Die liebe Karo hat The Girl with all the Gifts über das Traveling Book Project Germanyauf Reisen geschickt, und ich durfte mitlesen – auch an dieser Stelle noch mal an ganz großes DANKE dafür!
Mike Carey kannte ich im Vorfeld bereits durch The Unwritten, und war sehr auf das Buch gespannt, da der Klappentext doch sehr zurückhaltend verfasst ist. Tatsächlich ist es wirklich gut, so wenig wie möglich über die Handlung im Vorfeld zu wissen!
Der Hauptcharakter ist die zehnjährige Melanie. Jeden Morgen wartet sie darauf, dass man sie aus ihrer Zelle zum Unterricht abholt. Es gibt bestimmte Regeln, die es zu beachten gilt, und sie weiß erst beim Betreten des Klassenzimmers, welcher Lehrer heute mit unterrichten dran ist. Melanie liebt den Unterricht und ganz besonders die Stunden mit Miss Justineau.
“She’s lived in Plato’s cave, staring at the shadows on the wall. Now she’s been turned around to face the fire.”
The Girl with all the Gifts spielt in der Postapokalypse, und die meiste Zeit erlebt der Leser die Geschichte aus Melanies Sicht. Später kommen noch eine Handvoll anderer Charaktere zu Wort, und Carey schafft es, allen genug Platz zu geben, dass man auch die einzelnen Charakterentwicklungen gut nachvollziehen kann. Bildung ist ein sehr zentrales Thema, genauso wie die Frage der Menschlichkeit.
Melanie mag sehr gerne griechische Mythen, und ich fand die Art, wie Carey dies in die Geschichte integriert, sehr gut gelungen. Die Handlung nimmt mehrfach unerwartete Wendungen, und das Ende hat mich total begeistert.
2016 soll eine Verfilmung von The Girl with all the Gifts erscheinen, zu der Carey auch das Drehbuch beigesteuert hat. Die Besetzung regt allerdings sehr zu Diskussionen an… ich bin sehr auf den ersten Trailer zu diesem Projekt gespannt!
Agatha Christie ist eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen aller Zeiten, die vor allem durch ihre zahlreichen Kriminalromane (insgesamt schrieb sie 66!) bekannt ist. Der erfolgreichste dieser Krimis ist And Then There None (dt.: Und dann gabs keines mehr).
Der Roman spielt 1939, was man ihm aber kaum anmerkt. Acht Personen werden auf eine Insel, die so genannte Indian Island, vor der Küste Devons eingeladen. Die geladenen Personen haben auf den ersten Blick nichts gemeinsam, daneben befinden sich noch Thomas und Ethel Rogers als Personal auf der Insel, die die Abwesenheit der Gastgeber Mr. und Mrs. U. N. Owen entschuldigen. In allen Zimmern der Gäste findet sich eine eingerahmte Kopie des Zählreims Ten Little Soldier Boys, und zehn Figuren, die an diesen erinnern, stehen auf dem Esstisch.
Während des Abendessens ertönt eine Stimme, die jede einzelne Person eines Mordes bezichtigt – schnell ist klar, dass alle Anwesenden gezielt auf die Insel gelockt worden, eine Flucht ist erst am nächsten Morgen möglich, wenn das nächste Mal ein Boot vom Festland mit Vorräten eintrifft. Nach und nach werden die zehn Personen ermordet, wobei der Zählreim Hinweise auf den jeweiligen Mord gibt und jedes Mal eine der Figuren vom Esstisch verschwindet…
Ich hatte vorher noch nichts von Agatha Christie gelesen, und da bot die neue Inszenierung der BBC von And Then There None einen guten Anreiz, dies zu korrigieren. Die Geschichte ist unheimlich spannend, und es macht großen Spaß mit den Figuren mitzurätseln, wer der Mörder ist. Das hat auch sehr über den Schreibstil von Christie hinweggetröstet, der leider absolut nicht meins war – sehr reduziert und viele knappe Sätze hintereinander. Alle Figuren in dem Buch haben ihre guten und schlechten Seiten, und es ist sehr faszinierend, wie sie mit den Anschuldigungen und ihren Taten umgehen. Die Auflösung der Ereignisse am Ende ist sehr gut konzipiert und kaum im Vorfeld zu durchschauen. Im Vergleich zu den ganzen Ermittlerduos in aktuellen Krimis ein sehr erfrischender Roman, der dank der zahlreichen genutzten Methoden auch ein breites Spektrum ein möglichen Morden abdeckt (Vergiftung, Erschießen, Strangulation um nur ein paar aufzuzählen). Neben der langsamen Dezimierung der Charaktere spielt Schuld eine große Rolle: sind die zehn Personen schuldig, und wenn ja, in welcher Hinsicht? Wer hat das Recht über diese zu richten? Wie nimmt der Schuldige selbst die Schuld wahr und geht mit ihr um?
Die BBC Inszenierung von And Then There Were None wurde als Miniserie in drei Teilen à 60 Minuten über die Feiertage ausgestrahlt, und erscheint am 11. Januar 2016 auf DVD. Es gibt ein paar Änderungen, um Teile der Geschichte, die im Buch in den Gedanken der Charaktere erläutert werden, in Bilder fassen zu können – im Großen und Ganzen bleibt die Verfilmung aber nahe an der Vorlage.
