5 Gründe, warum mich Innocent in seinen Bann gezogen hat

Obwohl es eine große Bandbreite in den Bereichen gibt, assoziere ich Comics bzw. Graphic Novels immer mit sehr erwachsenen, düsteren Geschichten, während Mangas eher süß-romantisch sind. Natürlich Blödsinn, aber gerade bei Manga habe ich tatsächlich fast ausschließlich bisher genau solche Geschichten kennengelernt. Glücklicherweise weitet sich das Spektrum hierzulande immer mehr und so bin ich über die Reihe Innocent von Shin’ichi Sakamoto gestolpert. Diese Reihe ist in Japan bereits mit 9 Bänden abgeschlossen und hat ein Spin-off mit Innocent Rogue erhalten, während in Deutschland gerade der 6. Band in den Startlöchern steht.Obwohl es eine große Bandbreite in den Bereichen gibt, assoziere ich Comics bzw. Graphic Novels immer mit sehr erwachsenen, düsteren Geschichten, während Mangas eher süß-romantisch sind. Natürlich Blödsinn, aber gerade bei Manga habe ich tatsächlich fast ausschließlich bisher genau solche Geschichten kennengelernt. Glücklicherweise weitet sich das Spektrum hierzulande immer mehr und so bin ich über die Reihe Innocent von Shin’ichi Sakamoto gestolpert. Innocent folgt dem Leben von Charles-Henri Sanson im Frankreich des 18. Jahrhunderts, welcher in eine Scharfrichterfamilie hineingeboren wurde und auf der gleichnamigen historischen Person basiert. Diese Reihe ist in Japan bereits mit 9 Bänden abgeschlossen und hat ein Spin-off mit Innocent Rogue erhalten, während in Deutschland gerade der 6. Band in den Startlöchern steht. Warum mich diese Geschichte trotzdem absolut begeistert und in seinen Bann zieht, möchte ich kurz in 5 Punkten erläutern.

Achtung! Innocent ist aufgrund seiner Thematik durchzogen mit teils sehr grausigen Passagen, weshalb der Verlag eine Altersempfehlung von 18+ Jahren ab dem 2. Band ausspricht. Vol. 1 wird ab 16+ Jahren empfohlen.

Shin'ichi Sakamoto | Innocent Bd. 1-5

1 | Der Todesengel von Paris

Charles-Henri Sanson gab es wirklich, und lebte von 1739 bis 1806. Sakamoto bezieht sich für seine Geschichte auf das Buch Shikei Shikkounin Sanson – The Executioner Sanson von Masakatsu Adachi als Quelle, welche er für den Manga frei interpretiert. Sanson war der sogenannte Monsieur de Paris, und wirkte als der Scharfrichter von Paris unter anderem während der französischen Revolution. Ihm werden fast 3.000 Tötungen zugeschrieben, und für eines der Sinnbilder der Französischen Revolution haben wir ihm ebenfalls mit zu danken: Durch sein Zutun wurde die Guillotine zu einer humaneren Hinrichtung eingesetzt. Natürlich ist der Manga keine direkte Biografie, aber der historische Hintergrund der Geschichte ist faszinierend! Gerade die innere Zerrissenheit von Sanson, der ein eigentlich sehr zartbesaitetes Herz hat, aber dieser grausamen Berufung folgen muss, hat mich immer wieder berührt, aber natürlich auch die Frage der Schuld oder Unschuld eines Scharfrichters. Nicht ohne Grund werden die Sansons als Todesengel verschrien und vom Volk gemieden, und eine Hinrichtung kann sowohl rasch als auch quälend langsam ausgeführt werden.

