Von Schuld, Sühne und geplagten Seelen: Crime and Punishment von Fyodor Dostoyevsky

Schuld und Sühne, das ist wie Krieg und Frieden gefühlt einer der großen Klassiker aus Russland, über den man immer wieder stolpert.  Dostoyevsky präsentiert mit diesem Werk einen Roman, der auf der einen Seite einen Straftäter und sein Innenleben in den Mittelpunkt stellt und auf der anderen die titelgebende Thematik Schuld und Sühne in mehreren (Personen-)Konstellationen beleuchtet. Klingt im ersten Moment gar nicht schlecht, obwohl ich trotzdem vor der Lektüre etwas skeptisch war: Der Hype für diesen Klassiker ist einfach sehr groß?

Crime and Punishment | Fyodor Dostoyevsky

Vor Schuld und Sühne habe ich bereits zwei andere Werke von Dostoyevsky gelesen, und bei beiden Lektüren hielt sich die Begeisterung arg in Grenzen. Und um es gleich vorwegzunehmen: Schuld und Sühne hat mich genauso wenig wie Die Brüder Karamasow oder Winter Notes on Summer Impressions komplett von den Socken gehauen. Der Einstieg in den Roman war allerdings super und ich verstehe a) woher der Hype kommt und b) weswegen dieser Roman seit 1866 nicht viel von seiner Faszination verloren hat.

Raskalnikov, der geplagte Dreh- und Angelpunkt

Im Mittelpunkt von Schuld und Sühne steht Raskalnikov, der eigentlich als Jurastudent in Sankt Petersburg lebt und gerade aufgrund von Geldproblemen sein Studium pausiert. Bedingt durch seine Studien hat er sich sehr viel mit Straftaten und ihren Konsequenzen auseinandergesetzt, und unter anderem auch hierzu Artikel mit Gedankenspielen à la was wäre wenn veröffentlicht. Der Roman startet gemeinsam mit ihm in einen Tag, wo er eine Art Generalprobe durchführt. Denn die Theorie reicht Raskalnikov nicht mehr, er will nun wirklich eine Straftat begehen – und damit ungeschoren davonkommen. Gesagt, probiert und damit nimmt das Chaos seinen Lauf. Raskalnikov ist hin und hergerissen, ob er wirklich die Tat durchziehen soll und geplagt von allem. Seine körperliche Verfassung ist schlecht, die psychische ebenso miserabel und das ganze Buch hindurch wird es nicht wirklich besser. Das dann noch diverse (Studien-)Freunde, Hausbewohner und die liebe Familie allesamt in seinem winzigen Einzimmerapartment aufschlagen tut sein übriges. Welche Tat er plant und noch viel wichtiger, was seine eigentliche Motivation dahinter ist, waren dabei die Punkte, die mich gerade am Anfang an das Buch gefesselt haben. Dostoyevsky enthüllt diese Dinge erst recht spät, und allgemein bricht das Buch immer wieder mit den Erwartungen an eine Kriminalgeschichte.

Nebenschauplätze und die Stadt

Während es in heutigen Krimis oft so ist, dass die Verdächtigen in einem Verhörraum durch die Mangel genommen werden, der zum Hauptschauplatz wird, so ist es in Schuld und Sühne ganz klar Raskalnikovs Zimmer. An keinem anderen Ort befindet man sich in Schuld und Sühne mehr, und das Zuhause als eigentlich sicherer Ort wird für Raskalnikov mehr und mehr zur Falle. Er kann kaum in sich gehen und Dinge planen oder bedenken, denn ständig kommt gefühlt die nächste Person unangekündigt hineingestolpert und könnte sein Verhängnis bedeuten. Das hatte zum einen eine teils unfreiwillige Komik, zum anderen erhöht es natürlich den Druck auf Raskalnikov, auf dessen Zusammenbruch man förmlich wartet.

„…what do you think, wouldn’t thousands of good deeds make up for one tiny little crime?“ | Seite 62

Dostoyevsky erzählt mehr oder weniger drei Geschichten parallel: Raskalnikovs Untat, Raskalnikovs gute Tat und wie auch immer man seine Rolle bei der Verlobung seiner Schwester einordnen mag. Diese Taten sind alle miteinander verflochten und spiegeln Facetten von Raskalnikovs Charakter wieder, wirklich interessiert hat mich dabei aber nur die eigentliche Untat und ob Raskalnikov davonkommt. Schuld und Sühne spielt in Sankt Petersburg und man bekommt einen Eindruck von der Stadt und der Gesellschaft im 19. Jahrhundert, allerdings bleiben die Schauplätze recht nebulös. Wir könnten uns genauso gut in einer anderen Großstadt mit Fluss befinden, auch zeitlich ist der Roman nicht unbedingt festgelegt. Verlässt Raskalnikov mal sein Zimmer, so läuft er viel durch die Straßen, besucht andere kleine, dunkle Räume, alles ist schäbig und dreckig und schlecht.

Wer hat Schuld und wer sollte sühnen?

