Gelesen | Meine dunkle Vanessa von Kate Elizabeth Russell

Rezensionsexemplar | ‚Wo die Liebe hinfällt‘ ist eine Redewendung, die ungewöhnliche oder unerwartete Liebesbeziehungen kommentiert. Diese Redewendung würde auch auf die Liebesbeziehung von Vanessa Wye aus Meine dunkle Vanessa von Kate Elizabeth Russell passen: Mit 15 Jahren schläft sie das erste Mal mit ihrem Englischlehrer, und für Vanessa ist es die große Liebe. Gut 17 Jahre später wird Jacob Strane aber von einer anderen ehemaligen Schülerin wegen Missbrauch angezeigt, und Vanessas Welt steht plötzlich Kopf. War es wirklich Liebe? Oder hat Strane sie gegroomt und manipuliert, sie sich selber die Erlebnisse schön geredet?

Meine dunkle Vanessa von Kate Elizabeth Russell

Mit dieser Ausgangssituation ist bereits klar, dass Meine dunkle Vanessa keine leichte Kost ist. Durch die ersten Seiten weiß man dabei bereits, dass es zwischen ihr und dem 30 Jahre älteren Strane zu einer Beziehung kommt als sie erst 15 Jahre alt ist – der Weg dorthin ist danach über den Großteil des Buches faszinierend und abstoßend zugleich beschrieben. Russell springt in der Zeit hin und her -auf Abschnitte aus 2017 folgen welche im Jahr 2000, bevor es zurück nach 2017 springt- sodass der Leser Vanessa als junges Mädchen als auch erwachsene Frau kennenlernt.

Die Beziehung zu Strane prägt Vanessas Leben, und immer wieder spiegeln sich Momente in den verschiedenen Zeitebenen. So kann sich beispielsweise die junge Vanessa Strane nicht ohne Bart vorstellen, wohingegen die ältere Vanessa genau dies zu Gesicht bekommt. Russell spielt dabei mit Nuancen, lässt zwischendurch den Leser rätseln, wer gerade die Oberhand in der Beziehung hat und ob es Liebe oder Manipulation ist, ohne konkrete Antworten vorzugeben. Denn eine konkrete Antwort hat auch Vanessa nicht, sie selbst zweifelt und weiß teilweise kaum auf die Reaktionen ihres Umfeldes zu reagieren.

„Es muss eine Liebesgeschichte sein, darauf kann ich nicht verzichten. Verstehen Sie? Das ist ganz, ganz wichtig für mich. […] Denn wenn es keine Liebesgeschichte ist, was ist es dann?“ | S. 384

Im Laufe von Vanessas Geschichte geht einiges schief bzw. versagen Instanzen, die sie eigentlich schützen müssten, und einige der Reaktionen von anderen Charakteren machen dadurch wütend, dass sie leicht überzogen und engstirnig wirken. Das wäre der einzige wirkliche Kritikpunkt, den ich an Meine dunkle Vanessa hätte, wobei es gleichzeitig zu Vanessas Perspektive passt. Natürlich wirkt alles bedrohlich und wie ein Angriff, wenn man gefühlt mit dem Rücken zur Wand steht!

Strane gibt Vanessa einige Bücher zur Lektüre, die sie testen oder zu einer bestimmten Stimmung oder Sicht hinlenken sollen – unter anderem auch Lolita von Vladimir Nabokov. Vanessa zieht immer wieder Parallelen zwischen ihrer Liebesgeschichte mit Strane zu der von Humbert Humbert mit Lolita Haze, und ebenso kann man als Leser die Parallelen zwischen Meine dunkle Vanessa und Lolita erkennen. Lolita ermöglicht einen Einblick in die Denkweise eines Pädophilen, wohingegen Meine dunkle Vanessa das ganze Kaleidoskop an Auswirkungen für das Opfer zeigt. Das ist sicherlich beides nicht schön zu lesen, aber gerade letzteres unglaublich wichtig zu einer Zeit von #MeToo.


Weitere Eindrücke zum Buch findet Ihr bei Traumrealistin, umgeBUCHt, Weinlachgummi, lesestress und Tiefseezeilen.


BUCHDETAILS | ANZEIGE

HARDCOVER MIT SCHUTZUMSCHLAG: 448 SEITEN | ORIGINALTITEL: MY DARK VANESSA | AUS DEM ENGLISCHEN ÜBERSETZT VON ULRIKE THIESMEYER | VERLAG: C. BERTELSMANN (17.08.2020) | ISBN:  978-3-570-10427-9 | DER VERLAG HAT MIR EIN KOSTENLOSES REZENSIONSEXEMPLAR ZUR VERFÜGUNG GESTELLT, WAS MEINE MEINUNG ABER NICHT BEEINFLUSST. |  MEINE BEWERTUNG: 5/5

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