„Perhaps we’re dead already and we just don’t realise it. And this is hell. We’re in hell. And we’re being punished for what we done.“ ― Detective Sergeant William Blore, Episode 3
Ich fand es etwas schade, dass der Zählreim nie im ganzen einmal vorgelesen wird… falls man das Buch nicht kennt, ist es so etwas schwierig an einigen Stellen die Hinweise aus dem Reim mit den Ereignissen zu verknüpfen. Dank ihrer Länge kann sich die Inszenierung ausreichend Zeit nehmen, die einzelnen Personen und ihre Hintergründe vorzustellen, sodass man nie den Überblick verliert und sich teilweise seine eigene Meinung bilden kann. Auch in der Inszenierung ist der Mörder im Vorfeld nicht zu erahnen, und mir hat die Auflösung gefallen, auch wenn sie den größten Unterschied zur Vorlage darstellt. Mit unter anderem Sam Neill, Aidan Turner und Charles Dance in den Hauptrollen ist And Then There Were None sehr gut besetzt und trotz 180 Minuten Lauflänge ein kurzweiliges Vergnügen!
Only Revolutions ist die Geschichte von Sam und Hailey. Ihre Geschichte wird aus beiden Blickwinkeln erzählt, alle acht Seiten kann man das Buch umdrehen um das gerade gelesene im doppelten Sinn auf den Kopf zu stellen.
The challenge of Only Revolutions is to learn how to unread… the way you read when at last you open the book and start to read. And what I mean by that is people in the beginning confronted and say that it is impossible. And for a long time it was the focus was on how many pages were in it, how many words per page, how many lines, all the historical elements and recently , this is six years later, I have teenagers coming up to me who have read it easily. And the way they read it is to forget about how they are supposed to read it and follow the music of that piece. Because it really is about music. It is about hearing what’s said, not necessarily seeing what’s said. And I remember this couple that came up to me and they were sixteen, seventeen years old, and the girl immediately burst into tears because they had read that book together and the meaning of the book was found in the end, was found in that experience of what it’s like to be young, to be in love and to follow a dream of love.
– Mark Z. Danielewski on Only Revolutions
Only Revolutions ist unheimlich strukturiert aufgebaut: 360 Seiten, je Seite 360 Wörter, aufgeteilt in 36 Zeilen. Die Anfangsbuchstaben auf jeder achten Seiten ergeben entweder H. A. I. L. E. Y. U. N. D. S. A. M. oder S. A. M. U. N. D. H. A. I. L. E. Y., je nachdem aus welcher Perspektive man gerade liest… neben dem eigentlichen Text gibt es noch eine Zeitleiste, wo Geschehnisse der amerikanischen sowie der Weltgeschichte aufgelistet werden.
Ich finde das Konzept hinter diesem Buch super und war sehr gespannt darauf. Die englische Ausgabe hatte ich schon mal angefangen, konnte mich aber zu dem Zeitpunkt nicht darauf konzentrieren und war nur bis Seite 16 gekommen… Für die deutsche Ausgabe habe ich jetzt gut zwei Monate gebraucht, und war wieder einige Male versucht, es einfach wieder ins Regal zu stellen.
Sam und Hailey werden als dieses große Liebespaar hingestellt, aber diese Liebe konnte ich nicht herauslesen (außer Liebe=Sex in allen Variationen). Jedesmal, wenn man nach acht Seiten die andere Perspektive liest, geht es weniger darum, wie die andere Person etwas wahrgenommen hat, sondern wie dieselbe Situation einfach komplett anders abläuft. Wenn z. B. in Sam’s Teil davon die Rede ist, dass er den Wagen fährt oder Hailey mit irgendwelchen dubiosen Kerlen redet, so fährt in Hailey’s Teil sie den Wagen und spricht mit einer Gruppe von Mädels. Klingt verwirrend, ist es beim Lesen auch. Das Buch soll an einen Road Trip erinnern, und tatsächlich bleiben Sam und Hailey nie lange an einem Ort. Die Autos wechseln, die Jahre ebenso, aber sie bleiben immer sechzehn.
Man kann das Buch nach Metaphern und Symbolen auseinanderlegen, Wörter analysen, zählen, Formatierungen diskutieren… die Kommentierung von How We Thinkbildet da einen guten Einstieg. Bei anderen Titeln von MZD mag ich diese komplexe Auseinandersetzung mit dem Text total gerne, nur bei Only Revolutions kann ich mich nicht recht dafür begeistern: ich kann mit der Geschichte selbst einfach nichts anfangen.
Zu Only Revolutions gibt es auch ein Hörbuch (Spotify hat einen großen Teil davon frei zugänglich) sowie seit diesem Monat ein interaktives eBook mit Anmerkungen. Irgendwann möchte ich noch mal in die eBook Fassung hineinlesen, im Moment brauche ich erst mal eine kleine Verschnaufpause bevor es mit TFv2 weitergeht.