Shin'ichi Sakamoto | Innocent Bd. 1-5

2 | Eine schreckliche Familie

Die Familie Sanson ist mit Charles-Henri Sanson bereits in der vierten Generation als Scharfrichter tätig. Zu Beginn jedes Bandes steht auch immer der Stammbaum der Familie, welcher unter anderem aufführt wo welches Mitglied als Scharfrichter tätig war. Seine Familie stellt das krasse Gegenteil zu Charles-Henri da, was Sakamoto immer wieder mit Szenen untermauert. Seine Großmutter Anne-Marthe lenkt als Matriarchin die Geschicke der Familie mit strikter Hand, und alle haben sich ihren Vorstellungen zu unterwerfen. Der älteste Sohn ist der Erbe, da nützen keine Widerworte oder ein schwaches Gemüt, und zur Not wird die Erziehung mit Folter unterstützt. An ein paar Stellen wirkt es fast schon grotesk, wie schrecklich diese Familie sich untereinander einerseits behandelt und dann einzelne Familienmitglieder sich großartig unterstützen. Vor allem die Beziehung zwischen Charles-Henri und seiner Schwester Marie-Josèphe sticht dabei hervor, da sie eigentlich die perfekte Erbin wäre – wäre sie nur halt nicht als Frau geboren.

Shin'ichi Sakamoto | Innocent Bd. 1-5

3 | Furchtbares und Wunderschönes im Kontrast

Innocent ist alles andere als unschuldig. Misshandlungen, Folter sowie verschiedenste Methoden dazu, Hinrichtungen wie die Vierteilung… fast unvorstellbar, dass das Menschen anderen Menschen vor gerade mal etwas mehr als 200 Jahren angetan haben. Sakamoto beweist durch alle Bände hinweg allerdings ein gutes Händchen dafür, genau die Balance zu treffen. Panels voller Grausamkeit werden immer zur rechten Zeit mit Parallelen, Allegorien oder Sachinformationen unterbrochen. Beispielsweise wird so das Betreten des Schafotts zu einer Aufforderung zum Tanz, statt detailliert eine Misshandlung zu zeigen erklärt eine anatomische Zeichnung den Sinn dahinter oder zwei Charakter werden auf gegenüberliegenden Seiten zum selben Zeitpunkt an unterschiedlichen Orten in den selben Posen gezeigt.

Shin'ichi Sakamoto | Innocent Bd. 1-5

4 | Wissen to go zwischen den Zeilen

Nun, ich hatte zwar nicht direkt die Intention bei der Lektüre von Innocent etwas zu lernen, aber das tut man auf jeden Fall! Wusstet Ihr, dass der erste Halswirbel, welcher Kopf und Körper miteinander verbindet, Atlaswirbel heißt? Oder Scharfrichter ihr Wissen der Anatomie und Behandlung von Wunden dem Volk als Heiler anboten? Beim Lesen der Manga nimmt man automatisch Wissen auf, und am Ende des 4. Volumes warten mit Die Ära des Scharfrichters Sanson gleich 12 Seiten an geschichtlichem Kontext auf den Leser. Sakamoto nimmt dem Beruf des Scharfrichters seine Abstraktion und man bekommt einen guten Eindruck davon, wie viel humaner es in den letzten 200 Jahren doch geworden ist bzw. was genau hinter dieser Tätigkeit alles stand.

Shin'ichi Sakamoto | Innocent Bd. 1-5

5 | Blick zurück und voraus

Trotz aller künstlerischer Freiheit ist Innocent eine Geschichte mit historischem Rahmen. Die Tätigkeiten und Lebensspanne der Familienmitglieder sind im Stammbaum verzeichnet, sodass die Eckdaten von Anfang an klar sind – und als Leser wissen wir im Gegensatz zu den Sansons, dass die Französische Revolution nicht mehr fern ist. Gerade diese Eckdaten machen es gleichzeitig auch faszinierend zu sehen, wie von Punkt A über Punkt J irgendwann zu Punkt Z gelangt wird. Mit manchen Überlegungen der Charakter spielt Sakamoto auch an dieses Wissen des Lesers geschickt an. Praktisch ist ebenso die Zusammenfassung der vorherigen Ereignisse zu Beginn in Was bisher geschah. Wer längere Pausen beim Lesen der einzelnen Bände macht oder zu Anfang die Charaktere noch nicht gut unterscheiden kann, wird hier drin sicher eine große Hilfe finden! Und auch der Blick auf die letzten Seite nach der Geschichte des jeweiligen Bandes lohnen, da in ein paar Panels immer die Ereignisse des nächsten Bandes angeteasert werden.

