[Gelesen] London Belongs to Me

Den Collegeabschluss frisch in der Tasche wagt die junge Alex Sinclair den Sprung über den großen Teich: Vom sonnigen Florida verschlägt es sie im Roman London Belongs to Me von Jacquelyn Middleton in die britische Hauptstadt. Der Start in den neuen Lebensabschnitt verläuft dabei aber nicht nur dank verlorenem Gepäck und einem Wolkenbruch ganz anders als erwartet… gut, dass Alex Freunde hat, auf die sie zählen kann! Und vielleicht kann sie London so ja doch noch im Sturm erobern?

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„I know, love, I know. It’s easy to feel like everything’s against you when something unexpected happens, but things will be okay. You’re doing great; I’m so proud of you“ | S. 11

Traumstadt und… Traumjob?

So lange sie denken kann, möchte Alex in London leben und dort als Theaterautorin arbeiten. Dank der Unterstützung ihres Vaters und dem Angebot eines Freundes, die erste Zeit in seiner Wohngemeinschaft unterzukommen, packt sie daher direkt nach dem Collegeabschluss ihren Koffer und fliegt nach Großbritannien. London ist alles, was sich Alex immer erträumt hat – aber die Probleme lassen nicht lange auf sich warten. Die Theaterszene ist hart umkämpft und Alex sieht sich neben den alltäglichen Problemen mit der Freundin ihres Mitbewohners konfrontiert, welche im selben Feld versucht Fuß zu fassen und der jedes Mittel dafür recht ist. Bevor Alex die Bühnen stürmen kann, liegt daher erst mal einiges an Arbeit vor ihr.

All the Fandoms!

Mit Alex hat Middleton eine tolle Protagonistin geschaffen, in die ich mich sehr gut hineinversetzen konnte. Generell hatte ich das Gefühl, dass London Belongs to Me recht realistisch geschrieben war, und ich mochte die thematisierten Konflikte wie nach der Ausbildung in ein Berufsfeld einzutreten, Ideenklau oder das sich vor den Eltern beweisen wollen. Dazu kommt noch die große Liebe zu Theater, Popkultur und London an sich, die in diesem Buch die ganze Zeit präsent sind – hach! Gerade nachdem Lucy und Freddie in Alex‘ Leben treten, gibt es einige tolle Momente, in denen über Fandoms, Serien, Schauspieler und Co. gefachsimpelt wird. Und diese Momente fügen sich dazu organisch in die Handlung ein und sind nicht einfach nur da, um alle möglichen Referenzen unterzubringen… in solchen Fällen reißt es einen auch nicht beim Lesen raus, wie es sonst so leicht passieren kann.

Über Umwege zum Glück

London Belongs to Me bewegt sich Genretechnisch irgendwo zwischen Contemporary und Chick Lit, und so gibt es natürlich auch eine Liebesgeschichte mit Irrungen und Wirrungen zwischen den Seiten. Glücklicherweise ist das aber nicht der Hauptfokus der Geschichte, sondern unterstützt diese nur. Tatsächlich hätte ich mir an einigen Stellen fast mehr von Mark gewünscht, aber vielleicht wird er im zweiten Teil –London, Can You Wait?– mehr auftreten? Erfrischend ist auf alle Fälle, dass die Freunde von Alex nicht plötzlich nach Auftauchen von Mark aus der Handlung raus fallen, und eigentlich alle Charaktere von Middleton mit eigener Hintergrundgeschichte ausgestattet sind.

Kann man sich vielleicht im Vorfeld schon denken, wie die Handlung grob verlaufen wird? Ja. Middleton sorgt aber dafür, dass der Weg zum Ende des Buches hin sich vollkommen lohnt und man mit Alex mitfiebert. Nach der letzten Seite hätte ich am liebsten sofort wieder von vorne angefangen, einfach, weil mich das Buch beim Lesen glücklich gemacht und das Fernweh nach London gestillt hat. Und was möchte man beim Lesen eigentlich mehr?

