[Gelesen] Goodbye, Moskau: Betrachtungen über Russland

Rezensionsexemplar | 2017 ist das Jahr, in dem sich russische Revolution zum hundertsten Mal jährt. Passend dazu gibt es viele Neuerscheinungen zum Thema Russland, unter anderem auch Goodbye, Moskau: Betrachtungen über Russland von Wladimir Kaminer. Kaminer ist selber gebürtiger Russe, welcher seit 1990 in Deutschland lebt und arbeitet. Ich muss zugeben, dass ich vorher noch nichts von Kaminer gehört oder gelesen habe, aber die Beschreibung des Buches und seine Gestaltung haben mich sofort angesprochen.

Was den Untertitel von Goodbye, Moskau angeht, bin ich etwas zwiegespalten – irgendwie impliziert Betrachtungen für mich etwas leicht anderes, als man in dem schmalen Buch zu lesen bekommt, aber das tut dem Lesevergnügen selbst ja keinen Abbruch. In Goodbye, Moskau finden sich 33 Geschichten oder Anekdoten, die teils Kaminer selbst, seinen Freunden oder Verwandten so oder so ähnlich zugestoßen sind. Vom lärmenden Kühlschrank über das Abenteuer Moskauer Metro bis hin zur Gottesmutter, die partout nicht mit Putin reden möchte: Die Geschichten sind mit Witz und Humor geschrieben.  Man merkt, dass Kaminer öfter Kolumnen verfasst, weil sich die kurzen Abschnitte eben genauso lesen.

Es fließen immer wieder Anspielungen auf die Sowjetunion und aktuelle Ereignisse wie die Krimanektion ein, aber dem Leser wird kein umfassendes Vorwissen abverlangt. Tatsächlich beschreibt Kaminer  vieles mit erstaunlich einfachen Worten und Bildern, die gut verständlich sind, auch falls man sich noch nie mit Russland und seiner Geschichte auseinandergesetzt hat. Diese Stärke ist allerdings auch immer zeitgleich eine der Schwächen von Goodbye, Moskau: Ein Sachbuch sucht man zwischen den Buchdeckeln hier vergebens. Durch den persönlichen Bezug zu Kaminer sind die meisten Geschichten geprägt und keine objektiven Betrachtungen, und der Humor muss einem als Leser schon zusagen.

Zwar hat es mich nicht direkt gestört, aber vom Klappentext her hatte ich doch mit einer stärkeren Bezugnahme auf Russland selbst beziehungsweise dem 100. Jahrestages der Oktoberrevolution in den Geschichten gerechnet. Kaminer erzählt zwar von Ereignissen in seinem Heimatsland, aber der Fokus liegt doch mehr auf den Menschen und wie teils unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen, als auf geschichtlichen Ereignissen. Türme aus purem Gold war dabei meine liebste Geschichte, dicht gefolgt von Die französische Suppe Bouillabaisse.  Mir haben die Lesestunden mit Goodbye, Moskau Spaß gemacht und ich mag definitiv noch mehr von diesem Autor in Zukunft lesen.

„Es war ein interessantes Experiment, eine Gesellschaft ohne Reiche und Arme zu schaffen, in der alle Betriebe und Fabriken nationalisiert und dem staatlichen Wirtschaftsplan unterworfen sein sollten. Es war eine äußerst intensive Erfahrung, eine Welt zu organisieren in der aller Menschen die gleichen Hosen und Gummistiefel tragen. Jetzt wissen wir, es sieht hässlich aus. Vielen Dank für Ihre Mitarbeit und viel Spaß in der freien Welt.“ – S. 73-74

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 Vielen Dank an den Goldmann Verlag für das Rezensionsexemplar! 