Shin'ichi Sakamoto | Innocent Bd. 1-5


Es ist sicher keine Reihe für jeden, mir gefällt Innocent allerdings unfassbar gut. Nach etwas mehr als der Hälfte der Reihe bin ich wahnsinnig gespannt, in welche Richtung sich Innocent und Charles-Henri noch entwickeln werden. Wird er doch noch Gefallen an seiner Berufung finden? Wie wird der Hof von Versailles in die Handlung integriert? Bis zu welchem Zeitpunkt begleiten wir die Sansons? Und und und, so viele Fragen und Möglichkeiten schwirren mir im Kopf herum. Hoffentlich kann die Reihe die selbst hochgelegte Latte in den kommenden vier Bänden halten.


BUCHDETAILS | ANZEIGE

SOFTCOVER MIT KLAPPENBROSCHUR: UM DIE 220 SEITEN JE BAND | ORIGINALTITEL: イノサン | AUS DEM JAPANISCHEN INS DEUTSCHE ÜBERSETZT VON GANDALF BARTHOLOMÄUS (VOL. 1+3), EKATERINA MIKULICH (VOL. 2) UND KAJA CHILARSKA (VOL. 4+5), | 9-BÄNDIGE SERIE (ABGESCHLOSSEN) | VERLAG: TOKYOPOP MANGA | DER VERLAG EMPFIEHLT BAND 1 AB 16+, DIE RESTLICHEN BÄNDE AB 18+ JAHREN

[Gelesen] Animant Crumbs Staubchronik

Bücher, in denen Bücher und das Lesen selbst eine Rolle spielen, da schlägt das bibliophile Herz gleich höher! Und welche passenderen Orte gibt es für solche Geschichten als Buchhandlungen oder Bibliotheken? Zwar frequentiert Lin Rinas Protagonistin im Verlauf von Animant Crumbs Staubchronik auch den ein oder anderen Buchladen, aber der Hauptschauplatz ist die Royal University Library in London. Hier ergattert die junge Ani, die die Zeit lieber schmökernd in ihrem Lesesessel als auf gesellschaftlichen Veranstaltungen verbringt, im Jahr 1890 eine Anstellung als Bibliotheksassistentin. Die Anstellung bringt allerdings so manche Schwierigkeit mit sich, und alles wäre so viel leichter ohne den griesgrämigen Bibliothekar.. oder vielleicht doch nicht?

Lin Rina: Animant Crumbs Staubchronik

Wenn ein deutscher Verlag mit durch die Bank wunderschönen Covern glänzen kann, dann ist es definitiv der Drachenmond Verlag! Beim Durchblättern des Programms war mir Animant Crumbs Staubchronik bereits direkt ins Auge gesprungen, und als ich es dann im Buchladen gesehen habe, musste es einfach mit. Das Buch sieht selbst von der Gestaltung wie ein Buch aus -etwas, was ich auch bei den Büchern der Great Library Reihe sehr schätze!- und rückt die beiden wichtigsten Zutaten der Geschichte in den Vordergrund: Animant und die Bücher bzw. die Bibliothek.

Bücher über Bücher, Seiten, Wörter, der Geruch von Papier und Staub in der Luft, und ich wusste, dass ich mein Herz an diesen Ort verlieren würde. | Seite 38