Life in London had been isolating and grim as of late, but this card and the efforts of her friends temporarily lifted the double-decker bus flattening her heart. | S. 194


Eine Playlist der Autorin zum Buch findet ihr übrigens hier bei Spotify 🎶


BUCHDETAILS

Verlag: Kirkwall Books
ISBN:  9780995211711
Erscheinungsdatum: 14.10.2016
Bewertung: 5/5

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[Gelesen] Am Abgrund des Himmels

Klappentexte sind eine schwierige Sache, denn sie sollen einem das Buch schmackhaft machen und dabei gleichzeitig im Optimalfall nicht zu viel vorneweg nehmen. Das klappt mal besser, mal schlechter: Bei Am Abgrund des Himmels von Sue-Ellen Pashley erfährt man im Vorfeld tatsächlich herzlich wenig. Nick liebt Grace, Grace liebt Nick – aber eigentlich dürfen sie nicht zusammen sein. Was genau aber die beiden zu trennen droht, erfährt man erst im Laufe des Romans.

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Ein Augenblick, der alles verändert

Grace ist eine junge Frau, die gemeinsam mit ihrer Großmutter zu Beginn von Am Abgrund des Himmels von Sydney auf die kleine Insel Bruny zieht. Diese Insel in der Nähe von Tasmanien gibt es übrigens wirklich, und ich hatte große Freude daran während des Lesens Bilder dieser anzusehen… Australien hat einfach so schöne Landschaften! Gleich zu Beginn lernt sie ihren neuen Nachbarn Nick kennen: Für ihn ist es Liebe auf den ersten Blick, während Grace sich ihre Gefühle nicht eingestehen will. Zu sehr belasten sie die Gründe, die zu dem Umzug auf Bruny geführt haben, und am liebsten will sie von dem Thema Liebe die nächsten hundert Jahre nichts mehr wissen. Und auch Nick darf seinen Gefühlen eigentlich nicht freien Lauf lassen. Was also tun?

Mehrere Blickwinkel

Am Abgrund des Himmels ist ein Liebesroman, der sehr von dem hin und her zwischen den Liebenden lebt. Mit jedem Kapitel wechselt die Sichtweise des Lesers zwischen Nick und Grace, später im Buch gibt es noch Eindrücke eines anderen Charakters. Diese Entscheidung hat mir sehr gefallen, da man dadurch die Beiden gut verstehen konnte und nicht von manchen Dialogen oder Handlungen sofort genervt ist. Obwohl Nick und Grace beide um die 18 Jahre alt sind, richtet sich das Buch doch eher an etwas jüngere Leser und das zeigt sich in manchen Szenen einfach. Sympathisch fand ich, dass die Charaktere ihre spontane absolute Verliebtheit selbst auch etwas reflektieren – dadurch hatte ich nicht dieses ablehnende Gefühl, was mir mittlerweile häufig bei Insta-Love hochkommt.

Geheimnisse über Geheimnisse

Das knifflige beim Schreiben über Am Abgrund des Himmels ist, dass man wirklich mit so wenig Vorwissen wie möglich an die Geschichte gehen sollte. Die Handlung lebt lange Zeit von dem Geheimnis, dass Nick vor Grace geheimhalten muss, und verleitet einen als Leser selbst zum Dranbleiben. Es ist teils etwas kitschig, aber für meinen Geschmack war es genau das richtige Maß an Kitsch. Pashley bindet neben der Liebesgeschichte und leicht fantastischen Elementen zudem zwei Nebenstränge ein, die ich gut umgesetzt und wichtig fand: Gewalt in der Partnerschaft und Konflikte mit dem Umfeld bezüglich der Partnerwahl. Vor allem ersteres wird sehr gut behandelt und man fühlt mit den Charakteren in ihrer Ohnmacht und Wut mit. An manchen Stellen bewegt sich die Handlung zwar etwas schnell vorwärts, aber dafür bekommt man auf 377 Seiten einen tollen Jugendliebesroman, bei dem mal kein Badboy oder das Mauerblümchen der Schule im Mittelpunkt steht.