Raskalnikov geht mit einer gewissen Logik an seine Taten heran mit denen er diese rechtfertigt. Nur ist diese Logik an sich gerechtfertigt? Und kann er mit seinem Intellekt seinen Kopf schlussendlich aus der Schlinge ziehen? Mich haben diese Aspekte fasziniert, und ich denke, dass diese Perspektive aus der Sicht eines Täters das ist, was generell die Faszination an Schuld und Sühne ausmacht. Mir hat dann aber ein wirkliches Katz und Maus Spiel mit der Polizei gefehlt, und Raskalnikov agiert mit fortschreitender Seitenzahl immer unlogischer für mich. Seine gute Tat bringt nichts als Scherereien mit sich und ich hätte mir einen stärkeren Fokus auf das eigentliche Verbrechen gewünscht. Trotzdem wirft dieser Klassiker einige moralische Fragen auf, die nichts an ihrer Aktualität verloren haben. Wie bewertet man beispielsweise Raskalnikovs Verhalten, ist die Strafe am Ende gerechtfertigt oder trifft es den Falschen? Kann manche Schuld überhaupt gesühnt werden? Auch wenn  ich Dostoyevskys Umsetzung nicht sehr mochte, so sind das auf jeden Fall Fragen, die nachwirken und wodurch sich die Lektüre doch gelohnt hat.



Weitere Eindrücke zu diesem Klassiker findet Ihr bei Vanessas Literaturblog, Zeit für neue Genres und Vnicornis.


BUCHDETAILS | ANZEIGE

TASCHENBUCH: 532 SEITEN | ORIGINALTITEL: Преступление и наказание | AUS DEM RUSSISCHEN ÜBERSETZT VON Richard Pevear und Larissa Volokhonsky | VERLAG: VINTAGE CLASSICS (05.01.2017) | ISBN:  978-1784871970 | MEINE BEWERTUNG: 3/5

5 Gedanken zu “Von Schuld, Sühne und geplagten Seelen: Crime and Punishment von Fyodor Dostoyevsky

  1. Interessante Rezension. Da ich Jura studiert habe, wollte ich das Buch schon länger lesen aber bin bisher noch nicht dazu gekommen. Hoffentlich wird das noch.
    Da du gerade russische Klassier liest: Hast du schon „Kriegt und Frieden gelesen“? Das fand ich ganz gut.

    LG
    Elisa

    • Jaaaa, „Krieg und Frieden“ war mit einer der ersten russischen Klassiker, die ich gelesen habe und ich mag das Buch auch im Rückblick immer noch sehr. Generell scheine ich eine Affinität für Tolstoi zu haben, von dem hat mir bisher eigentlich alles gelesene gut gefallen :)

      Ich drück dir die Daumen, dass du nochmal die Zeit findest „Schuld und Sühne“ für dich selbst zu entdecken – vielleicht magst du es ja im Gegensatz zu mir sogar.

      Liebe, leider etwas verspätete, Grüße ♥

  2. Ah, weh mir. Mir ging es genauso! Damals habe ich das Buch in einer Leserunde genießen dürfen, was sehr heilsam war um es durchzuziehen. Ähnlich wie du es oben beschriebst, bin ich mit extrem hohen Erwartungen an das Buch herangegangen. In mindestens drei anderen Bücher sind die Protagonist*innen große Fans des Buches. Zwei davon beschlossen inspiriert durch das Buch Autor zu werden.
    Ich sehe es einfach nicht. Raskolnikovs sprunghafte Art und das „wholesome“ Ende sind mir einfach viel zu übertrieben und aufgesetzt. Man kann da sicherlich romantische Gesten der Schuld drin lesen, aber das macht das Geschehen, den Zeitgeist und den Protagonisten nicht greifbarer. Für mich wird das immer künstlich dramatisch bleiben.

    • „Schuld und Sühne“ ist echt so ein klassisches (haha!) Hypebuch, wo man nicht weiß, ob es sich genauso etablliert hätte, wenn es zu nem anderen Zeitpunkt oder Kontext erschienen wäre. Dostoyevskys Biografie hat da sicherlich mit reingespielt, und es hilft natürlich, dass man russischen Klassikern eine gewisse Länge und Komplexität nachsagt. Klar wirkt ein Charakter dann viel intellektueller, wenn er so ein Buch gelesen hat und es auch noch einer seiner Favoriten ist…

      Mit Raskalnikov und künstlich fasst du es gut zusammen! Und so wirklich sühnen tut er bei dem Ende ja irgendwie auch nicht… Leserunden sind bei solchen Büchern immer super, weil so einen selbst bei den drögsten Lektüren zum Durchhalten motivieren! Aber zumindest können wir sagen, dass wir es gelesen und daraufhin eine Meining gebildet haben – auch wenn die halt mal nicht so positiv wie bei der Mehrheit ausfällt :)

  3. Als junger Mensch war ich tatsächlich sehr begeistert von diesem Roman und habe ihn – nachdem ich mich am Anfang etwas durchkämpfen musste – wirklich verschlungen. Besonders die Zeitlosigkeit fand ich sehr faszinierend und ich hatte mir schon immer mal eine Wiederholung vorgenommen.

    Letztes Jahr habe ich dagegen auch Krieg & Frieden gelesen und nach einer anfänglichen Begeisterung fande ich es im Laufe der ausufernden Menge immer uninteressanter und seltsamer zu lesen, mit vielen Passagen, die deutlich aus einem typischen Roman ausbrechen. Die Faszination vieler für diesen Roman kann ich nicht teilen.

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