman, Jugendbuch, Thriller, Gesellschaftsroman… ach, fast von allem ist irgendwie was dabei. Dass dieses Buch auf die unterschiedlichen Genres zurückgreift, war erfrischend anders, und ich war trotz der teilweise sehr umfangreichen Beschreibungen und Dialoge während der über 600 Seiten nie gelangweilt. Abstriche mache ich wirklich nur wegen der platten Widersacher und der Tatsache, dass die Hintergründe zum Rauch selber etwas im Sande verlaufen – ich hätte gerne mehr von Lady Naylor dazu gehört.

Neben der spannenden Reise von Thomas, Charlie und Livia werden dem Leser einfach noch so viele Impulse gegeben ohne je belehrend zu werden – das zusammen mit einer tollen Grundidee und gut konstruierten Welt hat einfach nur Spaß gemacht zu lesen! Im Vorfeld zu Smoke hatte ich noch nie etwas von Dan Vyleta gehört, aber nach diesem Buch habe ich definitiv Lust auf noch mehr von diesem Autor.


Einige weitere Eindrücke zum Buch findet ihr hier:
Nadine’s bunte Bücherwelt | Nicole Plath | Jodysart | Booktraveler


BUCHDETAILS

Verlag: carl’s books
Übersetzerin: Katrin Segerer
ISBN: 9783570585689
Erscheinungsdatum: 13.03.2017
Kaufen? Hier lang!
 Rating: 4/5

[Gelesen] Waking Gods

Vor etwas mehr als einem Jahr bin ich zufällig bei NetGalley über den ersten Band der Themis Files von Sylvain Neuvel gestolpert: Sleeping Giants. Die Handlung erinnert etwas an Pacific Rim, aber das Buch hat mich gerade durch seine Wendungen, Erzählstruktur und Charaktere schnell restlos begeistert. Auf die Fortsetzung habe ich sehr hingefiebert und mit ein, zwei kleinen Abstrichen hat auch Waking Gods mir wieder sehr gut gefallen.

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Zeitsprung

Seit den Ereignissen im ersten Band sind zehn Jahre vergangen. In der Zwischenzeit ist Themis als Beschützersymbol der Erde etabliert worden und auf der ganzen Welt bekannt – genauso wie ihre beiden Piloten, Kara Resnik und Vincent Couture. Die Erforschung des Roboters ist allerdings nicht viel weiter vorangeschritten und Rose Franklin steckt in einer leichten Sinnkrise aufgrund der Vorkommnisse in Sleeping Giants. Als neue Einheit ist das Team unter der Bezeichnung Earth Defense Corps aufgestellt. Zu Beginn des Buches kommt es zu einem Ereignis, dass die Charaktere allesamt auf eine Probe stellen wird: Mitten in London taucht plötzlich ein zweiter Roboter auf.

Und nun?

Fortan steht die Frage im Raum, wie man am besten auf dieses Ereignis reagiert. Ist der zweite Roboter eine Bedrohung, Kundschafter, Botschafter oder gar etwas ganz anderes? Das Kronos, wie er später genannt wird, einfach für Wochen unbeweglich und beinahe unnatürlich still im Regent’s Park steht, macht die Situation nur bedrohlicher. Man wartet gemeinsam mit den Charakteren förmlich darauf, dass etwas passiert und Sylvain Neuvel schafft es erneut, den Leser vollkommen in seine Geschichte hineinzuziehen. Was sich aus der Situation mit Kronos entwickelt, ist wieder ein Schlag in die Magengrube, nicht unähnlich dem, was sich bereits im ersten Band vorfindet und es soll auch nicht bei dem einen in Waking Gods bleiben.

Wendungen und Themenkomplexe

Abgesehen von der Erzählweise durch Logbucheinträge, Transkripte, Mails, Interviews, etc. fasziniert mich sowohl in Sleeping Giants als auch Waking Gods, wie Neuvel sich manche Dinge einfach, ja, traut. Es gibt immer wieder Wendungen oder Entwicklungen in den Büchern, die schwer vorhersehbar sind und wo man unsicher ist, wie Neuvel die Handlung danach voranbringen möchte. In Waking Gods gibt es mehre Dinge, die mir in diesem Bereich aufgefallen sind, wobei vor allem einige Charakterschickschale spannend waren. Teilweise bin ich mir hier wirklich nicht sicher, ob es kluge Entscheidungen waren… aber dadurch ist sofort meine Neugier auf den dritten Teil und die weiteren Entwicklungen geweckt!