„Alles geht irgendwann zu Ende, Grace. Selbst die schönsten Dinge. Die Entscheidung liegt bei dir, ob du hier im Bett herumliegen, Trübsal blasen und vor Selbstmitleid zerfließen willst oder ob du Nick wiedersehen und dein Zeit mit ihm genießt. Wie lange sie auch dauern mag.“ | Seite 254

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Vielen Dank an Beltz & Gelberg und für das Rezensionsexemplar!

Weitere Eindrücke zum Buch findet ihr bei Skyline of Books, Luna’s LeseeckeDer Bücherwald und mem·o·ries


BUCHDETAILS

Verlag: Gulliver / Beltz & Gelberg
Übersetzerin: Claudia Max
ISBN: 9783407749239
Kaufen? Hier entlang
Erscheinungsdatum: 17.07.2017
Bewertung: 4/5

[Gelesen] Targa – Der Moment, bevor du stirbst

Viele Thriller leben davon, dass man lange Zeit nicht weiß, wer oder was hinter den Ereignissen des Buches steckt. Dieses Prinzip wird von dem Autorenduo B.C. Schiller direkt in dem Auftakt zur Reihe um die Undercover-Ermittlerin Targa Hendricks über den Haufen geworfen: In Targa – Der Moment, bevor du stirbst weiß der Leser und das BKA von Anfang an, wer der Täter ist. Um ihn aber als Serienkiller zu überführen, muss Targa hautnah ermitteln, womit ein interessantes Katz-und-Maus-Spiel gut 400 Seiten seinen Lauf nimmt.

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Distanz und Kühle

Ihr Name steht groß auf dem Cover, daher ist es wenig überraschend, dass Targa Hendricks die Hauptfigur in diesem Thriller ist. Ich musste bei ihrer Art die ganze Zeit unweigerlich an den Charakter Saga Norén aus Die Brücke – Transit in den Tod denken -die beiden Charaktere könnten Zwillinge sein, ha!- und ich schätze, ich soll mit ihr auch nicht wirklich warm werden beim Lesen. Targa hält jeden unweigerlich auf Distanz, der nicht Hund ist, und denkt sehr rational. Es wird angedeutet, dass dies der erste Fall nach einiger Pause ist, und seine eigenen Tücken für sie bereithält.

Der Gegenspieler zu Targa ist Falk Sandman, ein Hochschuldozent, der einen Blog mit makaberen Thema führt: In diesem hält er die letzten Augenblicke und Worte von Sterbenden fest. Was seine Leserschaft nicht ahnt? Eine ganze Reihe dieser Augenblicke hat Sandman selbst herbeigeführt und aufgezeichnet. Doch obwohl das BKA einige Hinweise hat, fehlen die stichfesten Beweise gegen ihn.

Das Blau des Ozeans und ihrer Augen

Ausgestattet mit einer gefälschten Vergangenheit, soll Targa sich Sandmans Vertrauen erschleichen und so die benötigten Beweise gegen ihn sammeln. Schiller lässt den Leser dabei so wohl mal durch Targas, mal aus Sandmans Augen blicken, wodurch man einen guten Eindruck für ihre jeweilige Motivation  und Denkweise bekommt. Es braucht natürlich etwas, bis eine gewisse Vertrauensbasis da ist, und selbst dann spielen beide immer noch miteinander. Gerade dieses hin und her fand ich fesselnd, ebenso den angerissenen Werdegang von Sandman. Teilweise wirkte es aber fast, als würde man den beiden durch ein Bullauge bei ihrem Spiel zusehen: Targa bleibt kühl und unzugänglich, Sandman ist besessen von seinem Kick – und ein riesiger Glückspilz. Es gab so unglaublich viele Momente, wo er sich elementare Patzer leistet und nur durch Zufall nicht viel früher von der Polizei geschnappt wird! Seine Motivation und angerissenes Trauma bleiben leider nur skizziert, und einige seine Spielchen mit Targa waren sehr leicht durchschaubar.

