[Gelesen] The Song of Achilles

Dem griechischen Dichter Homer werden zwei wichtige Epen zugeschrieben: die Illias und die Odyssee. Die Illias gibt einen Abschnitt des Trojanischen Krieges wieder, die Odyssee behandelt die Abenteuer von Odysseus und seinen Gefährten während der Heimkehr aus diesem Krieg. The Song of Achilles von Madeline Miller greift die Geschichte der Illias auf, und fokussiert dabei die Entwicklung von Achilles vom jungen Knaben hin zum Mythos.soa.jpg

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Patroclus. Dieser kommt als Junge an den Hof von König Peleus in Phthia, wo er sich mit dessem Sohn Achilles anfreundet. Achilles ist anders: er ist durch seine Mutter Thetis, eine Meeresnymphe, ein Halbgott und dazu bestimmt, der beste Krieger seiner Generation zu werden. Dazu wird er unter anderem zu Chiron in die Lehre geschickt, der schon andere Helden wie Herkules etwa ausgebildet hat. Jäh unterbrochen wird die Ausbildung, die er gemeinsam mit seinem besten Freund bestreitet, als Helena durch Paris aus Sparta entführt wird – Griechenland rüstet sich zum Krieg mit Troja, und Achilles soll seine Bestimmung erfüllen.

„The sons of Troy are known for their skill in battle, and their deaths will lift your name to the stars. If you miss it, you will miss your chance at immortality. You will stay behind, unknown. You will grow old, and older in obscurity.“

Auf The Song of Achilles muss man sich einlassen. Miller erklärt nur das allernötigste, und zeichnet ein Griechenland, in der die Mythologie lebendig ist. Ich fand es spannend, wie sie sich der Heldengestalt Achilles dabei nähert – auch wenn ein bisschen Vorwissen hier Segen und Fluch zugleich ist. Achilles hat etwas von einem Feingeist, dessen Sinn mehr nach glücklich sein und dem Spielen der Lyre steht, als ein Krieger. Er möchte nicht tragisch enden, gleichzeitig aber den Wünschen seiner Mutter, die ihn zu einem vollwertigen Gott machen möchte, gerecht werden – und gerät dadurch in einen Konflikt.

Patroclus ist zuerst als Freund, dann Geliebter, immer an seiner Seite. Eher unscheinbar wird er gerne übersehen und unterschätzt, ist aber für Achilles eine unabdingbare Stütze und erdet ihn immer wieder.Seine Erzählstimme ist vielleicht an manchen Stellen sehr simpel und leicht naiv, aber das gleicht sich mit anderen, tiefsinnigen Passagen immer wieder aus. Die Art, wie sich die Verbundenheit mit Achilles weit über den Tod hinaus entwickelt, wird von Miller behutsam und glaubhaft geschrieben und gleitet nie in Kitsch ab.

Mir hat diese Interpretation des klassischen Stoffes viel Freude gemacht, und auch wieder die Lust geweckt, mich etwas mit Mythologie zu beschäftigen. Miller hat neben The Song of Achilles auch eine Kurzgeschichte zu Galatea verfasst, und ich hoffe, dass sie noch weitere Geschichten der griechischen Mythologie aufbereiten wird… am liebsten natürlich die Odyssee, da ich ihren Odysseus wundervoll zwielichtig und verschlagen finde!

Vielen Dank an Steffi, die das Buch über das TBPG zur Verfügung gestellt hat.


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Verlag: Bloomsbury Publishing PLC
ISBN: 9781408821985
Erscheinungsdatum: 12.04.2012
Rating: 5/5

 

[Gelesen] Slaughterhouse-Five

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All moments, past, present and future, always have existed, always will exist.

Ein Potpouri aus unterschiedlichen Dingen, von schwarzem Humor über Sci-Fi-Elemente hin zu Beschreibungen des Krieges und Metafiktionalität: Slaughterhouse-Five, or, The Children’s Crusade: A Duty-Dance with Death ist ein Roman, der sich schwer in Worte fassen lässt.

Billy Pilgrim ist ein junger amerikanischer Soldat, der sich in deutscher Kriegsgefangenschaft befindet. Über mehrere Stationen wird er nach Dresden gebracht, und erlebt hier den Luftangriff auf die Stadt im Februar 1945. Gleichzeitig ‚fällt‘ er durch die Zeit, und besucht unterschiedliche Momente seines Lebens – sowohl bereits geschehene als auch zukünftige Momente – wobei er immer wieder in die Zeit der Gefangenschaft zurückkehrt. Die Momente können trivial sein (sein Vater bringt ihm schwimmen bei) oder auch surreal (Außerirdische vom Planeten Tralfamadore entführen und stellen ihn im Zoo aus), und fügen sich nach und nach zu einem Gesamtbild.

Kurt Vonnegut hat in Slaughterhouse-Five seine eigenen Erlebnisse als Kriegsgefangener eingearbeitet. Bevor man als Leser Billy Pilgrim begegnet, beschreibt Vonnegut den Schreibprozess und wie er nach dem Krieg nach Dresden zurückkehrt, später erscheint er selbst sehr kurz in der eigentlichen Geschichte.

Everybody is supposed to be dead, to never say anything or want anything ever again. Everything is supposed to be very quiet after a massacre, and it always is, except for the birds. And what do the birds say? All there is to say about a massacre, things like “Poo-tee-weet?”

