Stell dir vor, dass du ein Buch liest – und nach der Lektüre bist du auf einmal unglaublich stark, vollkommen glücklich oder erinnerst dich greifbar an etwas, das dir nie zugestoßen ist. Um Bücher, die extreme, wenn nicht gar übernatürliche Gefühle im Leser durch die Lektüre auslösen, dreht sich The Librarian von Mikhail Elizarov. Nur fordert diese Lektüre einen Preis, bei dem man hinterfragen sollte, ob es das wirklich wert ist…
Die ersten Kapitel von The Librarian erzählen die Geschichte des obskuren sowjetischen Autoren Gromov und der Handvoll Bücher, die er hinterlassen hat. Liest man diese in einem Rutsch und mit der Richtung Einstellung, dann setzen je nach Titel bestimmte Effekte wie immense Stärke, Raserei oder Ausdauer ein, und die Leser entwickeln eine Art Kult um diese Titel: In kleinen (reading rooms) oder größeren Gruppen (libraries) können die Titel gelesen werden, aber man kann diesen nur mit Einladung beitreten und die Gruppen bekriegen sich untereinander um die wenigen Ausgaben von Gromov’s Bücher. In diese Untergrundwelt gerät Alexei Vyazintsev eher unfreiwillig, als er eines dieser Bücher von seinem Onkel und die Position eines Bibliothekars erbt.
Der reading room, zu dem Alexei’s Onkel gehörte, wird immer wieder in Scharmützel und andere Schwierigkeiten hereingezogen, was den Großteil von The Librarian ausmacht. Alexei muss sich in der fremden Welt der Gromov Verehrer erstmal zurechtfinden und damit klarkommen, dass diese vor allem eines ist: Brutal. Die verschiedenen Gruppen sind absolut nicht zimperlich, wenn es darum geht andere auszuschalten und an weitere Bücher zu gelangen, und so liest man von diversen Schlachten. Mir wurde das stellenweise etwas zu ausgeschmückt und glorifiziert, aber Elizarov schreckt dabei wenigstens nicht zurück auch sympathische Charaktere zu opfern. Tatsächlich war ich mir streckenweise nicht mal sicher, ob überhaupt ein Charakter diese Geschichte überleben würde.
A forgotten author, now dead, who had written magical books, was beyond my belief. What I had grasped was that I had fallen into the hands of people who were sick, monstrously cruel, delirious psychos. | Seite 134
The Librarian spielt sehr viel auf die UdSSR an und vermittelt eine Art Nostalgie für diese, wobei die Charaktere die Vorstellung an die „gute alte Zeit“ sehr zu idealisieren scheinen. Ich hätte mir gewünscht, dass Pushkin Press den Roman vielleicht um eine Art Nachwort ergänzt hätte, welches das ganze in einen Kontext für ausländische Leser setzt – so ähnlich wie es die Besprechung von David Gillespie tut.
Ich fand die Idee für eine auf Büchern aufgebaute Untergrundwelt super spannend, und Elizarov zeichnet auf jeden Fall ein tolles Bild von der Kraft der Bücher. Dem Leser bleibt es dabei frei, ob er einfach die Geschichte als solche nimmt, oder als Metapher für die Gesellschaft und den blinden Glauben an ein (politisches) System. Alexei bietet eine gute Perspektive, da er genauso wie der Leser ins kalte Wasser geschmissen wird und erstmal herrlich überfordert mit allem ist. Sein Weg war schlussendlich das, was mich an The Librarian wirklich gefesselt hat, da Elizarov immer wieder Wendungen hereinbringt, die das Ende nicht vorhersehbar machen. Mit dem Schluss war ich zwar nicht so ganz zufrieden, da The Librarian mit einer eher bitteren Note endet, aber für Liebhaber von Büchern über Bücher und deren Kraft ist die Geschichte auf jeden Fall mal einen Blick wert.
Weitere Eindrücke zum Buch findet Ihr bei The Book Binder’s Daughter, A Bookish Type und Lizok’s Bookshelf.

[…] Mikhail Elizarov: The LibrarianDieses Buch war… wild. Ich mochte die Idee der Bücher und der Lesezirkel, die sich darum bilden, aber Elizarov mischt da gefühlt drei Brisen zu viel Gewalt und Anspielungen hinein, die man nicht wirklich zu fassen kriegt. Zwar wollte ich immer weiterlesen um zu sehen, wo die Reise für Alexei hingeht, aber ich fand die ersten Kapitel über die Geschichte der Bücher insgesamt doch faszinierender als die tatsächliche Handlung. | Bewertung: 2.5/5 | Rezension […]