Die Geister der Vergangenheit

Neben dem Hauptfall wird noch ein weiteres Ereignis in Targa thematisiert: Ihre Herkunft. Als Baby vorm Krankenhaus ausgesetzt, weiß Targa nur, dass ihre Mutter kurz danach Selbstmord beginn und ihre Schwester neben ihr erfror. Wer dafür verantwortlich ist und wer ihr Vater war, versucht sie mit verschiedenen Mitteln herauszufinden. Tatsächlich fand ich diese kurzen Einschübe viel spannender als den eigentlichen Fall und hätte gerade auch von Schmidt gerne noch mehr gelesen!

Auf dieses Zeichen hat er gewartet. Jetzt ist er da, der Moment, bevor du stirbst, denkt er und legt sein Gesicht auf das Bullauge, um der Sterbenden ganz nahe zu sein. | Seite 61

Targa – Der Moment, bevor du stirbst ist alles in allem ein solider Thriller, der gut unterhält. Wer verschrobene Ermittler mag, die anders als normale Menschen denken, wird mit Targa sicherlich seine Freude haben. Ich hatte nicht das Gefühl, dass Schiller wirklich neues in dem Thriller schreibt, und bin gerade durch die letzten Seiten etwas verwirrt… aber in einen zweiten Teil würde ich gerne hineinlesen. Im Nachhinein finde ich es allerdings schade, dass der Verlag das Buchcover in Rot statt Blau gehüllt hat. Das hätte sehr gut auf das immer wiederkehrende Blaumotiv gepasst!

Vielen Dank an den Penguin Verlag für das Rezensionsexemplar!

Weitere Eindrücke zum Buch findet Ihr bei Laberladen und Die Bücherkrähe


BUCHDETAILS

Verlag: Penguin
ISBN:  9783328101512
Erscheinungsdatum: 10.07.2017
Bewertung: 3/5

[Gelesen] Hans Christian Andersen: Die schönsten Märchen

Märchen sind etwas wundervolles, und gerade jetzt wo der Herbst beginnt, eine schöne Lektüre für Zwischendurch. In dem neuen Sammelband, der bei Penguin erschienen ist, lässt sich eine Auswahl von Hans Christian Andersens schönsten Märchen in neuer Übersetzung entdecken, die nicht nur was für junge Leser sind.

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Lorenz Frölich hat ein wunderschönes Cover gestaltet, in dem sich bereits einige Hinweise auf die enthaltenen Märchen finden lassen. Da ist es direkt schade, dass die Märchensammlung im Innenteil keine weiteren Illustrationen aufweist… dafür finden sich aber insgesamt zwanzig Märchen im Buch, welche Floriana Storrer-Madelung neu übersetzt hat:

  1. Die Prinzessin auf der Erbse
  2. Des Kaisers neue Kleider
  3. Die kleine Meerjungfrau
  4. Däumelinchen
  5. Der Schmetterling
  6. Das hässliche Entlein
  7. Fünf aus einer Erbsenschote
  8. Die Schneekönigin
  9. Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen
  10. Es ist ganz gewiss
  11. Die Tochter des Schlammkönigs
  12. Der standhafte Zinnsoldat
  13. Der fliegende Koffer
  14. Die Teekanne
  15. Die Eisjungfrau
  16. Was Vater tut, ist immer recht
  17. Die schönste Rose der Welt
  18. Die wilden Schwäne
  19. Das Heinzelmännchen und die Madam
  20. Tante Zahnweh

Am meisten hat mir Der standhafte Zinnsoldat gefallen, wobei in jedem Märchen spannende Aspekte enthalten sind. Generell kann man bei den Märchen von Hans Christian Andersen in jedem eine Moral bzw. Parabel für etwas vorfinden, wodurch sie sich definitiv zum mehrmaligen (Vor-)Lesen eignen.

Insgesamt fand ich die Zusammenstellung gut, da hier neben den recht bekannten Werken ebenfalls viel neues zu entdecken ist. Und auch bei den bekannten Märchen bringt man diese nicht immer in Zusammenhang mit Andersen, wodurch man seinen Einfluss leicht unterschätzt. Gerade im Filmbereich wird doch ein ums andere Mal auf seine Märchen zur Inspiration zurückgegriffen!

