Warum Klassiker lesen? Ein Aufsatz und die Suche nach der eigenen Antwort

Im Frühjahr 2018 habe ich mich für ein Videoprojekt im Rahmen der Klassikerwoche mit dem Aufsatz Warum Klassiker lesen? von Italo Calvino beschäftigt. Calvino, dessen Werke mittlerweile selbst zu den italienischen Klassikern zählen, stellt darin eine Argumentationskette vor um eben jener Frage auf den Grund zu gehen: Warum Klassiker lesen? Der Schriftsteller liefert seine eigene Antwort darauf, und bei einigen Punkten kann ich nur zustimmen – nur, warum lese ich eigentlich selber gerne Klassiker?
Ohne Titel

Klassiker..?!

Zuallererst natürlich die Fragen aller Fragen: Was ist ein Klassiker? Für die Einordnung eines Titels als Klassiker gibt es verschiedene schwammig formulierte Ansätze wie

  • es repräsentiert seine Zeit
  • liest sich zeitlos
  • wird über Jahrzehnte gelesen
  • dient als Schullektüre

etc., aber es gibt nicht die eine Checkliste, an der man jeden Klassiker messen könnte. Tatsächlich ist es häufig sehr subjektiv, was zu Klassikern gezählt wird oder nicht – ich finde in dem Zusammenhang den Artikel Classics question: when does a novel gain this status? von Sian Cain super interessant, wo sie über die verschiedenen Ansätze zu Klassikern in Buchhandlungen berichtet. Manche Titel oder Autoren ordnen wir quasi automatisch Klassikern zu, bei anderen verlassen wir uns einfach auf die Sortierung in der Buchhandlung oder Bücherei. Und dann gibt es Bücher, die für uns selbst absolute Klassiker sind, egal, ob andere diese Meinung teilen. All das ist vollkommen okay! Klassiker, das ist viel weniger ein Genre als eine Richtung – und für jeden findet sich hier was.

Die Perlen der Backlist

Jedes Jahr erscheinen Unmengen an Büchern, aber diese Erscheinungen sind zum Großteil keine Eintagsfliegen, sondern wandern auf die Backlist des jeweiligen Verlags. So lange etwas quasi nur Nachdruckkosten mit sich bringt, immer noch Gewinn generiert und gelesen wird, ist das eine feine Sache – und Klassiker sind dabei die absoluten Perlen der Backlist. Wenn nicht nur über kurze Momente ein Hype um einen Titel besteht, sondern vielleicht schon Jahrzehnte wenn nicht sogar Jahrhunderte, dann muss da doch was dran sein, oder? Zumindest aus dem Grund wird es schon interessant, sich diese Titel genauer anzuschauen. Dabei finde ich es fast noch spannender zu sehen, welche Klassiker andere Länder haben als die unseren, zumal da viel bereits in der Schule angerissen wird… und Schullektüre hat immer diesen leichten Beigeschmack von Zwang. Was hat Menschen über Jahre hinweg thematisch angesprochen, gefesselt, vielleicht sogar verstört? Welche Kontroversen finden sich, welche popkulturellen Elemente gehen tatsächlich auf Klassiker zurück? Auf eine gewisse Art und Weise können Klassiker als Fenster in die Vergangenheit dienen, welche uns einen Einblick ermöglichen und gleichzeitig den Spiegel vorhalten können, denn: Manche Dinge ändern sich kaum, viele Themen bleiben trotz anderer Umstände weiterhin relevant.

Unterhaltung oder keine Unterhaltung

Calvino kommt in seinem Aufsatz schlussendlich zu der pragmatischen Erkenntnis: „Der einzige Grund, den man anführen kann, ist der, daß es besser ist, die Klassiker zu lesen, als sie nicht zu lesen.“* Ich würde dem nur bedingt zustimmen, weil man in diesem Fall nur sehr wenig Spaß an der Lektüre hätte. Abseits von Schule, Studium oder Beruf, warum Klassiker lesen? Dazu gibt es eigentlich nur die Folgefrage: Warum überhaupt lesen? Wenn ich mir die Klassiker anschaue, die ich bislang abseits von äußerem Zwang gelesen habe, dann fallen sie in zwei Kategorien: Zur reinen Unterhaltung oder aus dem Wunsch heraus, die Vorlage für andere Geschichten zu kennen.

Wenn ich lese, dann möchte ich zum Großteil einfach nur unterhalten und von der Geschichte aus dem Alltag herausgerissen werden. Und das kann eine Neuerscheinung genauso gut wie ein Klassiker! Wenn ich einen Klassiker zur reinen Unterhaltung lese, dann behandel ich ihn meist auch wie jedes andere Buch – und falls mir Fragen während des Lesens in den Sinn kommen, gibt es hier den Bonus, das sich vermutlich schon andere diese gestellt haben und ich sie nachschlagen kann. Nicht zu vergessen, das die meisten Klassiker eh Adaptionen nach sich ziehen – wenn mich einer also besonders gut unterhalten hat, kann ich meist noch Verfilmungen oder ähnliches im Anschluss anschauen. Yay! Wenn ich stattdessen bewusst zu einem Klassiker greife, um ihn als Vorlage für andere Geschichten kennenzulernen, dann lese ich ihn schon etwas kritischer bzw. bewusster – aber die Unterhaltung bleibt trotzdem ein großer Knackpunkt. Klassiker hin oder her, wenn eine Geschichte nichts für einen ist, sollte man sich da nicht zwanghaft durchquälen!

Man sollte im Großen und Ganzen wahrscheinlich einfach im Hinterkopf behalten, das kein Klassiker mit der reinen Intention geschrieben wurde: ‚Das hier wird ein Klassiker!‘ Jede Geschichte fing zuerst ganz klein an – und die Klassiker sind am Ende nur das, was wir dazu bestimmen.

Welches Buch ist für Euch ein absoluter Klassiker?


BUCHDETAILS | ANZEIGE

* Zitat aus Italo Calvino: Warum Klassiker lesen?; Seite 14 | Taschenbuch: 320 Seiten | Verlag: FISCHER Klassik (25.04.2013) | Originaltitel: Perché leggere i classici | Übersetzt aus dem Italienischen von Barbara Kleiner und Susanne Schoop | ISBN: 978-3596905294

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