Billy ist kein typischer Held. Den Krieg überlebt er mehr durch Zufall als Können oder Geschick, und die Geschehnisse lassen ihn auch Jahrzehnte später nicht los. Das fast unberührte Dresden verwandelt sich im Rahmen der Luftangriffe in eine Mondlandschaft, die später nach Leichen durchsucht wird – die Geschehnisse in Dresden selbst beschreibt Vonnegut nicht im kleinsten Detail (generell ist der Teil der Geschichte im Krieg kürzer als erwartet), aber was er beschreibt, reicht, um den Schrecken dahinter zu vermitteln.

Der Roman greift auf unterschiedliche Techniken zurück. Neben Elementen der Metafiktionalität durch Vonneguts Charakter, der das Buch und seinen Entstehungsprozess als solches beschreibt, wäre da das Vorgreifen der Geschehnisse – Vonnegut sagt dem Leser zum Beispiel, wie die Geschichte von Billy beginnt und endet, das Schicksal einiger Nebencharakter wird gleich nach ihrem Auftauchen genannt, durch die zukünftigen Momente wird das Danach Billys vorweggegriffen etc. Die Wendung „so it goes“ folgt immer der Beschreibung von Tod, und dient damit sowohl als immer wiederkehrender Textübergang als auch fast einer Gleichsetzung aller beschriebenen Todesfälle. Daneben gibt es eine Reihe Beschreibungen, die sich in unterschiedlichen Momenten spiegeln und erneut aufgegriffen werden.

Am meisten irritiert hat mich neben den Sci-Fi-Elementen an Slaughterhouse-Five, wie gern ich das Buch gelesen habe. Das Grundthema des Krieges bleibt schrecklich, auch wenn einige Angaben seit der Veröffentlichung korrigiert werden können (die Opferzahlen in Dresden sind unter anderem von 150.000 auf 20-25.000 abzusenken). Durch das Hin- und Herspringen in der Zeit ist man die ganze Zeit über gespannt, wie Billy zu den einzelnen Momenten gelangt und wie diese in Zusammenhang stehen. Der schwarze Humor trägt auch einiges zum Lesespaß bei, und mit der schieren Gewöhnlichkeit von Billy kann man sich ein Stück weit identifizieren.

Vielen Dank an dieser Stelle noch einmal an mo für die Bereitstellung des Buches übers TBPG!


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Verlag: Mass Market Paperback
ISBN: 9780440180296
Erscheinungsdatum: 03.11.1991
Rating: 4/5

[Gelesen] The Crucible

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Der Auslöser hierfür ist nicht klar zu definieren: Fakt ist, dass 1692 Hexenprozesse in Salem stattfanden, in deren Rahmen 20 Menschen zum Tode  verurteilt und mehr als 200 beschuldigt wurden. In The Crucible bedient sich Arthur Miller den historischen Ereignissen, und zeigt eine Möglichkeit, wie sich die Massenhysterie in der Gemeinde aufbaut.

Auf der einen Seite gibt es die Mädchen der Gemeinde, die auf der Schwelle zum Erwachsenenalter stehen. Sie werden erwischt, als sie nachts im Wald tanzen: etwas, was ihnen durch ihren Glauben, den Puritanismus, untersagt ist. Um Bestrafung zu entgehen, verhalten sie sich seltsam, so als wären sie verhext – und treten damit einen Prozess in Gang, der sich verselbstständigt. John Proctor stellt ein wenig das Gegenstück dazu da. Er erkennt mit gesundem Menschenverstand, dass Hysterie und denunzieren zum eigenen Vorteil erfolgt – wie er und seine Frau versuchen, sich gegen die Vorwürfe zu wehren, macht den Großteil des Stückes aus.

Insgesamt verfügt The Crucible über vier Akte, die sich recht schnell durchlesen. Das Stück ist sehr spannend gehalten, und mit nicht ganz 130 Seiten mag man es auch kaum aus der Hand legen. Viel historisches Vorwissen braucht es nicht, und auch von der Sprache ist es gut verständlich. Sehr angenehm finde ich, dass Miller im ersten Akt Textblöcke mit Erklärungen zu einzelnen Persönlichkeiten gibt. Dadurch wird viel deutlicher, wo diese zu Beginn des Stücks stehen, und wieso sie zum Beispiel den Mädchen glauben schenken.

Theaterstücke zu lesen ist immer etwas schwierig – ich selber lese sie eigentlich lieber erst, wenn ich sie bereits einmal auf der Bühne gesehen habe. Letztes Jahr wurden zwei Aufzeichnungen von Millers Werken im Kino übertragen, unter anderem eben auch The Crucible mit Richard Armitage als John Proctor (wer das verpasst hat, kann über Digital Theatre die Aufzeichnung auch leihen oder als Digitalversion kaufen).

Beim Lesen des Stücks hatte ich wieder das selbe Gefühl von Ohnmacht, wie beim Sehen. Man erkennt die Zusammenhänge hinter den Anschuldigungen, aber diese lassen sich eben kaum kommunizieren – schon gar nicht, wenn man sich selber dadurch irgendeiner anderen Schuld bekennen muss. In den 50er Jahren war das Thema durch die Kommunistenjagd brandaktuell, und hat immer noch nichts von dieser Aktualität eingebüßt.

Auch wenn es Miller nicht um unbedingte historische Korrektheit geht, gibt es nach dem Stück noch einen kurzen Abschnitt zu den Schicksalen der Personen. Für meinen Geschmack hätte dieser ruhig etwas länger ausfallen dürfen, aber man kann erkennen, dass es bei den Prozessen keine Gewinner gab. Vielleicht kein besonders fröhliches Theaterstück, aber dafür ein sehr, sehr wichtiges!


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Verlag: Penguin Classics
ISBN: 9780141182551
Erscheinungsdatum: 31.08.2011
Rating: 4.5/5