[Gelesen] Ausgerechnet Deutschland: Geschichten unserer neuen Nachbarn

Rezensionsexemplar | Nachbarn sind etwas, dass wir uns in den wenigsten Fällen aussuchen oder gar vermeiden können. Klar sind da manchmal auch wirklich furchtbare Vertreter dazwischen, aber meistens kann man sich doch gut mit der Gegenseite arrangieren. Wie so etwas aussehen kann beziehungsweise welche Erfahrungen Wladimir Kaminer mit einer neuen Gruppe von Nachbarn gemacht hat, beschreibt er in seinem Buch Ausgerechnet Deutschland: Geschichten unserer neuen Nachbarn.

Wladimir Kaminer | Ausgerecht Deutschland
Vielen Dank an den Goldmann Verlag für das Rezensionsexemplar!

Die neuen Nachbarn, damit sind die Flüchtlinge gemeint, die im Verlauf der Flüchtlingskrise nach Deutschland gekommen sind. Kaminer, welcher selber aus der Sowjetunion geflüchtet ist, nähert sich diesen in insgesamt 35 Geschichten an. Teilweise recht allgemein gehalten, dann wieder mit Anekdoten aus seinem Leben gespickt, bis hin zur Begleitung einer Familie, die in seinem Wohnort angesiedelt wurde – was ein geglückter Mix! Der Fokus schiebt sich immer wieder vom allgemeinen ins alltägliche, persönlich von Kaminer erlebte, wodurch es eher was von Kolumnen hat.

Mir hat dieser Schreibstil von Kaminer bereits in Goodbye Moskau sehr gefallen, und diesen nutzt er auch in Ausgerechnet Deutschland wieder gekonnt: Ernstes oder komplizierte Thema werden auf simple Sätze gebracht, ohne etwas einzubüßen, neue Blickwinkel werden möglich und immer wieder scheint der Humor des Autoren leicht durch. Fast alle enthaltenen Geschichten können unabhängig voneinander gelesen werden, wobei ich es auch schön fand, immer wieder über Geschichten zu stolpern, die einen Bezug auf bereits gelesene hatten. Gerade den Werdegang der Flüchtlingsfamilie, die in dem brandenburgischen Dorf untergebracht wurde, fand ich sehr spannend, einfach, da Kaminer auch so unbefangen und mit einer gesunden Neugier beobachtet. Er belehrt in seinen Geschichten nicht, sondern bleibt recht objektiv und lässt eher die Geschehnisse für sich sprechen.

Über ein Thema wie Flüchtlinge mit Ernsthaftigkeit und gleichzeitig einer Prise Humor schreiben zu können, bedarf es einiges an Fingerspitzengefühl und genau dies besitzt Kaminer. Da er ebenfalls als Flüchtling nach Deutschland kam, kann er teilweise Vergleiche zwischen den Situationen ziehen und vermitteln. Wer Kaminer bisher gerne gelesen hat, wird auch mit diesem Buch wieder nichts falsch machen. Und wer sich nur für die Thematik interessiert, findet in Ausgerechnet Deutschland einen guten Startpunkt, ohne sich um Panikmache oder Polemik sorgen zu müssen.

Wahre Integration besteht nicht darin, alle Menschen in Reih und Glied aufzustellen, sondern sich täglich zu entwickeln, Neues kennenzulernen, dem Fremden furchtlos in die Augen zu schauen und zu fragen: Du, Fremder, was willst du eigentlich von mit? | Seite 89


Einen weiteren Eindruck zu diesem Buch gibt es bei Hundertmorgenwald. Und falls Ihr Euch für Goodbye, Moskau: Betrachtungen über Russland von Wladimir Kaminer interessiert, findet Ihr h i e r meine Besprechung dazu.


BUCHDETAILS | ANZEIGE

BROSCHUR: 240 SEITEN | VERLAG: GOLDMANN  (19.03.2018) | ISBN: 978-3442487011 | MEINE BEWERTUNG: 4/5

 

[Gelesen] Palace of Glass – Die Wächterin

Rezensionsexemplar | Wenn jemand allein durch eine Berührung deine Gedanken lesen könnte, wäre das nicht gruselig? Was, wenn nicht nur eine Person sondern eine ganze Gruppe diese Fähigkeit hätte? Wie würde die Gesellschaft damit umgehen? Und was für Konflikte könnten daraus alles erwachsen? Das ist eine der zentralen Fragen mit denen sich C. E. Bernard im ersten Band –Die Wächterin– der dreibändigen Palace-Saga, befasst, aber auch die Liebe und Intrigen kommen in dieser Geschichte nicht zu kurz!

