[Gesehen] The Picture of Dorian Gray

In den letzten ein, zwei Jahren kann ich mich immer mehr und mehr für Theater begeistern und sehe sehr regelmäßig Stücke – sei es direkt vor Ort oder mittels der wunderbaren Übertragungen von National Theatre Live im Kino. Theater hat immer etwas flüchtiges: Keine Aufführung ist eins zu eins identisch mit der nächsten, man kann sie nicht ‚festhalten‘ und nach einer gewissen Laufzeit enden die Stücke in der gezeigten Form… Aber diese Umstände machen es auch wieder zu etwas besonderem und einem sehr persönlichen Erlebnis. In Frankfurt am Main wird noch bis zum 27. Oktober ein ganz spannendes Stück im English Theatre aufgeführt: The Picture of Dorian Gray. Eigentlich ein Roman von Oscar Wilde, wurde es von seinem Enkel Merlin Holland und John O’Connor in ein Theaterstück adaptiert. Relativ spontan haben die liebe K. und ich uns Karten geholt und das Stück Anfang Oktober zusammen gesehen.

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Um die Handlung kurz zu umranden: The Picture of Dorian Gray spielt im viktorianischen London. Dorian Gray ist ein junger, unschuldiger Mann, der von einem Maler porträtiert wird. Beim Anblick des fertigen Gemäldes äußert er den Wunsch, es möge an seiner statt altern – und der Wunsch wird Realität. Fortan bleibt Gray trotz seines sich rapide ändernden Lebensstils makellos und nur im Gemälde zeigen sich die Auswirkungen seines Handelns.

„Each of us has heaven and hell in him.“

Fürs Theater wird das Stück in die Gegenwart geholt. Statt eines Malers ist Basil nun zum Beispiel ein Künstler, der mit Videotechnik das Gemälde von Dorian in einem fast schon klinisch-weißen Studio filmt. Die Einbindung von Laptop, Videokamera, Smartphone und co. funktioniert erstaunlich gut und auch die leichte Elektromusik während der Szenenwechsel ist stimmig. Es gibt kein großes Ensemble, sondern sämtliche Rollen werden von vier Schauspielern gespielt, die dafür Requisiten und Akzente einzusetzen verstehen. Um die Modernisierung etwas stärker herauszuarbeiten, gibt es quasi eine Geschichte in der Geschichte – die Auflösung dieses Kunstgriffs am Ende fand ich sehr genial, wenn ich auch erst etwas über die Verschachtelung nachdenken musste. Die Entwicklung von Dorian wird durch das Bühnenbild unterstützt: Die Farben variieren von einem fast grellen unschuldigem Weiß in Akt I zu einem sehr düsteren und leicht bedrückenden Akt II. Als Zuschauer sieht man das Gemälde selbst nicht, sondern nur den Rahmen von der Rückseite; man wird selber zum Spiegel. Teilweise sind auch verspiegelte Flächen im Bühnenbild, sodass sich das Publikum tatsächlich spiegelt.

Es ist natürlich immer wieder schade, dass ein Theaterstück nur für kurze Zeit und an einem festen Ort zu sehen ist, sodass nur eine gewisse Menge es erleben und rezipieren kann. Daher will ich auch nicht zu sehr diese spezifische Adaption besprechen. Was mir dieser Theaterbesuch allerdings wieder verdeutlicht hat ist, wie toll und erfrischend es doch sein kann, auch bereits bekannte Werke mal aus einem ganz anderen Blickwinkel zu sehen und auf sich wirken zu lassen. Die Bühnenadaption hat ganz andere Aspekte ins Stück eingebracht als zum Beispiel die Verfilmung von 2009 und generell besteht natürlich ein Unterschied zu den eigenen Gedanken und Interpretation, die beim Lesen des Werkes kommen. Das Bildnis des Dorian Gray von Oscar Wilde ist eines meiner liebsten Bücher und es sollte spannend werden, es in absehbarer Zeit mit diesen neuen Ideen und Ansätzen im Hinterkopf zu lesen. Das ich diese wirklich gelungene Theateradaption zusammen mit K. erleben und mich später etwas mit ihr darüber austauschen konnte, freut mich umso mehr – vielen, vielen Dank auch an dieser Stelle noch einmal! ♥

[Gesehen] The Neon Demon

Aktuell bin ich in einer kleinen Leseflaute, habe dafür aber große Lust auf Filme. Am Wochenende hatte ich endlich die Gelegenheit The Neon Demon zu sehen und bin immer noch etwas hin- und her gerissen, ob ich ihn nun mochte oder nicht…neon-demon

Die junge Jesse, hübsch aber naiv, kommt nach Los Angeles, um Model zu werden. Durch ihre frische und unverbrauchte Schönheit wird sie schnell zu einem Liebling der Fotografen, Designer und ihrer Agentur – ein Umstand, der auch ihrer Konkurrenz, den älteren Models, nicht lange verborgen bleibt. Ruby, eine Maskenbildnerin, die Jesse bei einem Shooting kennen lernt, wird zu einer Art Mentorin und Freundin, die ihr hilft in der gefährlichen (Mode-)Welt von LA zurecht zu kommen.