“You were made for a particular purpose, but you can be anything you want. Anything, including that.” – S. 287

Generell hatte ich ab und zu das Gefühl, dass Waking Gods lediglich eine Brücke zwischen dem Auftakt der Reihe und dem, was noch kommen mag, darstellt. Die Karten werden neu gemischt und das Ende deutet daraufhin, dass eigentlich erst mit dem nächsten Band die Geschichte richtig losgehen wird. Trotzdem wird im zweiten Kapitel der Themis Files wieder sehr viel an Themen bearbeitet. Sei es allein wie die Absprache zwischen den einzelnen (Macht-)Instanzen der verschiedenen Ländern abläuft, was einen Mensch zum Menschen macht, Elternschaft als Konzept, der Wert von Leben und und und. Dazu werden die Perspektiven der bereits bekannten Charaktere immer wieder durch die andere Personen (z. B. Augenzeugen bestimmter Ereignisse) ergänzt.

Die Files

Im ersten Band wurde das Team und der Roboter zusammengeführt, der zweite Teil stellt die Ordnung auf den Kopf und wir sehen Themis das erste Mal in wirklicher Action. Ich bin furchtbar gespannt, was im nächsten Teil der Themis Files geschehen wird und in welche Richtung Neuvel die Geschichte insgesamt entwickelt. Dabei finde ich es fast schon erfrischend einmal nicht von Anfang an zu wissen, wie viele Bände es genau in der Reihe geben wird – wenn Neuvel so weiter macht wie bisher, dürfen es gerne ein paar mehr werden! Ich freue mich auf ein Wiedersehen mit Themis und den anderen im nächsten Jahr und werde die Bücher bis dahin sicher noch einmal nacheinander lesen.

Im Deutschen erscheinen die Themis Files übrigens im Heyne Verlag unter Giants. Sie sind erwacht (engl. Sleeping Giants) und Giants. Zorn der Götter (engl. Waking Gods). 


BUCHDETAILS

Verlag: Del Rey
ISBN: 9781101886724
Erscheinungsdatum: 04.04.2017
 Rating: 4.5/5

[Gelesen] Caraval

Manchmal ist es bei Büchern so wie bei Menschen: Man will sie eigentlich mögen, aber es passt halt nicht immer. Und teilweise ist es gar nicht so einfach festzumachen, woran das liegt… Die englische Ausgabe von Caraval ist Ende Januar erschienen, mittlerweile liegt auch schon die deutsche Übersetzung von Stephanie Garbers Debütroman vor. Vor Erscheinen ist das Buch bereits im englischen Sprachraum gehypt worden, und ich habe mich nicht zuletzt wegen der Vergleiche zu The Night Circus und den ansprechenden Klappentext auf den Roman gefreut. Diese Freude ist allerdings recht schnell Ernüchterung gewichen, weswegen es in diesem Beitrag um einige der Punkte gehen soll, an denen ich mich bei der Lektüre gestoßen habe. Dreh- und Angelpunkt der Handlung ist dabei eine mysteriöse Performance, die dem Roman seinen Namen gibt: Caraval.

stephanie garber - caraval

“Whatever you’ve heard about Caraval, it doesn’t compare to the reality. It’s more than just a game or performance. It’s the closest you’ll ever find yourself magic in this world.”

Die Schwestern Scarlett und Donatella leben auf einer abgeschiedenen Insel mit einem sehr gewalttätigen Vater. Durch die Erzählungen ihrer Großmutter träumen sie seit ihrer Kindheit davon, eines Tages eine der raren Einladung zu Caraval zu erhalten, und Scarlett schreibt Jahr für Jahr Briefe an den Ausrichter dieser Performance, den sagenumwobenen Legend. Zu Beginn dieses Buches sind beide Schwestern mittlerweile zu jungen Frauen herangewachsen und glauben kaum noch daran, ihren Traum zu erfüllen. Kurz bevor Scarletts Hochzeit mit einem unbekannten Grafen ihnen eine neue Zukunft ermöglichen soll, kommt es aber, wie es kommen muss: Der Besuch des diesjährigen Caraval wird möglich. Allerdings ist nichts wie es scheint und auch die Zeit arbeitet gegen die Schwestern – und schon beginnt das Spiel!

Naivität und die Kunst, die richtigen Fragen zu stellen

Scarlett ist der Charakter, durch den der Leser das Buch erlebt. Trotz aller Widrigkeiten hat sie sich ihren Glauben an das Gute im Menschen bewahrt und unterstellt nie von Grund auf böse Absichten. Schwierig nur, wenn alle anderen Charaktere das gnadenlos ausnutzen. Mich hat es unglaublich gestört, wie häufig Scarlett vorgeführt wird für ihre scheinbare Naivität. Alle Charaktere außer ihr beharren darauf, schlecht zu sein. Dazu wird Scarlett auch immer wieder gesagt, dass sie die falschen Fragen stelle beziehungsweise alles schlicht zu hinterfragen habe. Man wartet förmlich nur noch auf die nächste Intrige und vertraut dem Buch aus Prinzip nicht weiter als man es werfen könnte. Dürfte Scarlett sich dabei wenigstens entwickeln oder wäre nicht so allein mit ihrem Charakter, könnte ich mich damit vielleicht anfreunden, so leider nicht.