Palace of Glass, Bd. 1: Die Wächterin
Vielen Dank an Penhaligon für das Rezensionsexemplar!
Rote Seide, weißer Palast

Die Gesellschaft, in der die junge Rea Emris in einem alternativen London lebt, wird bestimmt durch die Angst vor den Magdalenen – Menschen, die die Gabe haben, Gedanken durch Berührung lesen und teils manipulieren zu können. Obwohl die Welt technologisch etwa auf unserem Niveau ist, gelten deswegen feste Kleider- und Benimmregeln um den Körperkontakt auf das absolute Minimum zu reduzieren. Magdalenen werden -sofern entdeckt- aus der Öffentlichkeit entfernt, um diese zu schützen, sodass die Gabe mehr wie ein Fluch scheint. Selber eine Magdalene, erlaubt sich Rea nur nachts bei illegalen Kämpfen im Faustkampf Andere zu berühren. Durch ihr Geschick dabei lenkt sie allerdings unfreiwillig den Fokus des britischen Geheimdiensts auf sich, der sie für eine spezielle Stelle rekrutiert: Als Leibwächterin des Thronprinzen soll sie diesen vor Magdalenen schützen. Im Palast gilt es fortan, ihr Geheimnis genauso wie die Sicherheit ihres Schutzbefohlenen zu bewahren… und keine Gefühle aufkommen zu lassen, denn Prinz Robin ist Reas größter Feind.

Startschwierigkeiten und körperliche Gewalt

Das Konzept der Magdalenen mag anfangs etwas viel scheinen, aber C. E. Bernard schafft es, den Leser recht angenehm an ihren Weltenentwurf heranzuführen. Menschen mit besonderen Fähigkeiten, die sich von dem Rest der Maße abheben und auf Ablehnung stoßen, ist ja etwas, was es bereits auf die ein oder andere Weise bereits gibt, und auch einige andere Details haben mich an Aspekte Dreier anderer Bücher -The Bone Season, Nevernight und Smoke- erinnert, welche ich sehr mag. An für sich also gute Voraussetzungen für eine unterhaltsame Lektüre, trotzdem bin ich nach dem ersten Band etwas hin und her gerissen. Zwar war ich durchweg gefesselt von Rea und ihrer Geschichte, sodass ich das Buch kaum weglegen mochte, andererseits sind ein paar Logiklöcher vorhanden bzw. manche Dinge werden nicht ganz klar. Zum Beispiel muss ich irgendwo am Anfang die Jahresangabe überlesen haben, denn der Anachronismus von Kleidung und Benehmen des 19. Jahrhunderts gepaart mit Handys, Tablet und Internet im weiteren Verlauf des Buches hat mich zuerst arg verwirrt. Da sich Rea und die anderen Charaktere hauptsächlich im Palast aufhalten, erlebt der Leser zudem nicht viel von London und gefühlt könnte die Geschichte gerade noch überall spielen. Eine Tatsache, die sich hoffentlich mit der Verlagerung des Schauplatzes für den zweiten Band etwas geben wird.

Keinerlei Berührung. So lautet das oberste Gebot, das uns von Kindesbeinen eingebläut wird, die einzige Regel, die wirklich von Bedeutung ist. Trage stets deine Handschuhe. Ich werde diese Regel jetzt brechen. | Seite 9

Ein wirklich schwieriger Punkt in Die Wächterin, die ich an dieser Stelle kurz ansprechen mag, ist die ist Gewalt, die Rea widerfährt. So etwas wie die Leibesvisitation beim ersten Eintreffen am Hofe ist zwar mit einem Kloß im Hals zu lesen, macht im Rahmen der Geschichte allerdings Sinn. Gepaart mit einem anderen späteren Ereignis im Palast würde mit persönlich das bereits vollkommen ausreichen, um zu verstehen, welches Misstrauen und Paranoia in der Gesellschaft existiert. Die Autorin streut aber noch weitere Szenen bzw. Erinnerungen ein, die teilweise zu viel und zu krass wirken. Was soll ein Einschub wie der mit der Dusche bei mir als Leser genau auslösen? Vor allem, wenn dieser aus dem Nichts kommt und im weiteren nicht wirklich wieder aufgegriffen wird? Warum Rea mit ihrem Bruder in London ist, und wie sie selbst die Reaktion auf die Enthüllung einer Magdalena erlebt hat, hätte man sicherlich auch ohne diese Details zeigen können. Vielleicht sollte es aber auch eine weitere Anspielung an den Report der Magd sein? Ich könnte im weiteren Verlauf der Saga jedenfalls gut auf weitere Einschübe wie diese verzichten!