„On one level, Jessie can be seen as, you know, a deer in the headlights, an innocent coming to a giant city of sin. At the same time, she could be an evil Dorothy, coming to the city in order to poison the Wizard.“ – aus: Interview: Nicolas Winding Refn on The Neon Demon, Steve Macfarlane für Slant Magazine 24.06.2016 [x]

Es ist schwierig, einzelne Szenen zu beschreiben, da in The Neon Demon viel ineinander greift und manche Szenen erst zum Schlussakt ihre Wirkung entfalten. So gibt es zum Beispiel ein sehr triviales Gespräch über Lippenstift, welches in seiner dreifachen Bedeutung nicht direkt ersichtlich wird. Generell hält Refn den Dialog sehr knapp und vieles wird eher durch die Bilder kommuniziert. Und in diesen Bildern kann man sich gut und gerne verlieren: Es wird viel mit Farbe und ihrer Bedeutung gearbeitet (vor allem Blau und Rot!) und Refn setzt immer wieder auf lange, ruhige Kamerafahrten, wodurch manche Aufnahmen fast wie Gemälde oder Fotografien wirken.

Die Geschichte in The Neon Demon wird klar mehr gezeigt statt erzählt und der Film ist mehr Kunstfilm als Unterhaltung. Mit der Erwartung sollte man auch lieber an den Film herangehen, denn viel Handlung hat der Streifen für 117 Minuten nicht gerade anzubieten. Viele der Bilder und gezeigten  Metaphern muss man sich als Zuschauer selbst erschließen, wobei Assoziationen mit der Geschichte von Narziss oder der Gestalt Elizabeth Báthory definitiv gewollt sind. Ein teilweise sehr merkwürdige Film und nicht ganz das, was ich mir unter dem Trailer vorgestellt hatte…

[Gesehen] Smaragdgrün

Nachdem der letzte Teil der Edelstein-Trilogie jetzt schon etwas länger im Kino läuft, habe ich es diese Woche auch endlich rein geschafft. Ich mochte die Bücher sehr gerne, und die beiden ersten Filme waren (gerade für deutsche Verfilmungen) erstaunlich gut gelungen. Smaragdgrün dagegen hat mich nach gut zwei Stunden etwas ratlos zurückgelassen.Smaragdgrün Zeitreisegeschichten werden immer kompliziert, wenn hin und her gereist wird, ohne Frage. Auch in Smaragdgrün geht es wieder relativ munter durch die Zeit, und die Handlung setzt zeitnah nach Saphirblau ein. Gwen und Gideon sind zerstritten, hegen aber beide Zweifel an den Zielen der Loge und des Grafen. Es gilt weiterhin, die Vollendung des Blutkreislaufs im Chronographen zu verhindern und irgendwie über den verflixten Liebeskummer hinweg zu kommen. So weit, so gut.

Weniger gut dagegen ist das Drehbuch. Ich hatte mich eigentlich geärgert, dass ich keinen Reread der Bücher mehr geschafft hatte, aber im Endeffekt bin ich froh drüber: Ein Großteil der Handlung wurde umgeschrieben und zwar ordentlich. Vielleicht wären ein paar der Ideen gar nicht schlecht, aber sie haben absolut keinen Raum und Zeit (ha!) im dritten Teil, um sich zu entfalten. Dadurch schleichen sich einige Logiklöcher ein, und es wird einfach nicht klar, warum diese Entscheidungen getroffen worden. Zahlreiche überflüssige Szenen sind nämlich noch da, warum also das Buch neu erfinden?

Genauso verwirrend empfand ich die zig Anspielungen auf Hamlet, und wie viele Charaktere im Endeffekt einfach hintenüberfallen. Bestes Beispiel dafür ist Grace. Wieso nicht einfach einen Nebensatz einbauen à la „Loge hat sie weggeschickt“? Vielleicht wäre auch diese Schwäche nicht so krass ins Auge gesprungen, wenn die Darsteller der gesamten Trilogie nicht noch einmal in den Credits auftauchen würden… Maria Ehrich und Jannis Niewöhner haben mir in den Hauptrollen wieder sehr gut gefallen, wohingegen Johannes von Matuschka komplett überdreht seine Rolle spielt. Der restliche Cast schrumpft im Lauf des Films immer mehr zusammen, wobei Laura Berlin noch einiges aus ihrer Figur raus holen darf.

Es gibt eine kurze Referenz an die Bankenkrise und Totalüberwachung genauso, wie eine eigentlich recht traurige Szene, bei der im Kino so ziemlich alle lachen mussten: An manchen Stellen weiß man wirklich nicht, ob Smaragdgrün sich selbst ernst nimmt beziehungsweise welche Zielgruppe überhaupt angesprochen werden soll. Trotz der vielen negativen Aspekte bin ich froh, dass die gesamte Trilogie mit einem einheitlichen Cast verfilmt wurde und zur Abwechslung mal nicht gekünstelt auf vier Verfilmungen gestreckt werden musste. Smaragdgrün ist für mich zwar der schwächste Film der Reihe, bis zu einem bestimmten Punkt hat er aber bestens unterhalten. Wenn man die Bücher ausklammert (oder vielleicht noch nicht gelesen hat), ist Smaragdgrün für einen DVD-Abend nächstes Jahr nicht verkehrt – einen Kinogang kann man sich aber sparen.

rating: 2.5/5