Auch die Übersetzung selbst ist gut gelungen und die Märchen lesen sich angenehm und zeitlos. Was ich etwas schade fand, war, wie der Inhalt im Buch selbst angeordnet wurde: Dadurch, dass zuerst die bekanntesten und stärksten Märchen kamen, verlor die Sammlung beim Lesen immer mehr Boden. Gerade Die Tochter des Schlammkönigs in der Mitte des Buches war durch die Länge unglaublich schwerfällig und hätte besser an anderer Stelle gepasst.

Für die erste Annäherung an Hans Christian Andersen ist diese Märchensammlung allerdings bestens geeignet und lässt sich durch das Taschenbuchformat super überall mit hin nehmen. Zumindest ein, zwei Illustrationen hätten das ganze allerdings noch runder und stimmiger gemacht.

Vielen Dank an Penguin für das Rezensionsexemplar!

Weitere Eindrücke zum Buch findet ihr bei xobooksheavenLea Phelina und Mandys Bücherecke


BUCHDETAILS

Verlag: Penguin
Übersetzer: Floriana Storrer-Madelung
Nachwort: Martin Bodmer
ISBN:  9783328101505
Erscheinungsdatum: 10.07.2017
Bewertung: 3/5

[Gelesen] Zeitkurier

Früher war alles besser ist ein beliebter Ausspruch, der auch gut für die Ausgangssituation von Wesley Chus Zeitkurier passt: Dank Kriegen und Naturkatastrophen ist die Erde im 26. Jahrhundert wortwörtlich am Ende und die Menschheit mittlerweile zu großen Teilen im Sonnensystem verstreut. Ressourcenknappheit und Verlust von Technologien sind allerdings ein großes Problem, wofür eine etwas außergewöhnliche Lösung gefunden wird: Zeitreisen.

Nur was geschieht, wenn man die strengen Regeln für Zeitreisen bricht? Wer hat überhaupt das Recht, die Vergangenheit zu manipulieren? Und wie genau funktioniert diese Technologie überhaupt? Fragen über Fragen (und noch längst nicht alle!), die sich nicht nur den Protagonisten im Verlauf von Wesley Chus Zeitkurier stellen… aber irgendwie macht das ja auch den Reiz an Zeitreiseabenteuern aus, oder?

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„‚Reisen in die Vergangenheit sind auf abgeschnittene Zeitlinien beschränkt und müssen so  kurz sein, dass sich der Chronostrom im Falle von Verwerfungen wieder glätten kann'“, zitierte sie. | Seite 18

Die Vergangenheit als Füllhorn

Die Gegenwart, in der der Zeitkurier James Griffin-Mars lebt, ist wirklich nicht rosig. Das er als Zeitkurier durch seine Sprünge in die Vergangenheit zu dem erlebt, wie es einst gut um die Menschheit und Erde bestellt war, macht es natürlich nicht besser. Der Leser begleitet James bei einigen Einsätzen und erhält einen Einblick, wie die ChronoCom* arbeitet. Chus Ansatz fand ich dabei sehr spannend, denn es werden nicht wahllos Ressourcen aus der Vergangenheit geholt, sondern nur solche, die theoretisch eh verloren war und kurz vor ihrem Verlust von den Kurieren geborgen werden. Damit ist man zwar auf Unfälle, Katastrophen, etc. angewiesen, aber die „Raubzüge“ fallen nicht auf und verändern den Lauf der Geschichte. Klingt vielleicht konfus, aber Chu erläutert das sehr schlüssig und glaubhaft. Einziges Manko? Je mehr man solche Vorfälle in der Vergangenheit ausnutzt, desto weniger verbleiben für weitere Sprünge…

*die Organisation, die die Zeitreisen koordiniert und kontrolliert und Zeitkuriere bzw. Chronauten ausbildet

Taten und ihre Konsequenzen

Damit der Lauf der Geschichte nicht beeinflusst wird, unterliegen die Zeitkuriere festen Regeln. Es kommt aber, wie es kommen muss: Bei einem Sprung, der eigentlich sein letzter hätte sein sollen, bricht James die elementarste aller Regeln: Er rettet eine Person und bringt sie mit in die Gegenwart. Das hat natürlich Konsequenzen, und die Geschichte folgt nach diesem Ereignis teils James und seinen Verbündeten auf ihrer Flucht, teils der ChronoCom, die versucht, diese Tat ungeschehen zu machen.