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Verlag: Goldmann
ISBN: 9783442159161
Erscheinungsdatum: 20.02.2017
 Rating: 3.5/5

[Gelesen] Sieben Minuten nach Mitternacht

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Rezensionsexemplar | Bei manchen Büchern weiß man schon im Vorfeld, dass sie einem wahrscheinlich das Herz brechen werden.. und Sieben Minuten nach Mitternacht gehört definitiv mit zu diesen Büchern. Trotzdem mag ich die Zeit, die ich mit Conor und dem Monster verbracht habe, auf keinen Fall missen!

Conor ist dreizehn und leidet schon einige Zeit unter Alpträumen. Seine Mutter kämpft gegen Krebs, was den Alltag der beiden bestimmt. Als Conor mal wieder nachts aus einem Alptraum aufwacht, hat er Besuch: Vor seinem Fenster steht ein Monster. Dieses Monster wird in der darauffolgenden Zeit ihn immer wieder nachts besuchen und Geschichten erzählen. Die Geschichten sind halb Märchen, halb Fabel, und ihre Lektionen erschließen sich Conor und dem Leser nicht unbedingt sofort. Jede der drei Geschichten fügt sich aber perfekt in die Handlung ein und danach ist es an Conor eine Geschichte zu erzählen…

Dieses kleine Buch hat mich von Anfang an absolut überrascht. Patrick Ness gelingt es, ein schwieriges Thema für alle Altersstufen gerecht aufzubereiten und auch wenn es primär um das Krankheitsbild Krebs geht, lässt sich die Geschichte doch leicht auf andere Krankheitsbilder übertragen. Als Leser begleitet man Conor sowohl durch den Alltag Zuhause und in der Schule, als auch in den Nächten, wenn das Monster kommt. Dabei ist vor allem die Rolle als Familienmitglied, das nur unterstützen aber nichts direkt gegen die Krankheit machen kann, sehr spannend und was es für die Personen bedeutet so machtlos zu sein. Dazu kommt noch Mobbing in der Schule, das schwierige Verwandschaftsgefüge, in dem Conor sich befindet, und all die Erwachsenen, die mit ihm reden wollen.

Ganz herrlich unterstützt wird der Text dabei von Illustrationen durch Jim Kay, die sich auf fast allen Seiten von Sieben Minuten nach Mitternacht tummeln. Vor allem die Gestaltung des Monsters gefällt mir sehr gut, ebenso wie die Entscheidung keinen der Charaktere außer ihm wirklich darzustellen. Das hilft auch wieder in der Übertragung auf einen selbst, da Conor theoretisch genauso gut ein weiblicher Charakter sein könnte.

Wie Patrick Ness zum Schreiben des Buchs gekommen ist, erklärt er in einem kurzen Vorwort: Die Idee zu Sieben Minuten nach Mitternacht stammt ursprünglich von Siobhan Dowd, die selber an Krebs verstorben ist und die Geschichte selbst nicht mehr schreiben konnte. Das Buch hat zwar so einen bedrückenden Einstieg bzw. im Ganzen ein bedrückendes Thema, aber ist keineswegs niederschmetternd dabei. Vor allem eine Aussage, die relativ zu Ende der Geschichte fällt, berührt ungemein und es schwingt sehr viel Hoffnung und Trost im Text mit. Dadurch ist es sowohl für Leser sehr gut geeignet, die bereits ähnliches erlebt haben, oder die noch nie mit dieser Thematik in Berührung gekommen sind. Wirklich ein kleines Kleinod, dass man (vielleicht mit einer Packung Taschentücher dabei) nur jedem ans Herz legen kann.

Das Monster tauchte kurz nach Mitternacht auf. Wie das bei Monstern eben üblich ist. Conor war wach, als es kam. -S. 13

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Der gleichnamige Kinofilm zu Sieben Minuten nach Mitternacht läuft ab Mai in den deutschen Kinos.


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Verlag: Goldmann
ISBN: 9783442485345
Erscheinungsdatum: 16.01.2017
 Rating: 5/5

Vielen Dank an den Goldmann Verlag für das Rezensionsexemplar! 

