Das Problem daran, wenn jemand schon ein verdammt gutes Buch veröffentlicht hat? Es legt die Messlatte für den Nachfolger hoch. Artemis ist nach Der Marsianer der zweite Roman von Andy Weir, und wieder verschlägt es den Leser in den Weltraum: Statt auf dem Mars landet man aber auf dem Mond, konkreter in der sich dort befindenden Stadt Artemis. Artemis lebt hauptsächlich vom Tourismus und Menschen mit mehr Geld als man sich vorstellen kann, aber nicht an alle Güter kommt man auf den Mond ohne weiteres ran – und genau da kommt Jazz Bashara ins Spiel.
Als Kleinkriminelle hält Jazz sich hauptsächlich mit Schmuggeln über Wasser, bis ihr ein Angebot unterbreitet wird, was mit einem Schlag all ihre (Geld-)Sorgen lösen kann. Natürlich läuft das ganze aus dem Ruder und mit viel Humor und Wissenschaft folgt der Leser ihr auf ihrem Mondabenteuer. Was ich dabei an Jazz mochte? Das sie Dinge hinterfragt und ihren eigenen Prinzipien treu bleibt. Leider war es das auch schon, und auch ansonsten konnte mich Artemis nicht wirklich begeistern. Immer wieder habe ich mich beim Lesen gefragt, warum Jazz eigentlich eine Frau ist. Wirklich relevant war das nur in zwei Szenen -die sich sehr sexistisch lesen-, und ihre ganze Art kam einfach wie ein schwacher Abklatsch von Mark Watney rüber.
“People will trust a reliable criminal more readily than a shady businessman.”
Nicht nur Sexismus kommt mehrfach vor, sondern auch andere problematische Dinge wie Rassismus finden sich im Buch, die nie konkret angesprochen werden oder die Handlung in irgendeiner Weise voranbringen. Warum muss man sie dann einbringen? Weder sind diese Dinge lustig, noch trösten sie über den recht langweiligen Coup hinweg: Wirklich zünden will der nämlich einfach nicht, und Artemis lässt sich gut unter ‚der Weg ist das Ziel‘ zusammenfassen. Jazz‘ Geschichte endet genau dort, wo sie anfängt. Kann man mögen, ich war davon aber am Ende enttäuscht. Zum einen mag ich es nicht, wenn Geschichten so quasi ins Leere laufen und zum anderen betont Weir immer wieder, wie clever und brilliant seine Heldin doch ist. Trotzdem tappt sie beispielsweise immer wieder in Fallen rein, arbeitet in einem Job, der sie ihrem eigentlichen Ziel nicht näher bringt und schlägt am Ende dem ganzen Chaos nicht doch noch ein Schnippchen? Hrmf.
Eventuell waren die Erwartungen einfach durch Der Marsianer zu hoch, aber Artemis ist leider viel zu sehr gewollt als gekonnt. Mit noch nicht mal viel Mühe könnte die Geschichte auch sonst wo als auf dem Mond spielen, und an keiner Stelle fiebert man wirklich mit Jazz und den anderen Charakteren mit. Bei einem weiteren Buch von Weir würde ich mir fast wünschen, dass dieses mal nicht im Weltraum spielt, und nicht nur auf witzige und schnelle Dialoge geachtet wird – ohne die wäre das Buch ein echter Flopp geworden.
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Ich stelle fest, dass ich offensichtlich eine höhere Toleranzgrenze bei der Bewertung, was Sexismus darstellt und was nicht, besitze, sowie einen etwas anders gelagerten Humor, denn einiges von dem, was wohl von dir als sexistisch eingeordnet wurde, fand ich durchaus infantil-witzig, und mein ansonsten manchmal recht sensibler Rassismus-Radar muss auch wartungsbedürftig sein, denn den hier und anderswo vorgworfenen Rassismus habe ich irgendwie nie gefunden. Aber es durchaus spannend, wie unterschiedlich so etwas wahrgenommen werden kann. :-)
Dann unterscheidet sich unser Humor einfach – ich fand zum Beispiel den ganzen Kondom-Subplot einfach nur furchtbar. Wenn das am Ende wenigstens für irgendeinen Kniff à la MacGyver zu gebrauchen gewesen wäre, hätte ich das sehr cool gefunden. Der Rassismus ist allein schon da in Form des Charakters Rudy DuBois: Er wird als ‚He’s two meters tall and blond as a Hitler wet dream‘ beschrieben, und auf der nächsten Seite beschreibt Weir, wie Rudy einen Vietnamesen in Selbstjustiz verprügelt. Scheint natürlich im ersten Moment eine nette Idee -Auge um Auge, Zahn um Zahn, ich verprügel dich so wie du deine Frau verprügelt hast-, aber du siehst das Problem hier, oder? Lassen wir uns mal überraschen, was Weir so als nächstes schreibt :)
Oh ja, ich gebe zu, über den Kondom-Subplot lässt sich hervorragend diskutieren, der hatte nicht das Geringste zur Geschichte beizutragen. Aber er diente als eine Art Running Gag – und ich fand das durchaus irgendwie witzig, weil ich derartig infantilen Humor eben manchmal mag, manchmal aber eben auch so gar nicht, verstehe also insofern, wenn man das blöd findet. :-)
Was Rudy DuBois, seine Beschreibung und die Prügelei angeht, so muss ich gestehen, da eben kein Problem zu sehen. Da wird jemand als „a Hitler wet dream“ beschrieben … nun ja, man muss das nicht witzig finden, aber Rassismus …!? Und die Sache mit der Prügelei würde erst dann zum Rassismus, wenn man der Tatsache, dass es sich um einen Vietnamesen handelt, besondere Bedeutung zubilligt bzw. wenn man davon ausgeht, dass dessen Herkunft, Nationalität, whatever, der Grund für die Keile ist, die er bezieht. Und das ist ja eben nicht so, der bekommt, sofern ich das noch richtig auf dem Schirm habe, aufs Maul, weil er zu Hause seine Frau schlägt und hat es – ungeachtet meiner ansonsten vollkommen gewaltfreien Ausrichtung – genau deswegen auch nicht nennenswert anders verdient. In meiner Wahrnehmung würde das Beschriebene also nur zum Rassismus werden, wenn man den Figuren bestimmte Eigenschaften zubilligt und/oder sie insbesondere über diese definiert, das wäre hier meines Erachtens aber nicht zielführend. Denn dann dürfen sich zukünftig ja nur noch Charaktere gleicher Herkunft, Religion, whatever prügeln – und das wäre doch schade. ;-)
Aber mal ernsthaft, ich finde deine Sichtweise spannend, verstehe auch im Kern, wo das Problem liegt bzw. liegen soll, erlaube mir aber, das anders zu sehen. ;-)
Und ja, schaun mer mal, was Andy Weir zukünftig so produziert. Man darf gespannt sein …