Chu gelingt es wunderbar, die Gegenwart dem Leser präsent zu machen, ohne dass über große Passagen Charaktere Geschichtsstunden geben. Vieles steckt zwischen den Zeilen und den Dialogen, und ich fand es toll, dass Chu dem Leser auch zutraut seine eigenen Schlüssel zu ziehen. Gerade der Aufbau der ChronoCom, über den man im Laufe des Buches immer wieder Bruchstücke erfährt, zeigt, dass hier pragmatisch erstmal nur an die Gegenwart und kaum an die Zukunft oder die Mitarbeiter gedacht wird – was wiederum ganz eigene Konsequenzen auf den Plan ruft.

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Wenn man es herunter bricht, dann ist die Handlung von Zeitkurier relativ simpel und deckt viele Punkte ab, die häufig in Zeitreisegeschichten Thema sind. Gefühlt macht Chu dabei aber alles richtig, sodass ich nur so durch die Seiten geflogen bin. Häufig werden Dinge angedeutet, die erst hunderte Seiten später wieder aufgegriffen werden, und ich denke, dass man bei einem zweiten Lesen noch viel mehr in der Richtung entdecken kann. Ein ums andere Mal hat die Handlung mich völlig überrascht und ich mochte die Charaktere in diesem Buch unglaublich gerne, allen voran Levin. Chu hat da seit seinem Erstlingswerk wirklich einiges dazu gelernt und ich bin sehr gespannt darauf, wie es im nächsten Band weitergeht!

Vielen Dank an Heyne für das Rezensionsexemplar!

Weitere Eindrücke zum Buch findet ihr bei Geschichtentaucher, Neue Abenteuer und German Bookish Blog


BUCHDETAILS

Verlag: Heyne
Übersetzer: Jürgen Langowski
ISBN: 9783453317338
Erscheinungsdatum: 14.08.2017
Bewertung: 5/5

[Gelesen] Lily und der Oktopus

Eine traurige Gewissheit, die man fast bei einem Haustier hat: Irgendwann wird man es auf seinem letzten großen Abenteuer begleiten müssen, denn die meisten Haustiere werden von Herrchen und Frauchen überlebt.  Dieser Gewissheit muss sich auch Ted nach zwölf gemeinsamen Jahren mit seiner geliebten Dackeldame stellen, als er eines Tages einen Oktopus auf ihrem Kopf entdeckt. Keine leichte Lektüre vom Thema her, aber Steven Rowley gelingt es in Lily und der Oktopus hierfür genau die richtigen traurig-schönen Worte zu finden!

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„So viele Abenteuer haben wir zusammen erlebt. Und ich fand jedes einzelne großartig.“ – S. 303

Lily, Ted und der Andere

Seit zwölf Jahren gibt es eine Konstante im Leben von Ted: Die Dackeldame Lily. Mit ihr zusammen hat er so manche Höhen und Tiefen gemeistert und die beiden haben ihre ganz eigenen Rituale. Donnerstags wird zum Beispiel über Männer geredet, wodurch sich Ted auch so genau an den Wochentag erinnert, an dem er eine unschöne Entdeckung macht – auf Lilys Kopf sitzt ein Oktopus! Dieser Eindringling gehört dort nicht hin und so fängt zuerst die lange Wartezeit bis zum Montag mit dem nächstmöglichen Termin beim Tierarzt an. Denn das der Oktopus weg muss, ist für Ted sonnenklar.

