Einzelbände sind genau mein Ding. Wirklich, gibt man mir die Wahl zwischen Reihe und Einzelband, dann gewinnt eigentlich immer letzterer. Alles direkt kompakt und mit Schleife drum, keine nervige Warterei auf den nächsten Teil und schon gar nicht das Problem von aus den Augen aus dem Sinn, denn: Ich vergesse meine angefangenen Reihen furchtbar gerne. Dass das manchmal von Vorteil sein kann, habe ich jetzt wieder im Dezember gemerkt als ich endlich zu The Bear and the Nightingale von Katherine Arden gegriffen habe. Das Buch hat mich quasi von Anfang an begeistert, sodass ich The Girl in the Tower sowie The Winter of the Witch schon während des Lesens bestellt habe. Glücklicherweise kamen die Bücher dann so rasch an, dass ich die ganze Trilogie in einem Monat fast am Stück lesen konnte. Da ich nicht spoilern will, aber die Trilogie als ganzes betrachtet mehr Sinn macht, gibt es die Gründe für meine Begeisterung im folgenden statt als Fließtext mal als Stichpunkte.Weiterlesen »
Manche Dekorationen gehören einfach zum Advent dazu: Der Adventskranz und -kalender, Lichterbögen, ein Tannenbaum über und über mit Lametta und Kugeln geschmückt, vielleicht ein Weihnachtsstern oder blühender Weihnachtsstern… und der Nussknacker. Die dekorativen Nussknacker gibt es bereits seit dem 17. Jahrhundert in den unterschiedlichsten Größen und Formen, sodass es nicht verwunderlich ist, das diese Figur Einzug in die Popkultur gehalten hat. Wenn man vom Nussknacker hört, denkt man dabei meist automatisch an das Ballet Der Nussknacker mit der Musik von Tschaikowski anstatt an die literarische Vorlage hierfür: Nussknacker und Mausekönig von E.T.A. Hoffmann.
Nussknacker und Mausekönig ist ein Märchen, welches zu Weihnachten spielt. Die Kinder der Familie Stahlbaum warten zu Beginn auf die Bescherung und rätseln, welche Geschenke sie erwarten werden. Im Laufe des Abends gibt es dann so manche zauberhafte Überraschung, unter anderem einen Nussknacker für die ganze Familie. Als dieser an einer harten Nuss ein paar Zähne lässt, kümmert sich die Tochter Marie liebevoll um die Figur und bleibt abends noch länger wach, um alle Spielzeuge gebührlich in der eigens dafür gemachten Vitrine zu Bett zu bringen. Als Mäuse in die Stube strömen und das Spielzeug zum Leben erwacht, kommen sowohl Marie als auch der Leser aus dem Staunen nicht heraus und im Laufe der Geschichte wird sowohl die Hintergrundgeschichte des Nussknackers erzählt als auch die Geschehnisse der kommenden Nächte.
Ich wende mich an dich selbst, sehr geneigter Leser oder Zuhörer Fritz – Theodor – Ernst – oder wie du sonst heißen magst, und bitte dich, daß du dir deinen letzten, mit schönen bunten Gaben reich geschmückten Weihnachtstisch recht lebhaft vor Augen bringen mögest, dann wirst du es dir wohl auch denken können, wie die Kinder mit glänzenden Augen ganz verstummt stehen blieben, wie erst nach einer Weile Marie mit einem tiefen Seufzer rief: „Ach, wie schön – ach, wie schön,“ und Fritz einige Luftsprünge versuchte, die ihm überaus wohl gerieten. | Aus: Zwölf Berlinische Geschichten aus den Jahren 1551 – 1816, erzählt von E.T.A. Hoffmann, zusammengestellt und erläutert von Hans von Müller. München, 1921
Hoffmanns Geschichte überlässt dabei dem Leser die Entscheidung, ob die Dinge sich wirklich so zutragen oder Marie nur eine lebhafte Fantasie hat. Noch mehr angefeuert wird letztere von der Erzählung ihres Patenonkels Drosselmeyer über die Prinzessin Pirlipat, welche eine märchenhafte Geschichte innerhalb der Geschichte ist. Das Märchen folgt dabei aber nicht den Regeln eines klassischen Märchens und verdeutlicht sehr gut, warum der äußere Schein und erste Eindruck täuschen können und manche Nüsse hart zu knacken sind. So rettet der Nussknacker die Prinzessin zwar, erhält aber nicht die versprochene Belohnung und muss vielmehr selbst durch Marie errettet werden. Knapp 30 Jahre nach der Erstveröffentlichung von Nussknacker und Mausekönig hat Alexandre Dumas mit Geschichte eines Nussknackers eine Nacherzählung verfasst, die sich sehr stark an die Fassung von E.T.A. Hoffmann hält. Die Geschichte wird dabei allerdings um eine Rahmenhandlung ergänzt, in welcher Dumas eine Gruppe Kinder die Geschichte von Hoffmann wiedergibt.