Männer, Motten, Mitternacht

Nur wunderschöne Charaktere auf weiter Flur, dass ist leider nichts neues in Jugendbüchern. In Caraval tummeln sich aber ausgenommen viele schöne Männer, die um die beiden Schwestern wie die Motten ums Licht schwirren. Und obwohl Garber die Liebespaare klar aufstellt, kommen keine Gefühle herüber. Viel eher verstärkt das ganze bei Scarlett nur noch mehr ihre Naivität, denn anders lässt sich ihre Verliebtheit nach wenigen Tagen, die sogar fast die Liebe zu ihrer Schwester in den Schatten stellt, nicht erklären. Vielleicht würdige ich aber auch lediglich den Reiz von freien Oberkörpern, Tätowierungen und Bauchmuskeln zu wenig? Abgerundet werden viele Szenen mit ausschweifenden Metaphern, die zwar viele Adjektive und Wortbilder beinhalten, aber keinen Sinn.

Schnitzeljagd auf einer Insel (oder so in etwa)

Ein Spiel, Performance, Traum… Es dauert etwas, bis man wirklich greifen kann, was es mit Caraval auf sich hat. Fünf Rätsel sind innerhalb von fünf Nächten zu lösen, dafür winkt ein Wunsch als Gewinn. Ausgerichtet wird Caraval auf der privaten Insel von Legend, von dem aber niemand so recht weiß, wie er aussieht. Leider weiß ich von seiner Insel fast noch weniger nach dem Buch: Der Schauplatz wird komplett verschenkt meiner Meinung nach. Die Taverne, ein Castillo, Geschäfte – das findet sich an Orten vor, aber ich hätte gerne Dschungel, Höhlen, ach, sogar Strand lieber als Schauplätze gehabt. Wofür sonst eine Insel? Um die Leute plausibler verschwinden zu lassen? Den Zaubertrick beherrscht das Buch nämlich, nachdem zweiten Rätsel sind alle anderen Mitspieler irgendwie… weg?

Magie ist tückisch

Als Leser erfährt man nicht viel von der Welt, in der Scarlett und co. leben. Im Laufe der fünf Nächte wird klar, dass zumindest während Caraval Magie existiert. Dabei tritt diese aber nur wirklich zweimal in Aktion und davon wirkt vor allem eines am magischsten: Die Kleider. Wunderschöne, perfekte, sich teilweise den Situationen anpassende Kleider. Warum? Keine Ahnung, vielleicht bekommt man nur einen wunderschönen Mann in einem wunderschönen Kleid ab? Die Magie, mit der Scarlett eines der Kleider bezahlen muss, fand ich viel faszinierender, aber gut, sieht man nicht viel von. Generell hätte ich gerne so viel mehr Magie oder Illusionen (so ganz überzeugt von der Magie bin ich noch nicht) gesehen! Viel zu schnell wird hinter die Kulissen der Insel geblickt und ich hätte mir mehr Verzauberung beim Lesen gewünscht.

Wünsche werden nicht immer wahr

So wie sich Scarletts Hoffnungen nicht wirklich erfüllen, hat sich auch meine Erwartung für Caraval nicht bewahrheitet. Im Vorfeld war ich mir sehr sicher, dass es zwar vielleicht nicht mein neues Lieblingsbuch wird, aber das ich es zumindest sehr mögen würde. Das hat in diesem Fall leider nicht geklappt und regt mich eher mal wieder zum Nachdenken an, ob ich nicht generell kritischer an das Genre Jugendbuch herangehen sollte beziehungsweise es langsam aber stetig aus meiner Lektüre ausklammere. Ich werde mir auf jeden Fall noch einige Besprechungen zu Caraval ansehen und durchlesen, um zu verstehen, was genau so viele an diesem Buch begeistert und vielleicht schwappt der ein oder andere Funke ja noch rüber? Positiver gestimmt waren auf jeden Fall schon diese Besprechungen:

Sternenbrise | Buchstabenstadt | Zwischen den Seiten | Das Bücherregal


BUCHDETAILS

Verlag: Flatiron Books
ISBN: 9781250095251
Erscheinungsdatum: 31.01.2017
 Rating: 1/5