Von einem der auszog, einen Oktopus zu erlegen

Der Oktopus ist etwas, dass einem vielleicht im Klappentext und auf den ersten paar Seiten irritiert. Diese leicht fantastische Note muss man im ersten Moment einfach so hinnehmen, da dies für Ted die beste Möglichkeit ist mit der Situation umzugehen. Für den Leser und ihn ist von Anfang an klar, dass es sich hier um keinen echten Oktopus, sondern einen Krebstumor handelt. Durch den fast unweigerlich unheilvollen Unterton dabei finde ich es rückblickend aber umso schöner, dass Ted dem Eindringling eine andere Rolle zuweist. Denn ein Oktopus scheint doch gleich viel eher besiegbar als das Untier Krebs, oder? Und kampflos will Ted seine Lily auf keinem Fall hergeben.

Der rote Ball

Die Geschichte von Ted und Lily setzt zwar an dem Abend ein, an dem der Oktopus das erste Mal bemerkt wird, aber zwischendurch erfahren wir in Rückblenden von dem gemeinsamen Leben der Beiden, z. B. ihre erste Begegnung. Man merkt an diesen Stellen, aber auch zum Ende hin, sehr deutlich, dass Steven Rowley hier nichts ihm unbekanntes schreibt: In Lily verbirgt sich auch viel von Rowleys gleichnamiger Dackeldame, deren Tod die Inspiration für diese Geschichte lieferte.

Es gibt immer wieder etwas fantastische Szenen und Unterhaltungen zwischen Ted-Lily-Oktopus, welche die Geschichte einerseits auflockern und andererseits sehr gut den langen Weg zur Einsicht bei Ted dokumentieren. Dabei gibt es einige Symbole, über die man im Verlauf immer wieder stolpert – der rote Ball, das Lieblingsspielzeug von Lily, ist eines davon, und ersetzt im Verlauf gekonnt den sonst typischen roten Faden der Geschichte.

„Der Tod. Der Tod ist das ganz große Abenteuer. Aber jetzt nicht. Das größte Abenteuer, unser größtes Abenteuer, ist der Kampf ums Überleben.“ – S. 222

Es war schön, einmal einen Roman über das innige Verhältnis von Mensch und Haustier zu lesen, und das es dann auch noch über einen Hund, mehr noch einen Dackel geht… das war gleichzeitig toll und schrecklich. Rowley trifft die Charakterisierung dieser Hundeart einfach perfekt. Einige Szenen haben mich sehr an unseren letzten Hund erinnert, sodass ich das Buch immer wieder zur Seite legen musste. Der (Galgen-)Humor und Kampfwille von Ted, die Akzeptanz seiner Gefühle durch seine Umwelt und die trotz allem positive Note am Ende machen aus diesem eigentlich tieftraurigem Buch ein traurig-schönes Fest dieser besonderen Freundschaft. Nicht nur für Dackelliebhaber ein wahres Kleinod und eine große Empfehlung!

Vielen Dank an Goldmann für das Rezensionsexemplar

Weitere Eindrücke zu Lily und der Oktopus findet ihr unter anderem bei
fruehlingsmaerchen | Papier und Tintenwelten | paper poetry blog | Miss Bookiverse


BUCHDETAILS

Verlag: Goldmann
Übersetzerin: Sibylle Schmidt
ISBN:  9783442314331
Erscheinungsdatum: 17.04.2017
Bewertung: 5/5

[Gelesen] Wein und Haschisch

Heute vor 150 Jahren verstarb Charles Baudelaire im Alter von nur 46 Jahren in Paris. Der Schriftsteller, der dank Les Fleurs du Mal (dt.: Die Blumen des Bösen) als einer der bedeutendsten Lyriker Frankreichs gilt und Geschichten von Edgar Allan Poe übersetzte und herausgab, hat neben diesen Werken der Nachwelt auch einige Essays hinterlassen. Eine Auswahl dieser ist jetzt zum Todestag unter dem Titel Wein und Haschisch in der Manesse Bibliothek der Weltliteratur erschienen.

