[Gelesen] Der Raum

Rezensionsexemplar | Hohe Mieten, nicht immer auch hohe Löhne – Los Angeles ist wie viele Großstädte nicht leicht zu finanzieren. Umso gelegener kommt es Nate Tucker, als er durch Zufall vom Kavach-Haus erfährt und dort ein Ein-Zimmer-Apartment beziehen kann. Ob er sich damit aber wirklich einen Gefallen getan hat, beleuchtet Peter Clines in seinem Roman Der Raum.

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„Ich hatte Zeit, mich daran zu gewöhnen, Kumpel“, sagte Roger. „Mit kleinen Schritten in den Wahnsinn.“ Xela lächelte ihn an. „Wie poetisch.“ – S. 415
Ein Haus voller Geheimnisse

Nate ist Anfang Dreißig und sitzt in einem schlechtbezahlten Job fest. Irgendwie hat er nie den Sprung vom College auf die Karriereleiter geschafft, und als seine Mitbewohner die gemeinsame WG verlassen, muss eine neue, günstige Bleibe her. Das Kavach-Haus klingt da wie ein Traum: Das Haus aus dem 19. Jahrhundert liegt relativ zentral und bietet sehr erschwinglichen Wohnraum. Die Gelegenheit ergreift Nate beim Schopf, auch wenn sich gleich nach seinem Einzug gewisse Merkwürdigkeiten, sowohl in der Wohnung als im Haus an sich, zeigen. Glühbirnen aller Art strahlen immer nur Schwarzlicht in der Küche aus, Wohnungstüren sind versiegelt oder mit zig Schlössern gesichert… Nates Neugier wird geweckt, und das Abwimmeln des Hausmeisters unterstützt dies nur noch. Gemeinsam mit Nate geht der Leser auf Erkundungstour durch das Haus und lernt nach und nach die anderen Bewohner kennen. Schnell verbindet diese ungleiche Gruppe die gemeinsame Neugier, was sich hinter ihrem Wohnort verbirgt.

Wenn die Handlung Purzelbäume schlägt

Man muss sich darauf einlassen, dass Der Raum immer wieder Wendungen in petto hält. Nach Klappentext und Titel hatte ich erwartet, dass sich die Geschichte hauptsächlich um Nates neue Wohnung dreht, aber es wird schnell deutlich, dass es um das gesamte Haus und einen ganz anderen Raum gehen wird. Das Kavach-Haus ist ein Mysterium, und je mehr die Mieter versuchen, etwas über das Haus und seine Ursprünge zu erfahren, desto mehr verstricken sie sich in dessen Geschichte. Erfreulicherweise nimmt einem der Klappentext wenig von der Handlung vorneweg, sodass die verschiedenen Überraschungen, die Peter Clines für den Leser bereithält, allesamt funktionieren. Der Roman hat allerdings eine Übernatürliche Komponente, auf die man sich im Vorfeld vielleicht einstellen sollte.

Kommst du mit die Welt retten?

Alle Mieter, von der Künstlerin über den Glaubensfanatiker bis hin zum pensioniertem Verleger, wachsen einem über die 592 Seiten ans Herz und die Dialoge sind einfach nur herrlich. Ab und an fließen auch Popkultur Referenzen ein, die sich aber sehr organisch einfügen und nicht herausstechen. Peter Clines unterteilt das Buch in Abschnitte, deren Überschriften immer grob die kommenden Ereignisse beschreiben… was man aber immer erst wirklich am Ende des jeweiligen Abschnitts versteht. Und das sich die Einsätze mit jedem Abschnitt erhöhen und am Ende sogar das Schicksal der Welt in den Händen unserer Mietergemeinschaft liegt, wirkt zu keinem Zeitpunkt übertrieben. Die einzelnen Kapitel haben eine gute Länge und es treten nie Längen per se im Text auf. Normalerweise brauche ich immer eine gewisse Zeit für solche Wälzer, aber Der Raum las sich mit gut fünf Tagen fast viel zu schnell. Einerseits bin ich daher traurig, dass für den Autoren laut Nachwort diese Geschichte zu ende erzählt ist – andererseits hat Clines auch einfach einen super Abschluss gefunden! Generell gibt es nichts, was ich an Der Raum verändern würde… Das Kravach-Haus ist -genauso wie das Gebäude aus House of Leaves– eines der literarischen Bauwerke, zu denen ich gerne später zurückkehren werde. Und da die Geschichte es eigentlich hergibt, hoffe ich, dass sich vielleicht irgendwann ein Filmemacher vielleicht für den Stoff begeistert und dieses großartige Haus in einer Miniserie oder Film zum Leben erweckt wird.

