[Gelesen] Anna Dressed in Blood | Girl of Nightmares

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Manche Familien vererben Schmuckstücke oder Zweitnamen – im Fall von Cas Lowood gibt es ein Messer und eine Berufung: Geisterjäger. Seit sein Vater bei einem Job getötet wurde, reist der siebzehnjährige Cas mit seiner Mutter kreuz und quer durch das Land und treibt Geister aus. Die Anna-Reihe von Kendare Blake besteht aus den beiden Büchern Anna Dressed in Bloodund Girl of Nightmares und dreht sich um einen ganz besonderen Geist: Anna Korlov.

“She’s no ordinary ghost, that seems certain,” he says.
“I know. Something’s made her stronger.” (Anna Dressed in Blood)

 

Anna tötet jeden, der ihr Haus betritt, und hat sprichwörtlich einige Leichen im Keller. Was eigentlich ein Routinefall für Cas sein müsste, entpuppt sich als recht kompliziert und er muss für längere Zeit in Thunder Bay bleiben. Zum ersten Mal findet er tatsächlich Freunde, die auch Teil des okkulten Aspekts seines Lebens werden, daneben spielen Themen wie erste Liebe, Verlust und Rache eine Rolle.


Ein Messer ist ein Messer ist ein Messer

 

Im Kern beider Bücher geht es um zwei Dinge: Anna (daher auch der Reihenname) und das Athame, dass Cas von seinem Vater bekommen hat. Blake nutzt das Athame als Symbol für Cas‘ Berufung und belegt es mit allerlei Problemen, die es zu lösen gilt, denn ohne Messer können die Geister nicht zur Strecke gebracht werden.

Wer Serien wie Supernatural oder Grimm kennt, wird einige Elemente und Regeln aus diesen in der Reihe wiedererkennen. Gerade am Anfang erinnert Cas schon stark an einen jüngere Version von Dean Winchester. Zwar bedient sich Blake einer ganzen Menge an Tropes (siehe tvtropes), durch den lockeren und teilweise selbstbewussten Schreibstil stört man sich aber nicht hieran. Irgendwie trifft sie einfach genau den richtigen Mix, auch was den Humor anbelangt.

“Damsels? You get sliced open, burned, and dashed against rocks about a thousand times or so. Then we’ll see who the damsel is.” (Girl of Nightmares)

 

Auf dem Buchrücken gibt es eine kleine Warnung, dass die Reihe nicht für jüngere Leser geeignet ist. Beide Bücher könnten zwar gruseliger sein, aber ich finde diesen Hinweis trotzdem gut! Sowas sieht man leider viel zu selten.

 

Die Geschichte der Anna-Reihe ist in sich geschlossen, der erste Band kann aber auch gut als Einzelband gelesen werden. Kendare Blake schließt allerdings nicht aus, dass sie über Cas nicht noch einmal schreiben wird. Wer eine humorige, kurzweilige Geister(jäger)geschichte sucht, wird mit diesen Büchern auf alle Fälle seinen Spaß haben!

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Verlag: Orchard Books
ISBN: 9781408320723 (Anna Dressed in Blood)
9781408326121 (Girl of Nightmares)
Erscheinungsdatum: 2011/2012
Rating: 5/5

[Gelesen] Halloween

s-hMache Bücher beeindrucken – und bleiben. 2004 erschien Halloween (engl. The Night Country) von Stewart O’Nan in Deutschland, im selben Jahr produzierten WDR und SWR ein darauf basierendes Hörspiel. Ich hatte das Hörspiel damals durch Zufall gehört und bin später in der Bücherei über den Roman gestolpert… und es war direkt Liebe nach dem Lesen der ersten Seiten.