Egal, welche Fassung der märchenhaften Geschichte des hässlichen Nussknackers man liest: Es ist eine wunderbare Lektüre für die Zeit um Weihnachten! Die Vorfreude auf die Bescherung, das Staunen über die Geschenke und generell die Bräuche lassen den Leser direkt selber wieder Kind sein und das Abenteuer in der Nacht ist absolut mitreißend. Warum hegen die Mäuse einen Groll? Und was kann man dagegen unternehmen? Ich habe mit Marie mitgefiebert und fand es ganz wunderbar, wie dieses Märchen an die Fantasie der Kinder appelliert. Die Geschichte ist zudem sehr gut gealtert und lässt sich recht leicht lesen, was für Klassiker immer ein großes Plus ist. Neben dem Ballet Der Nussknacker gibt es gerade an Filmen diverse Adaptionen des Stoffes, welche sich mal mehr oder weniger stark an die Vorlage halten. Bestes Beispiel dafür wäre Disneys Der Nussknacker und die Vier Reiche, welches mir fast zu entzaubert erschien… der Roman zum Film ist besser, aber leider auch nicht gut.
Wer eine Geschichte mit Weihnachtsstimmung sucht, einfach nur gerne eine schelmische Erklärung für die Redensart „eine harte Nuss knacken“ hätte oder nicht genug vom Balletstück bekommen kann, ist bei den Märchen von Hoffmann und Dumas goldrichtig! Und mit je unter 100 Seiten lässt sich die Lektüre leicht in der sonst so stressigen Vorweihnachtszeit unterbringen.
BUCHDETAILS | ANZEIGE
* E.T.A. HOFFMANN: NUTCRACKER AND MOUSE KING | TASCHENBUCH: 192 SEITEN | ORIGINALTITEL: NUSSKNACKER UND MAUSEKÖNIG; 1816 | ÜBERSETZT AUS DEM DEUTSCHEN VON JOACHIM NEUGROSCHEL | VERLAG: PENGUIN (30.10.2007) | ISBN: 978-0143104834 | MEINE BEWERTUNG: 3/5
* ALEXANDRE DUMAS: THE TALE OF THE NUTCRACKER | TASCHENBUCH: 192 SEITEN | ORIGINALTITEL: HISTOIRE D’UN CASSE-NOISETTE; 1845 | ÜBERSETZT AUS DEM FRANZÖSISCHEN VON JOACHIM NEUGROSCHEL | VERLAG: PENGUIN (30.10.2007) | ISBN: 978-0143104834 | MEINE BEWERTUNG: 3/5
* MEREDITH RUSU: THE NUTCRACKER AND THE FOUR REALMS: THE SECRET OF THE REALMS: AN EXTENDED NOVELIZATION | HARDCOVER: 320 SEITEN | VERLAG: DISNEY PRESS (18.09.2018) | ISBN: 978-1368020350 | DER ROMAN ZUM FILM IST IN DEUTSCHLAND BEIM RAVENSBURGER BUCHVERLAG ERSCHIENEN. | MEINE BEWERTUNG: 2/5
Rezensionsexemplar | Im Rahmen der Hogarth Shakespeare Reihe sind bereits einige Werke des Barden von bekannten Autoren neuinterpretiert worden, wobei ich mit am meisten auf Macbeth gespannt war.* Macbeth ist mein liebstes Stück von Shakespeare und birgt für jede Adaption eine große Herausforderung: Macbeth ist gleichzeitig Protagonist und Antagonist. Sein Weg vom Sympathie- und Hoffnungsträger hin zum kaltblütigen Mörder und schließlich Despoten ist faszinierend und abstoßend zugleich, dabei aber nachvollziehbar. Zu Beginn des Stücks ist Macbeth ein Feldheer, dem die schottische Krone prophezeit wird und ein Großteil der Handlung beschäftigt sich mit dem Weg dorthin und wie Macbeth dabei korrumpiert wird. Wie das am besten für ein modernes Publikum umsetzen?