[Gelesen] Die Krone der Sterne

Als das erste Programm von FISCHER Tor erschienen ist, hatte ich mir direkt Die Krone der Sterne von Kai Meyer angestrichen: Die Beschreibung hat mich einfach sofort angesprochen, nicht zuletzt, da ich die Bibliomantik-Reihe des Autors bereits sehr mag. In diesem neuen Roman nimmt Meyer den Leser mit auf eine Reise zu den Sternen in einer Galaxie, in der Hexen, uralte Technik, Piraten und die Religion der STILLE eine wichtige Rolle spielen.
diekronedersterneDas galaktische Reich Tiamande wird von einem Hexenorden regiert, an dessen Spitze die Gottkaiserin steht. Alle zehn Jahre werden aus den adligen Töchtern des Reiches Bräute für die Gottkaiserin erwählt, die fortan nie wieder gesehen werden. Zu Beginn des Buches wird der fünfundzwanzigjährigen Iniza die zweifelhafte Ehre zuteil, genau hierfür ausgewählt zu werden. Gemeinsam mit Glanis, ihrem Geliebten, und Kranis, einem Kopfgeldjäger mit ganz eigener Motivation flieht sie und wird fortan in ganz Tiamande gejagt, da neben den Hexen auch noch andere Fraktionen ein Interesse an ihr haben.

Sie trage die Sterne in den Augen, hatte einmal jemand gesagt. Iniza spürte den Sog des Universums, seit sie zum ersten Mal hinauf in die Nacht geblickt hatte. Für sie war der Himmel keine Grenze, sondern ein Tor. Sie hatte den Tag kaum erwarten können, an dem es ihr endlich offen stand. – S. 15

Kai Meyer schmeißt den Leser zu Beginn gleich in die Geschichte, was ich gar nicht schlecht fand. Die Erklärung der Galaxie, in der sich das Buch abspielt, wird immer mal wieder unterwegs eingestreut und kommt dadurch nicht als langweiliger Textbrocken gleich zu Beginn. Im Buchumschlag und auf den ersten Seiten des Buches finden sich zudem tolle Illustrationen von Jens Maria Weber sowie eine Karte von Tiamande, wodurch man auch gleich einen optischen Eindruck bekommt. Und auch, wenn man noch nie was im Science Fiction beziehungsweise Science Fantasy Bereich gelesen haben sollte: Dem Leser wird kein großes (technisches) Vorwissen abverlangt.

Iniza sammelt bei ihrer Flucht allerhand spannende Charaktere auf, unter anderem noch die Alleshändlerin Shara Bitterstern und eine sprichwörtliche Muse. Gerade Shara und Kranis lesen sich teilweise in ihren Interaktionen wie ein altes Ehepaar, was großen Spaß macht. Die Gruppe ist im großen ganzen zwar aufeinander angewiesen, aber die Charaktere verfolgen alle ihre eigenen Ziele, wodurch man als Leser auch immer wieder durch manche Entwicklungen überrascht wird. Mir hat diese Konstellation super gefallen, wobei die Seiten wirklich nur so verfliegen. Gott sei Dank hat Meyer schon angekündigt, dass es noch mindestens zwei Bände geben wird und die erste Fortsetzung von Die Krone der Sterne für Frühjahr 2018 geplant ist. Daran knüpft allerdings einer meiner wenigen Kritikpunkte: Es war im ersten Moment nicht ersichtlich, dass es kein Einzelband sein wird. Beim Lesen fällt bei der Entwicklung der Handlung zwar schnell auf, dass es als Einzelband nicht funktionieren kann, aber man sollte schon mit der entsprechenden Erwartungshaltung an das Buch ran. Ich freue mich auf jeden Fall schon auf den zweiten Band und bin gespannt, wie es dann mit den ganzen Personen weitergeht!


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Verlag: FISCHER Tor
ISBN: 9783596035854
Erscheinungsdatum: 26.01.2017
 Rating: 4/5