Also komm, Freund, Fremder, Geliebter, Nachbar. Komm aus deinem behaglichen Zimmer mit dem Großbildfernseher, komm aus deinem warmen Haus in die kühle Nacht hinaus. Riech die nassen, zermatschten Blätter in der Einfahrt, die moderige Mischung aus Staub und Koriander in der Luft. Es ist die beste Zeit des Jahres, die einzige Jahreszeit, in der du etwas von uns und unserer malerischen Vergangenheit wissen willst – von Hexenjagden und dem Rauch von Holzfeuern, den urigen Namen der Toten auf moosbedeckten Friedhöfen.

Stewart O’Nan hat einen ganz eigenen Schreibstil, welcher häufig auf lange Schachtelsätze baut. Gerade in der Einleitung zu Halloween vermittelt er auch herrlich das Gefühl, dass man als Leser selbst angesprochen, ja regelrecht in die Geschichte hineingezogen wird. Es gibt keine Kapitel im klassischen Sinne, sondern eher Überschriften für bestimmte Abschnitte des Romans – da man aber nur so durch den Text fliegt, stört das kaum.

Die Lebenden und die Toten

Halloween behandelt ein leider recht alltägliches Thema: Vor einem Jahr sind in einer amerikanischen Kleinstadt Avon fünf Jugendliche mit dem Auto verunglückt. Drei der Jugendlichen – Marco, Danielle, Toe – sind bei dem Unfall gestorben, Kyle und Tim haben überlebt. Der Unfall hat verschiedenste Folgen für die Überlebenden, die Familien und den Polizisten, der den Fall betreut hat. Zum ersten Jahrestag kommen die Geister der drei Verunglückten zurück in die Stadt, besuchen ihre Freunde und Familien und erzählen dem Leser die Geschehnisse. Es werden immer wieder Anspielungen gemacht, irgendetwas liegt in der Luft, aber die Geister können keinen großen Einfluss auf die Geschehnisse nehmen.

Hab ich dir’s nicht gesagt? Es gibt einen Grund, warum wir dich besuchen, warum diese Nacht immer wieder abläuft, ein Alptraum in einem Traum. Du hältst es für eine Qual, aber du weißt, dass es Gerechtigkeit ist. Du kennst den Grund. Du bist der Glückliche, weißt du noch? Du hast überlebt.

O’Nan führt uns viele Beispiele aus der Kleinstadt vor und wie sie mit dem Jahrestag umgehen, sei es der ehemalige Chef von Danielle’s Minijob oder der Schuldirektor, der sich nicht mal mehr an die Namen der Verunglückten erinnern kann… die meiste Zeit verbringt man als Leser aber mit Kyle, Tim und Brooks. Kyle hat zwar überlebt, aber ist geistig behindert und ein Pflegefall. Tim hat äußerlich keine Schäden davon getragen, ist dafür aber innerlich kaputt und am zerbrechen. Das Leben von Brooks steht seit dem Unfall Kopf und er geht diesen immer wieder und wieder durch.

Es wird ein sehr realistisches Bild der Wirklichkeit in Halloween gezeichnet, und wie die unterschiedlichen Personen bzw. die Kleinstadt als ganzes mit dem Unfall umgeht. Sicherlich keine klassische Horrorgeschichte, die man vielleicht hinter dem Titel vermuten mag, sondern eine ruhige, bedrückende Geschichte, in der erst nach und nach die Geschehnisse vom Vorjahr und ihre Folgen enthüllt werden.


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Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag
ISBN: 3499240025
Erscheinungsdatum: Oktober 2005
Rating: 5/5

[Gelesen] The Dead House

The Dead House war eine spontane Vorbestellung – mir gefiel das Cover und der Untertitel (Carly gets the day. Kaitlyn has the night.) so gut, dass es bei dem günstigen Preis quasi von alleine in den Warenkorb wanderte. Aufgrund des Gruselaspekts hatte ich es auf den Leseplan für Oktober gesetzt, und wurde nicht enttäuscht!

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Worum geht es?