* Eine Liste der Titel findet Ihr am Ende des Beitrags.
Vielen Dank an Penguin für das Rezensionsexemplar!
Es gibt viele ikonische Szenen in Macbeth von William Shakespeare, und eine davon ist definitiv in der ersten Szene des vierten Akts zu finden. Hier stehen die drei Hexen um ihren Kessel und werfen unter Beschwörungen allerlei Dinge zum brauen hinein. Einen dieser Verse könnte sich Jo Nesbø dabei besonders für seinen Macbeth zu Herzen genommen haben: „Spart am Werk nicht Fleiß noch Mühe, Feuer sprühe, Kessel glühe!“ (aus William Shakespeare: Macbeth, Reclam (2001), Übersetzung von Dorothea Tieck)
Eine Stadt für ein Königreich
Nesbø verlegt die Handlung in eine verkommene Industriestadt irgendwo im Norden in den 1970er Jahren. Die örtliche Polizei kämpft nach außen hin gegen den Drogenboss Hecate sowie die mit ihm konkurierende Bikergang Norse Riders. Innerlich reiben sich die diversen Behörden und Abteilungsleiter gegenseitig auf, das gesamte System ist korrupt hoch zehn. Inspector Macbeth passt da eigentlich nicht rein, ist er doch unbestechlich und will wirklich was verändern. Selber der Drogensucht entkommen zählt für ihn mittlerweile nur seine Partnerin Lady, welche mit dem Inverness ein gehobenes Casino in der Stadt betreibt, sowie sein väterlicher Freund Banquo und dessen Sohn. Ins Wanken gerät dies nach einem Einsatz und einer Wahrsagung der drei mysteriösen Schwestern, welche Macbeths kommende Beförderung vorwegnehmen.
„Der eine verliert, der andere gewinnt“, sagte Strega. „Dies sind die Gesetze des Dschungels. Mehr Tote, mehr Brot. Und wer bekommt wohl das Brot, frage ich mich, wenn Chief Commissioner Duncan stirbst?“ | Seite 95
Die Übertragung der Handlung in den Mikrokosmos einer Stadt ist Nesbø außerordentlich gut gelungen, und ich mochte vor allem seine Einschübe zu Politik, Macht und die Natur des Menschen in diesem Zusammenhang sehr. Das verkommene äußere der Schauorte spiegelt sich direkt im verkommenen inneren der Charaktere, die alle eine gewisse Ambivalenz haben. Es gibt hier nicht die rein Guten oder Bösen, was vor allem in den Szenen aus der Sicht der Norse Riders offensichtlich wird.
Macht oder keine Macht?
Die Geschichte wird immer wieder aus verschiedenen Sichten erzählt, wodurch der Leser ein gutes Verständnis für die Handlungsweisen der Charaktere entwickelt. Macbeth, Lady und Duff bekommen dabei vermutlich die meiste Aufmerksamkeit, während die Strippenzieher im Schatten bleiben. Über Hecate und Swenjo hätte ich gerne noch mehr erfahren, wobei das unter Umständen zu viel des Guten geworden wäre – Macbeth ist mit 624 Seiten bereits ein echtes Schwergewicht! Trotzdem bleiben manche Szenen recht dünn, während andere zu sehr ausgeschmückt werden. Lady beispielsweise ist gerade zu Beginn die treibende Kraft hinter Macbeth, und besteht auf eine bestimmte Tat ihres Partners nach einem Gespräch. Warum sie so darauf pocht, ist mir nicht klar. Dafür weiß ich aber sehr viel über Lily nach der Lektüre… und diesen Charakter gibt es im ursprünglichen Stück nicht. Generell verrennt sich Nesbø sehr in den Hintergrundgeschichten der Charaktere, was es eigentlich gar nicht bräuchte um ihre gegenwärtigen Taten zu erläutern. Ebenso werden einige Nebencharaktere stark unter die Lupe genommen, von denen ich ebenfalls nicht so viel wissen wollte. Viel spannender ist über lange Strecken des Buches doch, wessen Kopf als nächstes rollen wird.
Heil dir, Macbeth!