VIELEN DANK AN HEYNE FÜR DAS REZENSIONSEXEMPLAR!

Weitere Eindrücke zu Der Raum gibt es hier:
Lesenswertes aus dem Bücherhaus | Kultplatz | KreachivBuchwelten


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Verlag: Heyne
Übersetzer: Marcel Häußler
ISBN: 9783453316423
Erscheinungsdatum: 10.04.2017
 Rating: 5/5

[Gelesen] Des Teufels Gebetbuch

Auf manche Bücher freut man sich im Vorfeld so sehr, dass dann beim tatsächlichen Lesen schnell eine gewisse Ernüchterung auftritt. Ein Kartenspiel, das tötet, ein Pik auf dem Cover – mehr hat Des Teufels Gebetsbuch neben Markus Heitz als Autor nicht gebraucht, um zuerst auf meine Wunschliste und kurz darauf in mein Regal zu wandern. Nach knapp zwei Monaten habe ich es nun ausgelesen – und irgendwie konnte es mich nie wirklich in seinen Bann ziehen.

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Die verflixten Karten

Tadeus Boch ist ein ehemaliger Spielsüchtiger, welcher nun versucht seine über die Jahre angehäuften Schulden peu à peu abzustottern. Durch eine Verkettung von allerlei Umständen landet er als Begleitperson bei einer privaten Spielrunde, welche das Kartenspiel Supérieur nach besonderen Regeln spielt: Sobald ein Spieler das Pikass zieht, muss er sich entweder selber richten oder töten lassen, sein Einsatz geht dann in den Pott für die restlichen Spieler. Unter den Einsätzen befindet sich ein außergewöhnliches Exemplar einer historischen Spielkarte, deren Deck bei Sammlern heiß begehrt ist – und auch Boch in ihren Bann zieht. Gemeinsam mit Hyun, die Boch bei dieser Spielrunde kennenlernt, geht es den Großteil des Buches auf eine Schatzsuche nach weiteren Karten aus dem Deck und der Magie dahinter.

Von A nach F über K zu Z

Neben dem Handlungsstrang von Boch und Hyun springt die Geschichte zum einen in der Welt und auch in der Zeit hin und her. Die Entstehung der Karten im Leipzig des 18. Jahrhundert wird durch Heitz dabei genauso beschrieben wie die Spurensuche in der Gegenwart – den natürlich jagen nicht nur die Hauptfiguren sondern auch einige zwielichtige Gestalten den Karten hinterher. Mich hat das tatsächlich etwas gestört, denn immer wenn es spannend wurde, wechselte der Schauplatz und Charakter. Da dabei zum Beispiel die Gegenspieler nicht wirklich an Tiefe dazugewinnen, wirkte es etwas erzwungen und es gibt viele kleine Kapitel, die die Handlung nicht wirklich voranbringen.

Mythen und Legenden

Ein Aspekt, den Heitz auch in einem recht ausführlichen Anhang ergänzt, ist die Geschichte hinter dem Kartenspiel und der titelgebenden Begrifflichkeit. Darüber mehr zu erfahren, hat mir sehr gefallen, und die Geschichte hätte sicherlich auch gut ohne Einbindung einer übernatürlichen Komponente funktionieren können. Diese hatte ich im Vorfeld nicht in diesem Buch erwartet und mochte sie leider auch nicht sonderlich. Heitz verliert sich hierfür zu sehr in der Faust-Thematik und nennt im Verlauf zu viele unterschiedliche Religionen ohne näher auf diese einzugehen. Eine schöne Ergänzung allerdings sind die Zitate, die den einzelnen Kapiteln vorstehen, und welche immer einen Bezug zu Karten und dem Glückspiel haben.

Ich mag es mit etwas Abstand noch einmal mit diesem Buch probieren, weil in der Theorie einfach zu viele Aspekte vertreten sind, die mir sehr zusagen. Und wer weiß, vielleicht habe ich einfach den falschen Zeitpunkt zum Lesen von Des Teufels Gebetbuch erwischt?


