[Gelesen] 1913: Der Sommer des Jahrhunderts

Nach Berlin 1936 habe ich große Lust auf weitere Bücher in dieser Erzählstruktur, und bin bei meiner Suche nach Lesestoff direkt über den Titel 1913: Der Sommer des Jahrhunderts von Florian Illies gestolpert. Der Untertitel der deutschen Ausgabe ist im ersten Moment etwas irreführend: Es geht nicht nur um die Sommermonate, sondern um das komplette Jahr 1913.1913

Man muss sich schon etwas in der Literatur- und Kunstwelt von Deutschland und Österreich zu dieser Zeit auskennen, um nicht im ersten Moment erschlagen zu werden von der Fülle der Figuren, die Illies in seinem Buch begleitet. Einige tauchen in jedem Monatskapitel auf, von anderen gibt es nur ein, zwei Anekdoten in diesem Jahr. Warum aber gerade 1913?

1913 oder: Ein Jahr am Südhang der Geschichte. – S. 279

Für die englische Ausgabe hat man sich für den Untertitel The Year Before the Storm entschieden, was die Sache schon gut auf den Punkt bringt. In einem Jahr wird der erste Weltkrieg ausbrechen – aber bis auf ein, zwei unterschwellige Töne ist dieses Ereignis noch in weiter Ferne. Stattdessen dreht sich viel um die Kunst und die Beziehungen der Figuren. Bücher werden geschrieben, Musikaufführungen gestört, Bilder über Bilder gemalt… gerade für die Bilder habe ich zwischendurch immer wieder Pausen beim Lesen gemacht, um sie online nachzuschlagen. Den viel Bildmaterial ist leider nicht im Buch selbst enthalten, da jeder Monat nur mit einem Bild eingeleitet wird. Etwas gestört hat mich hier auch, dass immer hinten im Buch nachschlagen muss, um die Bildunterschriften zu finden.

Abgesehen von der besonderen Rolle des Jahres als Jahr vorm ersten Weltkrieg und der unglückseligen 13 in der Jahreszahl, ist es natürlich auch faszinierend zu lesen, wie das Leben vor knapp hundert Jahren aussah. Die Gesellschaft befindet sich im Wandel und einige der Persönlichkeiten führen generell einen etwas alternativen Lebensstil. 1913 geht es primär ums unterhalten, statt trockene Geschichtsanekdoten wiederzukauen. Illies ist ein leicht kumpelhafter Erzähler, der auch mal die ein oder andere Spitze einstreut oder Andeutung für spätere Ereignisse bringt. Die einzelnen Segmente sind immer angenehm kurz, sodass sich das Buch viel zu schnell liest.


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Verlag: S.Fischer
ISBN: 9783100368010
Erscheinungsdatum: 25.10.2012
Rating: 4/5

[Gelesen] Assassin’s Creed, Vol. 1: Trial by Fire

Das Franchise um Assassin’s Creed ist groß: Neben den Hauptspielen wird das Universum in zahlreichen anderen Medien weiter gesponnen. Comics sind jetzt nicht die neueste Entdeckung für Ubisoft – die Hausmarke Ubiworkshop hat bereits zwei großartige Titel veröffentlicht und bei Titan Books läuft auch eine Serie – aber mit Assassin’s Creed Vol. 1: Trial by Fire liegt jetzt der erste Sammelband zu einer der drei neuen Reihen bei Titan Comics vor. Um es schon mal vorwegzunehmen: Wer keine Ahnung vom Assassin’s Creed Universum hat, wird diesen Comic sehr schnell wieder aus der Hand legen.ac-tbf.jpgDie neu eingeführte Protagonisten in Trial by Fire is Charlotte De La Crux. Sie verkörpert gut den Typ junger Amerikaner, der gerade mit dem Studium durch ist, einen Haufen Schulden deswegen hat, in keiner großen Firma einen Fuß in die Tür kriegt, und so in einem Job festhängt, den man gar nicht machen will. In ihrer Freizeit spielt sie mit der Abstergo-Konsole Helix, und nimmt es dadurch fast schon zu gelassen hin, als eines Tages zwei Assassinen in ihrer Wohnung stehen. Es greift wieder das bekannte Prinzip: Ein Vorfahr weiß etwas, deswegen muss man mit dem Animus in die Erinnerungen eintauchen, und dieses Wissen extrahieren. Charlotte’s Vorfahr nimmt sie und uns als Leser mit in das Salem des siebzehnten Jahrhunderts, wo die Templar hinter den Hexenprozessen stehen… Erfreulicherweise spielt in diesem Comic aber auch die moderne Zeitlinie eine wichtige Rolle, sodass die Seiten gut zwischen Jetzt-Zeit und Vergangenheit aufgeteilt sind. Bis auf Galina Voronina sind alle Charaktere neue Gesichter, sodass man nicht allzu viel Vorwissen in dem Bereich braucht.

Was das Vorwissen angeht, weiß der Comic teilweise einfach nicht, was er will. Einerseits werden Dinge halbherzig erklärt, dann wieder werden Sachen vorausgesetzt. Bestes Beispiel: Das Credo wird Charlotte nicht beigebracht. Natürlich kennt man es, wenn man das Universum selbst kennt, aber da Trial by Fire ja eigentlich einen Neueinstieg ermöglichen möchte, sollte es in den ersten paar Kapiteln schon noch mal vorkommen. Durch die Diskrepanz des Wissenstands wirken manche Seiten auch fast schon gestückelt und die Übergänge sind nicht ganz rund. Galina ist auch etwas merkwürdig getroffen – ihr Charakter hat wenig mit dem gemein, was man bisher von ihr in Syndicate und Initiates gesehen hat… Sehr gut gefallen hat mir aber, dass Charlotte in die Rolle eines männlichen Vorfahren schlüpft – bislang gab es so einen Geschlechtertausch noch nicht. Genauso finde ich es schön, dass es hier auch Ansätze in Richtung einer breiter gefächerten Charakterpalette gibt.

