Mary MacLane war sich sicher: Sie ist ein Genie, und der Teufel würde kommen und ihr das Glück oder zumindest doch Ruhm bringen. Knapp vier Monate lang hält sie Beobachtungen, Gedankengänge und Erkenntnisse tagebuchförmig fest, die 1902 zum ersten Mal erscheinen und die zu diesem Zeitpunkt gerade einmal Zwanzigjährige tatsächlich berühmt machen – und das obwohl ihr Verlag zuerst den Titel zum unspektakulären The Story of Mary MacLane änderte, statt dem von ihr gewähltem I Await the Devils Coming. Beinahe 120 Jahre hat es bis zur deutschen Übersetzung gedauert, dafür ist die aber gleich unter dem provokanteren Ich erwarte die Ankunft des Teufels bei Reclam erschienen. Nur was macht man eigentlich, während man auf den Teufel wartet?
MacLane beschreibt sich selbst und ihr Leben in Butte, das gefühlt mitten im Nirgendwo von Montana liegt. Die Schule hat sie abgeschlossen, nun besteht ihr Leben aus ein wenig Haushalt und langen Spaziergängen in der Ödnis, bei denen die Gedanken mal hier hin, mal dahin streifen. Obwohl die Textform an ein Tagebuch erinnern mag, ist es aber viel mehr eine (Selbst-)Darstellung:
Ich habe keine Botschaft, die ich in einem Buch verstecken und in die Welt schicken will. Ich schreibe eine Darstellung. Aber eine Darstellung kann auch missverstanden werden. | Seite 57
In ihren Texten schwankt MacLane immer zwischen extremen, verrennt sich in Ideen und Phrasen, die sie wieder und wieder aufgreift, und zieht den Leser dabei mit hinein in ihre Gedankenwelt. Obwohl Ich erwarte die Ankunft des Teufels ein schmaler Band ist, ist es daher trotzdem kein Titel, den man einfach so wegliest. MacLane steckt unglaublich viele, teils recht komplexe Gedanken in ihre Einträge, und ich fand es oft angenehm diese in kleinen Dosen zu lesen um sie wirklich ganz fassen zu können. Mal stellt sie sich auf eine Ebene mit Napoleon, dann schwärmt sie von einem herrlichen Essen und wie dieses durch den Körper wandert, zwischendurch vermisst sie ihre geliebte Anemonendame und beklagt ihr hölzernes Herz… Das sind nur Bruchstücke dessen, was MacLane bewegt, große Freude und pures Leid liegen bei ihr kaum je mehr als nur einige Sätze auseinander. Sie ist theatralisch, egoistisch, selbstverliebt, aber gleichzeitig sich auch unglaublich ihrer Selbst bewusst dabei.
Ihre Beobachtungen und Ideen lesen sich dabei auch nach über hundert Jahren recht aktuell, und ich mochte gerade die Vielschichtigkeit sehr. MacLane entspricht nicht einem Archetyp oder Rollenbild, sondern kokettiert mit den Erwartungen, die ihr Äußeres und die Gesellschaft vermitteln mögen. Klar schocken ihre Aussagen den heutigen Leser vielleicht nicht mehr so krass wie ihre Zeitgenossen, aber man bekommt doch eine guten Eindruck davon, dass Ich erwarte die Ankunft des Teufels nichts alltägliches ist. Da MacLane gerne Phrasen wiederholt, liest sich der Band zudem teilweise wie spoken word poetry und generell entfalten ihre Worte eine unglaubliche Kraft, wenn sie vorgetragen werden.
Überhaupt gestolpert über Mary MacLane und ihr Werk war ich dank Emily M. Danforths Plain Bad Heroines: In diesem Roman lesen junge Mädchen mit Hingabe ihr Werk und dieses wird immer wieder so treffend zitiert, dass ich zuerst dachte, das es ebenfalls fiktiv sein muss. Ich kann mir allerdings sehr gut vorstellen, dass sie gerade für junge Frauen ein tolles Vorbild sein konnte – eben weil sie mit allen Erwartungen bricht. Am Ende ihres Buches wartet sie immer noch auf den Teufel, und irgendwie wünscht man ihr, das sie ihm doch irgendwann in ihrem Leben begegnet ist.
Ich bin bereit und warte darauf, alles, was ich habe, dem Teufel zu übergeben im Austausch gegen Glück. […] Ich sehne mich unaussprechlich nach Glück. Und so warte ich auf den Teufel. | Seite. 22
Weitere Eindrücke zum Buch findet Ihr bei Bella’s Wonderworld, Madame Klappentext und AstroLibrium.