Das Buch stellt im Prinzip eine Art zusammenfassenden Bericht über den Johnson Vorfall dar, der sich vor 25 Jahren im Elmbridge Internat ereignete. Der Bericht präsentiert die gesammelten Daten so geordnet, dass es für die Hinführung zum Vorfall den meisten Sinn ergibt; die Kapitel werden mit dem Hinweis  „X Tage bis zum Vorfall“ überschrieben. Wir erfahren die Geschehnisse rund um Carly und Kaitlyn Johnson durch Zeitungsartikel, Polizeiberichte, psychologische Akten, Gesprächsprotokolle, Tagebucheinträge… dabei geht die Handlung davon aus, dass das Tagebuch erst vor kurzem entdeckt wurde und somit endlich die Verbindungen zwischen all den anderen Fragmenten gefunden werden. Was es mit dem Johnson Vorfall auf sich hat ist zwar das Grundgerüst der Geschichte, nicht aber unbedingt das Hauptmysterium.

Zwei Personen – ein Körper


Carly and I pretend to be recovering from a sickness we don’t have. But when no one will believe you, you become the liar they think you are.

The Dead House ist das dritte Buch in kurzer Zeit, welches ich mit dem Thema der DID (=Dissociative identity disorder) lese. Im Deutschen nennt sich das dissoziative Identitätsstörung bzw. multiple Persönlichkeitsstörung. Grob und absolut nicht fachlich erklärt: der Betroffene erlebt ein Trauma und bildet daraufhin weitere Persönlichkeiten (hier Alter genannt), die das Trauma von der eigentlichen Person forthalten und so ein „normales“ Weiterleben ermöglichen. Carly Johnson leidet unter einer DID: sie teilt sich mit Kaitlyn einen Körper. Carly ist dabei die Persönlichkeit während des Tages, in der Nacht wechselt sie zu Kaitlyn. Es ist Kaitlyn’s Tagebuch, dass den größten Teil des Berichts ausmacht, was an für sich schon total interessant ist – Kaitlyn begreift sich natürlich nicht als ein „Krankheitssympton“, und die Mädchen behaupten, dass sie schon vor dem tödlichen Unfall der Eltern existierte. Dieser Unfall, ihre DID und andere Probleme (eine Anorexie wird ganz kurz angerissen) sind der Grund, warum Carly/Kaitlyn in einer psychologischen Einrichtung betreut wird.

Der Johnson Vorfall

Der Leser wird über den eigentlichen Vorfall im Dunkeln gelassen bis der Bericht zeitlich diesen erreicht, was mir sehr gut gefallen hat. Kurtagich bietet mehrere Möglichkeiten zur Interpretation an, sodass das Buch in verschiedene Richtungen gehen kann… und für alle gibt es ausreichend Argumente bzw. kaum Logiklöcher, die dagegen sprechen, wodurch man als Leser das Ende für einen selbst entscheiden kann.

 

I’ve learned that memories are like water. Not solid, like some people think. Once something happens, it isn’t set in stone. It can change.
You can make yourself believe anything if you lie to yourself long enough.

Ich mochte die Erzählweise über die unterschiedlichen Medien sehr. Kurtagich erfindet nichts neues aber die Art, wie alt bekanntes eingesetzt wird, ist erfrischend und effektiv. Tatsächlich habe ich keine großen Kritikpunkte bei The Dead House – ich hätte mir am Ende nur etwas mehr gewünscht. Mehr im Sinne von: nicht einfach den Bericht zu ende bringen sondern vielleicht noch etwas detaillierter beschreiben, was in Folge des Vorfalls mit den unterschiedlichen Personen geschehen ist.

Wer Lust auf leichte Horrorjugendliteratur hat, ist mit The Dead House auf jeden Fall gut bedient! Dank des Endes bietet sich dieses Buch auch ausgesprochen gut zum wiederholten Lesen an.


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Verlag: Orion Children’s Books
ISBN:  9781780622347
Erscheinungsdatum: 06.08.2015
Rating: 4/5