Das ist vermutlich einer der Punkte, die mir am meisten in dieser Geschichte gefallen haben: Ani tritt recht zügig zu Beginn des Buches ihre Anstellung in der Bibliothek an, und diese Aufgabe bleibt die ganze Geschichte über präsent. Die ersten Tage ist alles noch sehr intensiv und mit viel Lernerei verbunden bis sich eine Routine aufbaut, aber nie vergisst die Autorin, dass ihre Protagonisten einem Beruf nachgeht. Ich fand es schön zu sehen, wie sich der Arbeitsalltag mit dem Privaten vermischt und Ani teilweise ganz ordentlich ins routieren kommt! Dabei hat sie gleich zwei Widersacher, wenn man so mag: Den Bibliothekar Thomas Reed, der schon so manchen Assistenten mit seiner anstrengenden Art in die Flucht geschlagen hat, und ihre Mutter, die nichts mehr möchte als eine gute Partie für ihre Tochter zu finden. Gegen beide muss sich Ani behaupten und ihren eigenen Weg versuchen zu finden, während sich nebenbei eine zarte Liebesgeschichte entfaltet, wie sie die Protagonistin sonst nur aus Büchern kennt.

Obwohl das Buch mit 552 Seiten ein rechter Wälzer ist, bin ich eigentlich nur so durch die Seiten geflogen. Animants direkte, teils kecke Art hat mir super gefallen und ich war einfach gespannt, wie es ihr und den anderen Charakteren ergehen wird. Würde Mr. Reed sich im nächsten Kapitel wieder in seinem Büro verschanzen? Zu welcher Tat könnte Elisa Animant als nächstes anstiften? Was macht ein Bücherwurm, wenn ihm am Sonntag die Bücher ausgehen? Und wie nur sollte sich das Gefühlschaos bloß entwirren? Tatsächlich hat mich gerade letzteres etwas überrascht, da ich nicht mit so einem starken Fokus auf die Irrungen und Wirrungen der Herzen in diesem Buch gerechnet hatte, aber Lin Rina hat die Gradwanderung dabei perfekt hinbekommen. Nie wurde es zu kitschig oder melodramatisch, und obwohl der Ausgang einigermaßen klar ist ab einem gewissen Punkt fiebert man trotzdem mit.

Ein paar Kritikpunkte habe ich trotzdem an Animant Crumbs Staubchronik, wobei diese den Lesegenuss nur bedingt eingeschränkt haben. Zuerst der Elefant im Rau-, ähm, im Titel. Was ist mit Staubchronik eigentlich gemeint? Ich habe da wirklich das Gefühl irgendwas überlesen oder nicht verstanden zu haben, da sich mir der Titel nicht ganz erschließt. Wobei ein Titel natürlich nicht im Buch vorkommen oder erklärt werden muss, aber einen Zusammenhang sehen zu können mag ich trotzdem. Ebenso wurden Dinge angesprochen, die Rina dann wieder fallen lässt bzw. die eleganter gelöst werden könnten. Beispielsweise das kaputte Dach. Kann sich da nicht einfach im Sturm was lösen? Irgendwie habe ich erwartet, dass da noch mehr hintersteckt, so wie die Autorin es löst. Elisas Gönnerin schneit in die Geschichte rein und raus ohne eine klärende Unterredung, der Handlungsstrang um Animants Bruder könnte ohne große Probleme ganz gestrichen werden, genauso wie die anderen Brüder, denen man als Leser gemeinsam mit Ani begegnet, der Plan für die Selbstständigkeit ist nur ein kurzer Gedanke… und zum Schluss hin geht alles plötzlich sehr schnell. Mich hat es direkt traurig gemacht, dass es sich hier um einen Einzelband handelt und das im letzten Kapitel auf einmal alles mit einer Schleife drum im Eilverfahren beendet wurde. Wer  einen bibliophilen historischen Liebesroman sucht, kann mit Animant Crumbs Staubchronik allerdings nicht viel falsch machen, und ich werde sicherlich noch das ein oder andere mal das Buch zur Hand nehmen um die lieb gewonnenen Charakter wiederzusehen.


Weitere Eindrücke zum Buch findet Ihr bei Our Booktastic Blog, Das weiße BücherregalNerdahoi, Zeilengefluester und Büchermoor.


BUCHDETAILS | ANZEIGE

TASCHENBUCH: 552 SEITEN | EINZELBAND | VERLAG: DRACHENMOND (20.11.2017) | ISBN: 9783959913911 | MEINE BEWERTUNG: 4/5