Ritter und Löwinnen

Zwar stellt der Konflikt mit den Magdalenen schon einen großen Fokus der Geschichte da, aber das Hauptaugenmerk liegt definitiv auf der Liebesgeschichte und der generellen Interaktion zwischen Rea und einer ganzen Schar toller Nebencharaktere. Vor allem Galahad, Blanc und Ninon mochte ich sehr und hoffe, dass man noch mehr von ihnen in den folgenden Bänden sieht. Rea selber ist als Hauptperson noch etwas ausbaufähig, allerdings ist da sicher bewusst noch Luft noch oben gelassen, damit sie über die gesamte Trilogie hinweg wachsen kann. Ihre Liebesbeziehung entwickelt sich zwar recht flott, aber aufgrund der straffen Regeln, was Beziehungen und Berührungen anbelangt, kann man das gut nachvollziehen. Insgesamt ist für die folgenden zwei Bände einiges an Möglichkeiten in Die Wächterin vorbereitet, und bin gespannt, wie es in Palace of Silk – Die Verräterin weitergehen wird.

Von C.E. Bernard gibt es übrigens auch eine Playlist zum Buch, die leider nicht mit abgedruckt wurde. Falls Ihr einen Eindruck von den Charakteren bekommen wollt, ist die Liedauswahl ein guter Einstieg. Folgend ist die Playlist von der Webseite der Autorin vom 31.07.2017, auf anderen Seiten findet sich eine andere Liedauswahl für Ninon (Sarasate: Carmen Fantasy, Op.25 – 1. Moderato), wobei beide super zu ihr passen!

  1. Die Mensatorin: Miss Rea Marian Emris – Mumford & Sons | Snake Eyes
    “It’s in the eyes: I can tell you will always be danger – the stakes remain too high for this silent mind – to leave love divine – don’t leave love divine.”
  2. Die Herzogin: Ninon d’Orléans – Mumford & Sons | Wilder Mind
    “I have been blessed with a wilder mind – you can be every little thing you want nobody to know – you can call it love if you want.”
  3. Der Prinz und die Wächterin: Robin – Mumford & Sons | Believe
    “This is never gonna go away if I’m gonna have to guess what’s on your mind.”
  4. Der Hauptmann: Blanc – Mumford & Sons | The Wolf
    “You better keep that wolf back from the door. He wanders ever closer every night.”
  5. Bruder und Schwester: Liam und Rea Emris – Mumford & Sons | Tompkin Square Park
    “I really wish you would not cry. I only ever told you one lie when it could have been a thousand.”
  6. Die Heldin: Rea Emris – Clara Clasen | Irrelevant
    “The only thing that’s true about me is that the world will turn without me.”

Der zweite Band, Palace of Silk – Die Verräterin, ist ab dem 29. Mai 2018 im Handel erhältlich. Und auch der dritte Band, Palace of Fire – Die Kämpferin, lässt nicht lange auf sich warten und erscheint bereits am 23. Juli 2018. Weitere Eindrücke zum ersten Buch findet Ihr bis dahin bei Buchnotizen, TThink TTwiceBuntes TintenfässchenBookalicious, Liebe dein Buch und Der Buchdrache.


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BROSCHUR: 416 SEITEN | ORIGINALTITEL: TOUCH THAT FIRE (REA 1) | PALACE-SAGA, BAND 1 | ÜBERSETZT AUS DEM ENGLISCHEN VON CHARLOTTE LUNGSTRASS-KAPFER | VERLAG: PENHALIGON  (19.03.2018) | ISBN: 978-3764531959 | MEINE BEWERTUNG: 3.5/5

 

[Gelesen] Die Erfindung des Marxismus. Wie eine Idee die Welt eroberte

Rezensionsexemplar | „Alles, was ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin.“ – was eine Aussage von dem Mann, der dem Marxismus seinen Namen gab! Und irgendwie zeitgleich paradox, denn für die meisten dürften Karl Marx und der Marxismus eng miteinander verbunden sein. Den Weg der Marx’schen Lehre hin zum -ismus, arbeitet Christina Morina anhand eines Gruppenporträts unter anderem in ihrem Buch Die Erfindung des Marxismus. Wie eine Idee die Welt eroberte heraus, welches auf ihrer 2016 eingereichten Habilitationsschrift beruht.