Andere Stimmen zum Buch findet ihr bei
Captain Fantastic | Buchblögchen | Bella’s Wonderworld | reisswolfblog 


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Verlag: Knaur
ISBN: 9783426654194
Erscheinungsdatum: 01.03.2017
Bewertung: 3/5

[Gelesen] Geständnisse

Rezensionsexemplar | Der letzte Schultag vor den Sommerferien ist gleichzeitig auch der letzte Arbeitstag der Lehrerin Moriguchi. Wenige Wochen zuvor ist ihre vierjährige Tochter in der Schule, in der ihre Mutter unterrichtet, ums Leben gekommen. Der Vorfall wurde als tragischer Unfall eingestuft, aber Moriguchis Klasse wird bald eines besseren belehrt: In einem unglaublichen Monolog eröffnet die Lehrerin ihnen in der letzten Stunde, dass ihre Tochter ermordet wurde. Die Täter, die sie nur als Schüler A und Schüler B bezeichnet, sitzen mitten unter den Kindern. Mit einer Racheaktion, die es in sich hat, fängt damit eine verherende Kettenreaktion an.

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„Gestörte Liebe, gestörte Disziplin, gestörte Erziehung, gestörte menschliche Beziehungen.“ – S. 108

Geständnisse von Kanae Minato ist ein Buch, in das man sich zuerst etwas einfinden muss. Dialoge finden sich nur wenige in den 272 Seiten, und allein das erste Kapitel liest sich fast wie eine gut 70 Seiten lange Kurzgeschichte. Dadurch gelingt es Minato, die Gedanken- und Gefühlswelt ihrer Charakter dem Leser unheimlich nah zu bringen – und in Anbetracht der Ereignisse ist das eine echte Meisterleistung!

Kinder können grausam sein

Haben die Schüler wirklich etwas mit dem Tod der kleinen Manami zu tun? Wie ist das Mädchen in das Schwimmbecken gefallen? Und was löst die Mutter mit ihrer Eröffnung vor der Klasse aus? Das ist nur ein kleiner Bruchteil der Fragen, die in Geständnisse aufkommen. Jedes Kapitel wird von einem anderen Charakter erzählt, mal als Vortrag, dann als Brief oder Tagebucheintrag. Nach und nach setzt sich so für den Leser ein Gesamtbild dessen zusammen, was Manamis Tod herbeigeführt hat, sowohl im davor als auch danach. Die Charaktere hingegen sehen diese Zusammenhänge nicht, was einige Konsequenzen mit sich bringt. Denn wie geht man allein mit vermeintlichen Mördern in der eigenen Klasse um? Die betroffenen Kinder sind in der Mittelstufe und noch strafunmündig, können also nicht durch offizielle Kanäle bestraft werden. Kurzerhand übernimmt die Klasse die Bestrafung und zeigt einiges an perfider Kreativität dabei.

Mütter aller Couleur

Die einzelnen Kapitel von Geständnisse bauen aufeinander auf und mit jeder Seite zeigen sich neue Facetten. Handlungen, die vorher unbegreiflich schienen, erhalten dadurch Tiefe und man kann nachvollziehen, wie die Charaktere zu bestimmten Schlüssen und Reaktionen kommen. Ein spannendes Thema, welches sich ebenfalls durch das Buch zieht, ist die Person der Mutter. Drei verschiedene Mütter mit unterschiedlichen Ansätzen tauchen im Laufe der Geschichte auf, und keine ist die ‚perfekte‘ Verkörperung dieser Rolle. Aber gibt es sowas überhaupt? Und inwiefern ist eine Mutter Schuld an den Handlungen ihres Kindes?

Der Flügelschlag eines Schmetterlings

Verschiedene Ereignisse führen zu der Tat von Moriguchi, ebenso löst sie weitere Grausamkeiten aus. Das dichte Netz, das Minato spinnt, zieht sich mit jeder Seite enger und macht Geständnisse zu einem vielschichtigen, komplexen Roman. Als Leser kann man auf die nächste Wendung warten, genauso aber viele moralische und ethische Fragen an sich selbst stellen. Die Sprache ist zwar relativ einfach gehalten, aber die Geschichte ist keineswegs nur etwas für Schüler in der Mittelstufe! Milch werde ich sicherlich für längere Zeit nicht mehr mit den selben Augen sehen…

Zu dem Buch existiert bereits eine Verfilmung, den Trailer könnt ihr h i e r sehen. 

Vielen Dank an C. Bertelsmannfür das Rezensionsexemplar!

Weitere Eindrücke zu Geständnisse gibt es hier:
Claudias Wortwelten | Sinas Lesewelt | Eulenmatz Liest | Sternenbrise | Tentakelbuch


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Verlag: C. bertelsmann
Übersetzerin: Sabine Lohmann
ISBN: 9783570102909
Erscheinungsdatum: 27.03.2017
 Rating: 4/5