Bei einer Neuinterpration wie Macbeth ist der Weg das eigentliche Ziel, denn den Ausgang der Geschichte kennt der Leser vermutlich schon. Die sich selbst erfüllende Prophezeiung der Schwestern bzw. Hecates Zusicherung haben einige Lücken, und das Stück ist aus gutem Grund eine Tragödie. Nesbø findet für so einige Thematiken optimale Entsprechungen (z. B. Zaubertrank brauende Hexen–Drogen brauende Schwestern, Hierarchie im Staat–Hierarchie in der Polizei; Palast–Casino), die beim Lesen nur umso mehr Spaß machen, wenn das Stück bekannt ist. Das führt mich aber auch zu einem Manko des Buchs: Für mich kam mit dem Wissen des Stücks Hecates Zusicherung an Macbeth zu kurz. Hieran beißt sich Macbeth unglaublich fest und vertraut deswegen auf seine Unberührbarkeit. Die Wirkung verpufft im Buch aber stark: Ein Wald ist etwas unbewegliches, ein Fortbewegungsmittel dagegen etwas sehr bewegliches, Sockel hin oder her. Duffs Erklärung geht im Finale dazu unter und wird durch die reißerischen Umstände überschattet… dabei ist Shakespeares Lösung doch so simpel wie genial! Die Geschichte muss nicht künstlich noch blutiger gemacht werden.
„Wir sind keine Helden. Wir sind vollkommen gewöhnliche Leute, die vielleicht davon träumen, Helden zu sein. Aber wenn wir uns entscheiden müssen zwischen unserem Leben und unseren Prinzipien, von denen wir so gerne reden, sind wir ziemlich gewöhnlich.“ | S. 561
Jo Nesbøs Macbeth ist etwas eigenwillig. Die Geschichte braucht am Anfang einiges an Zeit um ins Rollen zu kommen, da sowohl Stadt, Charaktere als auch die diversen Machtkämpfe etabliert werden müssen. Wer die Vorlage kennt, wird vermutlich etwas mehr Spaß an den Umsetzungen und Zusammenhängen haben als Nicht-Kenner, aber auch für die sollte der Roman gut nachvollziehbar sein. Warum die Handlung jetzt gerade in den 1970er Jahre spielen muss? Keine Ahnung, es würde auch in unserer Gegenwart solch eine Stadt funktionieren – vielleicht in Anbetracht der teilweise willkürlichen Polizeigewalt sogar gerade in unserer Gegenwart. Wer sich auf diesen dicken Schmöker einlässt, findet auf jeden Fall einen soliden Macbeth vor, der aber an einigen Stellen noch Luft nach oben hat.
In der Hogarth Shakespeare Reihe sind bisher folgende Werke bzw. Bände erschienen:
Das Wintermärchen
Jeanette Winterson: Der weite Raum der Zeit (engl.: The Gap of Time)
Der Kaufmann von Venedig Howard Jacobson: Shylock (engl.: Shylock is my name)
Der Widerspenstigen Zähmung
Anne Tyler: Die störrische Braut (engl.: Vinegar Girl)
Der Sturm Margaret Atwood: Hexensaat (engl.: Hag-Seed)
Macbeth Jo Nesbø: Macbeth (engl.: Macbeth)
King Lear Edward St Aubyn: Dunbar und seine Töchter (engl.: Dunbar)
Othello Tracy Chevalier: Der Neue (engl.: New Boy)
Hamlet
Die Neuinterpretation von Gillian Flynn ist für 2021 angekündigt.
Weitere Eindrücke zum Buch findet Ihr bei BritLitScout, Literaturbühne und protagonist places. Wenn Ihr Lust auf eine Adaption von Macbeth habt, die der von Jo Nesbø am nähsten kommt, schaut Euch Macbeth (2006) mit Sam Worthington an: Hier spielt die Handlung im Melbourner Gangmilieu und Macbeth steigt vom Drogendealer zum Gangboss auf.
BUCHDETAILS | ANZEIGE
HARDCOVER: 624 SEITEN | ORIGINALTITEL: MACBETH | TEIL DER HOGARTH SHAKESPEARE REIHE | ÜBERSETZT AUS DEM ENGLISCHEN VON ANDRÉ MUMOT | VERLAG: PENGUIN (27.08.2018) | ISBN: 978-3328600176 | PENGUIN HAT MIR FREUNDLICHERWEISE EIN REZENSIONSEXEMPLAR ZUR VERFÜGUNG GESTELLT, WAS MEINE MEINUNG ALLERDINGS NICHT BEEINFLUSST. | MEINE BEWERTUNG: 4/5