Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich den Trailer zu Belle, dem neuen Film von Mamoru Hosoda, das erste Mal gesehen habe, aber er hat mich direkt angesprochen und ich wollte ihn unbedingt sehen, sobald sich die Gelegenheit bietet. Diese kam tatsächlich endlich letzte Woche: Bei uns lief der Film als Event im Kino, bevor er im August fürs Heimkino erscheint. Ich bin mir selber im Endeffekt sehr dankbar dafür so ungeduldig gewesen zu sein, und ihn jetzt schon gesehen zu haben… den die Reaktionen der anderen Zuschauer haben den Film definitiv eine Spur besser gemacht!
Darum geht’s
Der Film folgt der 17 Jahre alten Suzu, die zwischen Schule und ihren kleinen Dorf pendelt, und sehr zurückgezogen lebt. Das ändert sich allerdings, als sie sich bei der Social Media Plattform U anmeldet: Dort steigt ihr Avatar Belle dank ihrem Gesang zu einem wahren Idol auf, und sie zieht nicht nur positive Aufmerksamkeit damit auf sich… und die Ereignisse im digitalen Raum wirken sich peu à peu auch auf Suzus Alltag aus.
Das WAR GUT
Als Belle hat Suzu eine unglaublich tolle Stimmgewalt, und der Film ist durchgezogen von ihren Liedern – und auch die deutsche Version hiervon ist großartig! Ich finde es generell immer toll, wenn die Sprecher auch die Gesangsparts übernehmen können, und Lara Trautmann hat auch von der allgemeinen Klangfarbe super zu Suzus Charakter gepasst. Die Optik dazu war ebenfalls traumhaft und detailverliebt, obwohl wir ruhig mehr von U oder dem Schloss hätten sehen können. Apropos U: Der Film startet mit einer Einführung dieser Social Media Plattform, die ich sehr gut gemacht fand, und vermengt diverse Social Media Seiten, die wirklich existieren. Dazu ist Suzu von toll ausgearbeiteten Nebencharakteren umgeben, deren Handlungsstränge man gerne mit verfolgt.
DAS war nicht ganz so gut
Eine Freundin hat mich nach dem Kinobesuch gefragt, wie es denn war, und ich habe ihr eine erschlagende 18 Minuten Sprachnachricht dazu geschickt… keine Sorge, sie kennt das nicht anders von mir, aber das zeigt schon mal, dass ich einige Probleme mit Belle hatte, die ich unbedingt anführen und in Worte fassen wollte. Als Text lässt sich das natürlich um einiges straffer formulieren und gerade mit etwas Abstand ist für mich echt ein Hauptproblem erkennbar: Der Film versucht zu viel gleichzeitig.
Selbstfindung, Trauer- und Traumabewältigung, Doxxing, Schöne und das Biest-Hommage, Social Media Kritik und mehr finden sich in Belle, und auch zwei Stunden Laufzeit reichen für all das bei weitem nicht aus. Das wird vor allem Richtung Ende immer deutlicher, wenn ein glücklicher Zufall den nächsten jagt, damit die Handlung irgendwie zum gewünschten Ziel findet, oder ein sehr praktisches Tool einem Charakter quasi einfach in die Hände fällt. Dazu bleibt vieles aufgrund der Themenfülle sehr flach, weil es schlicht an Zeit mangelt um in die Tiefe zu gehen. So muss man beispielsweise als Zuschauer einfach hinnehmen, dass U diese beliebte, riesige Plattform ist (obwohl sie ehrlich gesagt super langweilig wirkt, da nur das Konzept hinter ihr ausformuliert wird, wir aber nie viel zu sehen bekommen) oder sich ein erwachsener Mann einfach mit Starren in die Knie zwingen lässt. Ah ja. Das sich bei einer weltweiten Social Media Plattform dazu praktischerweise alle wichtigen Charaktere in Japan aufhalten, muss man ebenso einfach akzeptieren wie Suzus Vater, der seine Tochter einfach mal machen lässt. Ganz zu schweigen von Belles komischer Verbindung mit dem Biest, die teils romantisch, teils mütterlich gezeichnet wird?
INSGESAMT…
Generell fand ich Belle bis zum Auftauchen des Biests einen soliden Film, der sich nach diesem Punkt irgendwie nur noch in seinen Handlungen verheddert. Mit viel Augen zukneifen geht es schon irgendwie beziehungsweise man kann sich mit der Optik und der Musik gut ablenken, aber leider fand ich dann vor allem das Ende enttäuschend – weil so ein richtiges Ende ist es nicht? Und dafür, dass der Film bewusst super ernste Themen anspricht, passiert zum Schluss regelrechter Schwachsinn. Ohne groß zu spoilern: Man hätte Suzu nicht nur bis zum Bahnhof bringen können, liebe Chordamen! Belle bleibt irgendwie märchenhaft, obwohl die Realität und das Internet drin vorkommen, und wahrscheinlich muss man den Film einfach als ein solches, halbdigitales Märchen annehmen, um seinen Spaß damit zu haben.
