Egal ob als Podcast, Serie, Dokumentation, Buch oder in anderer Form: Die Faszination für True Crime ist aktuell riesig und ungebrochen. Dabei ist häufig die Tat selbst weniger im Fokus, als das, was die Täter dazu getrieben hat oder welche Konsequenzen der Tat nachfolgen. Für Penance bedient sich Eliza Clark genau an dieser morbiden Faszination, und bereitet einen fiktiven Mordfall auf, der es in sich hat – und die Frage aufwirft, wie viel Wahrheit eigentlich wirklich in True Crime steckt.

Trigger-/Contentwarnung: Mord, Drogen-/Alkoholkonsum, sexueller Missbrauch, Rassismus, rechtsradikale Rhetorik, Hexenverfolgung, selbstverletzendes Verhalten, Mobbing, Ertrinken, Verbrennungen, Folter, Suizid
Penance beschäftigt sich mit dem Mord an der 16-jährigen Joan Wilson in einer kleinen englischen Seestadt. Dabei ist alles fiktiv: Der Mord, die Stadt, das Buch. Denn Penance ist nicht als klassischer Roman aufgebaut, sondern man liest das fiktive Sachbuch des Journalisten Alec Z. Carelli, der -angestachelt durch eine plumpe, oberflächliche Podcastaufbereitung- nun die „defintive Darstellung“ des Falls liefern möchte. Hierfür hat er unter anderem längere Zeit in Crow-on-Sea gelebt, Einwohner, Familienmitglieder und Betroffene interviewt, Blogs sowie Social Media Accounts durchforstet und andere, teils dubiose Quellen aufgetan. Die Tat selbst ist dabei im ersten Moment schnell erzählt:
Drei Mitschülerin haben Joan Wilson in einem kleinen Ferienhaus am Strand zuerst misshandelt, und dann in Brand gesteckt, als sie dachten, das Mädchen wäre tot. Wilson hat das Martyrium zuerst überlebt, ist aber am Ende ihren Verletzungen erlegen.
Do you know what happened to her already? Did you catch it in the papers? Are you local? Did you know her? Did you see it on the internet? […]Did you listen to a podcast? Did the hosts make jokes? Do you have a dark sense of humour? Did that make it okay? Or were they sensitive about it? Did they coo in the right places? Did they give you a content warning? Did you skip ahead? Did you see pictures? Did you look for them? | S.7
Carelli unterteilt sein Buch in Abschnitte, die jeweils eines der Mädchen in den Fokus rücken und bestimmte Ereignisse herausarbeiten, die zur Tat geführt haben könnten. Dabei mischen sich direkte Zitate mit Interview Transkripten und fiktiven Einschüben Carellis, welche sich teilweise im Verlauf der einzelnen Abschnitte auch widersprechen. Es ist unglaublich faszinierend, wie Clark hier mit den verschiedenen Medien und Stimmen spielt, und den Leser immer wieder selbst den Spiegel vorhält. Wie konsumiert man True Crime? Mit welcher Intention tut man es, was macht man daraus? Zwei der Täterinnen sind selbst von True Crime fasziniert; die eine lebt Gewaltfantasien in Sims-Spielen aus, die andere pflegt einen Fan-Tumblr-Account zu einem Schulmassaker. Hat sie das zu ihrer Tat getrieben oder waren es lediglich erste Anzeichen, dass sie zu solchen Taten in der Praxis fähig wären?
Zwar wird auch Wilsons Person skizziert und ihre Mutter interviewt, aber wie häufig bei True Crime stehen doch klar die Täterinnen im Fokus. Clark schafft es dabei immer wieder einen beim Lesen zweifeln zu lassen, ob es wirklich fiktiv ist, was man da liest, oder es sich doch um einen realen Fall handelt. Das Ganze wird doch eine Wendung am Ende nochmal mehr auf eine Metaebene gehoben, was ich als sehr clever empfand, gerade da man die Tat nicht definitiv auf ein Schlüsselereignis zurückführen oder die Mädchen selber zu Wort kommen lassen kann. Bei True Crime ist immer auch ordentlich Interpretationsspielraum vorhanden, und Carelli selbst verweist darauf, dass er einiges nur nach bestem Wissen und Gewissen rekonstruieren kann.
Weitere Eindrücke zum Buch findet Ihr bei Fiendfully Reading, Slaggy Book Club und Bookmunch.