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„Was wäre daran im Übrigen erstaunlich, wenn man bedenkt, dass jeder gesunde Mensch zwei Tage ohne Nahrung auskommen kann – aber niemals ohne Dichtung?“ – S. 29

Wein und Haschisch umfasst insgesamt sechs Essays, deren Thematiken unterschiedlich nicht sein könnten:

  1. Auswahl tröstlicher Maximen über die Liebe
  2. Ratschläge an junge Literaten
  3. Wein und Haschisch
  4. Was uns das Spielzeug lehrt
  5. «Madame Bovary» von Gustave Flaubert
  6. Richard Wagner und der «Tannhäuser» in Paris

Neben dem titelgebenden Text, in dem sich Baudelaire mit den Vor- und Nachteilen der beiden Genussmittel auseinandersetzt, erwarten den Leser ein buntes Potpourri aus Lebensweisheiten, Betrachtungen, Analysen und Ratschlägen. Dank der Anmerkungen zum Text, welche zeitgenössische Anspielungen und Querverweise erklären, sind die Essays durchweg verständlich und Baudelaires Gedankengänge gut nachvollziehbar.

Sind die ersten vier Essays relativ kurz, so nimmt sich Baudelaire bei den folgenden beiden Texten die Zeit für einen Rundumschlag. Nicht nur das Buch Madame Bovary oder die Oper Tannhäuser werden von ihm besprochen, sondern er bringt auch seine Bewunderung beziehungsweise Begeisterung für deren jeweilige Schöpfer zum Ausdruck. Bei Wagner hat man zuweilen das Gefühl, er verliere sich etwas zwischen den Sätzen, aber es vermittelt genau die Eindrücke, die Baudelaire zu dieser Oper hatte. Es ist faszinierend, wenn man überlegt, dass Baudelaire und seine Zeitgenossen in die Oper gehen oder die Stücke selber spielen mussten, um sie zu erleben – dadurch nimmt natürlich die Beschreibung einen ganz anderen Stellenwert ein als heutzutage, wo man die Oper jederzeit abrufbereit hat. Auch die Entrüstung über Emma Bovary als Charakter wird greifbar, und seine Interpretation zu ihr war ein interessanter Ansatz, zu dem ich so nicht gefunden hätte.

„Behaupten wir also nicht, wie es viele mit einer unterschwelligen Spur von Missmut tun, das Buch verdanke seine große Beliebtheit dem Gerichtsverfahren und dem Freispruch. Wäre das Buch nicht in Bedrängnis geraten, wäre ihm die gleiche Neugier zuteilgeworden, hätte es das gleiche Staunen und die gleiche Unruhe ausgelöst.“ – S. 90

So brillant einige Sätze von Baudelaire sind, so gelungen ist auch die Gestaltung dieses Bandes und lässt das bibliophile Herz höher schlagen. Die Vorzugsausgabe ist mit dunkelrotem Samt bezogen und mit goldener Folienprägung veredelt, ein Lesebändchen gibt es ebenfalls. Durch die Maße von  15,5 x 9,5 cm kann man somit durchaus von einem Kleinod sprechen! Tilman Krause steuert ein Nachwort bei, welches es zwar nicht unbedingt gebraucht hätte, die Sammlung aber gut abrundet. 

Von einigen Anspielungen einmal abgesehen, liest sich diese Sammlung Essays von Charles Baudelaire ungemein universell und macht Lust auf mehr. Kaum fassbar, dass diese Texte bereits vor über 150 Jahren verfasst wurden! Und umso tragischer, dass Baudelaire bereits so früh verstorben ist.

Vielen Dank an Manesse für das Rezensionsexemplar

Weitere Eindrücke zum Buch gibt es zu lesen bei Lesestunden und Die Buchblogger


BUCHDETAILS

Verlag: Manesse
Übersetzerin: Melanie Walz
Nachwort: Tilman Krause
ISBN: 9783717524304
Erscheinungsdatum: 13.06.2017
Bewertung: 4/5