4 - Die Erfindung des Marxismus
Vielen Dank an den Siedler Verlag für das Rezensionsexemplar!

Morinas „Hauptpersonen“ sind neun Intellektuelle, die sie zur „geistigen Gründergeneration des Marxismus“ (S.10) zählt: Karl Kautsky, Eduard Bernstein, Rosa Luxemburg, Victor Adler, Jean Jaurès, Jules Guesde, Georgi W. Plechanow, Wladimir I. Lenin und Peter B. Struve.

Die Auswahl der neun Protagonisten ergibt sich aus den ideengeschichtlichen Gewicht ihrer Schriften und Reden, aus ihrer Rolle bei der popularisierenden Übersetzung und Verbreitung des Marx’schen Textkorpus in Deutschland, Österreich, Frankreich und Russland zwischen 1870 und 1900 sowie aus ihrem Selbstverständnis als „marxistische Intellektuelle“. | Seite 13

Diesen Neun begegnet man im Laufe des Buches immer wieder, wobei dieses sich neben Prolog und Schluss in drei aussagekräftige Teile mit entsprechenden Unterkapiteln splittet: Sozialisation, Politisierung und Engagement. Diese drei Unterkapitel ergeben sich dabei aus dem „Zusammenhang von Weltaneignung, Weltanschauung  und politischer Praxis“ (S. 476) in den jeweiligen Lebensläufen, die obgleich verschieden auf Gemeinsamkeiten beruhen (z. B. erfahren alle eine starke Förderung durchs Elternhaus). Mich haben hier vor allem die Personen fasziniert, deren Namen und Wirken einem nicht sofort präsent sind wie etwa Karl Kautsky.

Das Gute an Die Erfindung des Marxismus ist, dass man als Leser selber wählen kann, wie man sich dem Text annähert. Die Kapitel können für sich gelesen werden oder regulär hintereinander weg, und sind auch für Laien gut erschließbar. Durch den Ansatz, sich der Entstehung des Marxismus über die Biografien einzelner Persönlichkeiten anzunähern, wird die Faszination mit der Marx’schen Lehre verständlich. Denn was hat „Marx als Person und Denker, historisch gesehen, so einzigartig und wirkmächtig“ (S. 11) gemacht? Wie konnte aus dem Studium dieser eine Weltanschauung entstehen, die maßgeblich das 20. Jahrhundert mit prägte? Diesen Fragen geht Morina nach und stellt zudem in ihrem Schlussteil noch verschiedene Formen der Interpretation von Marx (Entdecker-Erleuchter-Erbauer) kurz da, welche ich ebenfalls sehr spannend fand. Genauso empfand ich die Einteilung in Feldforscher, Bücherwürmer und Abenteuer, was das (politische) Engagement der Neun anbelangt, ein tolles Bild, welches dem Verständnis ungemein hilft. Generell bringen Prolog und Schluss noch einmal die Gedanken und Erkenntnisse gut auf den Punkt, und man merkt, dass das Buch auf einer wissenschaftlichen Arbeit basiert.

Ein wenig reißerisch ist der Titel dieses Sachbuches schon, denn wirklich „erfunden“ wurde der Marxismus nicht, und die Biografien beziehen sich eher auf einen Teil Europas als die ganze Welt. Als einen Ausgangspunkt bzw. neuen Ansatz der Marxismus-Forschung ist das Buch unglaublich spannend und lesenswert – man muss nur das entsprechende Interesse und teils Ausdauer für die knapp 500 Seiten Text mitbringen.


Weitere Eindrücke zum Buch findet Ihr bei Sabine Hollewedde und Gedankenteiler. Zum 200. Geburtstag von Karl Marx erscheinen mehrere Beiträge auf meinem Blog. Eine Übersicht über alle Beiträge findest du H I E R.


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HARDCOVER: 592 SEITEN | 17 S/W ABBILDUNGEN | VERLAG: SIEDLER (25.09.2017) | ISBN: 978-3827500991 | EBENFALLS ALS EBOOK ERHÄLTLICH