Der erste Handlungsbogen ist mit den ersten fünf Ausgaben, die sich in diesem Sammelband befinden, abgeschlossen. Es geht gefühlt an manchen Stellen etwas schnell, aber das ist auch etwas dem Medium geschuldet. Ich bin mir etwas unsicher, ob es nicht vielleicht klüger gewesen wäre, mehr Ausgaben in einen Sammelband zu fassen, um die Geschichte etwas runder zu fassen… aber ich bin für den zweiten Band noch recht optimistisch. Eine nette Ergänzung (vor allem für die Moderne Handlung), die noch Luft nach oben hat – aber definitiv kein Muss.


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Verlag: Titan Comics
ISBN: 9781782763055
Erscheinungsdatum: 07.06.2010
Rating: 3.5/5

[Gelesen] Berlin 1936

Rezensionsexemplar | Egal, ob man sie mag oder nicht, Sportgroßereignisse lässt sich schwer aus dem Weg gehen. Olympiaden und Fußball-Meisterschaften bestimmen in einem festen Turnus immer wieder die Berichterstattung und lassen Zuschauer verschiedenster Nationalitäten mit fiebern. In seinem Buch Berlin 1936 nimmt der Historiker Oliver Hilmes den Leser mit zu solch einem Großereignis: Den Olympischen Spielen in Berlin.berlin-1936.jpg

Warum sollte man sich mit einem Sportereignis beschäftigen, dass achtzig Jahre zurück liegt? Berlin ist 1936 eine Metropole der Gegensätze. Die Nationalsozialisten sind bereits seit drei Jahren an der Macht, Juden und andere Minderheiten werden zunehmend verfolgt und Vorbereitungen für einen Krieg getroffen. Durch die Olympischen Spiele bietet sich dem Regime nun die Möglichkeit einer Selbstinszenierung als friedliches, weltoffenes Deutschland. So schön die Vorstellung von „es geht nur um den Sport“ auch wäre – es steckt jede Menge Kalkül und politische Taktik dahinter.

„Ein Redakteur des Berliner Lokal-Anzeigers beweist vermutlich eher unfreiwillig feinen politischen Humor, als er seinem Artikel über die aktuelle Scala-Saison eine Überschrift voranstellt, die auch auf die gesamten Olympischen Spiele gemünzt sein könnte: „Herrliche Welt des Scheins.““ – S. 132

Hilmes teilt sein Buch in die sechzehn Augusttage der Spiele ein und lässt sie anhand verschiedener Anekdoten und Persönlichkeiten Revue passieren. Das Text ist episodenhaft, einigen Personen wie dem Schriftsteller Thomas Wolfe begegnet man als Leser aber immer wieder. Eine große Stärke des Buchs ist es, dass nicht nur bekannte Persönlichkeiten aufgegriffen werden, sondern auch normale Bürger, die teilweise ganz andere Sorgen und Nöte haben als das Abschneiden der Deutschen im Medaillenkampf. Hier gibt es den Jungen, der dem Stadionbesuch mit seinem Vater entgegenfiebert, genauso, wie den Transvestiten, der in ständiger Angst vor Denunziation und Verfolgung lebt. Natürlich wird auch von einigen Wettkämpfen berichtet, aber Hilmes Hauptaugenmerk liegt tatsächlich eher auf dem Leben in der Stadt.

Ergänzend gibt es neben den einzelnen Episoden den täglichen Wetterbericht, Anweisungen der Reichspressekonferenz, Meldungen der Staatspolizeistelle Berlin, einige Fotografien sowie Auszüge aus Goebbels Tagebuch. Zum Schluss erläutert Hilmes in einem weiteren Kapitel, wie es mit einigen der vorgestellten Personen nach den Spielen weiterging.

Mich hat das Buch direkt von der ersten Seite an gefesselt. Ich wusste im Vorfeld nicht besonders viel über die Spiele, aber Hilmes schafft es gut, einen direkt in den August 1936 mitzunehmen.Durch die verschiedenen Episoden ergibt sich nach und nach ein spannendes Ganzes: Vor allem die Ambivalenz zwischen dem, was die Ausländer und die Deutschen selber wahrnehmen, fasziniert dabei ungemein. Genauso fasziniert haben mich die Beschreibungen des Nachtlebens und der verschiedenen Parties in der Stadt, gerade, da sowas meist nicht in Sach- und Geschichtsbücher Einzug hält. Obwohl schon unheimlich viel Material zum Dritten Reich existiert, wirkt Hilmes Buch frisch und vermittelt noch nicht gehörtes. An ein paar Stellen hätte ich mir vielleicht mehr Bildmaterial gewünscht, aber dieses kleine Manko wäre auch mein einziger Kritikpunkt.

Wer ein Buch sucht, dass die Olympischen Spiele von 1936 im kleinsten Detail Revue passieren lässt, wird mit Berlin 1936 nicht gut bedient – wer sich dagegen mehr für das Drumherum interessiert, und wie durch Propaganda ein schöner Schein aufgebaut wird, ist bei Hilmes Buch genau richtig.

Vielen Dank an den Siedler Verlag für das Rezensionsexemplar! 


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Verlag: Siedler Verlag
ISBN: 9783827500595
Erscheinungsdatum: 02.05.2016
Rating: 5/5