[Gelesen] After Dark

Während der zweiten Lesenacht im Bücher Bahnhof habe ich After Dark von Haruki Murakami durchgelesen. Mir wurde das Buch letztes Jahr schon von einem Murakami Fan empfohlen, und ich war sehr gespannt auf die Geschichte. Das Besondere an After Dark? Man begleitet die Charaktere durch eine Nacht in Tokyo von 23.56 bis 6.52 Uhr am nächsten Morgen.
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Mari Asai ist eine junge Frau, die es sich mit einem Buch in einer Denny’s Filiale bequem gemacht hat und eigentlich ihre Ruhe will. Durch Zufall begegnet sie hier Takahashi Tetsuya, der ihre Schwester kennt – und von diesem Moment an ist es auch mit ihrer Ruhe vorbei. Personen, die vermutlich sonst nie miteinander in Berührung kommen würden, treffen dank dieser Begegnung in den kommenden Stunden aufeinander, und es kommt zu teils komischen Situationen. Murakami folgt dabei sowohl den Geschehnissen um Mari als auch ihrer Schwester Eri, bevor sich die Handlungen überkreuzen.

“You know what I think?“ she says. „That people’s memories are maybe the fuel they burn to stay alive.”

Zeit scheint anders zu vergehen, und Ereignisse wirken anders als bei Tag: After Dark ist ein Buch, das die Stimmung in der Mitte der Nacht sehr gut auffängt und reflektiert. Gefühlt könnte After Dark in jeder Großstadt auf der Welt spielen, was es einem als Leser einfach macht, in die nächtlichen Stunden einzutauchen. Man muss sich schlicht auf eben jene Stimmung einlassen und auf sich wirken lassen, denn die Geschichte selbst ist sehr simpel und ohne viele Überraschungen. Murakami erwähnt sehr viele Lieder (und auch nicht nur Jazz!), die im Hintergrund zu hören sind. Wenn möglich, sollte man sich diese beim Lesen selbst ebenfalls anmachen, da sie die Situationen teilweise in einem ganz anderen Licht wirken lassen.

Wie fast immer in seinen Büchern gibt es auch hier einen unerklärten, fast magischen Handlungsstrang, der im Kontrast mit der restlichen Geschichte steht. Für mich wirkte die ‚Sleeping Beauty‘ wie ein Gegenstück zu all den Personen, die aus verschiedensten Gründen in der Nacht wach sind, und eben nicht schlafen – interpretieren kann man das aber auf die unterschiedlichsten Arten.

Zum Kennenlernen von Murakami eignet sich After Dark nur bedingt… wenn man bereits mehrere Titel von ihm kennt, und einen kurzen Ausflug in seine Welt unternehmen möchte, ist das Buch aber perfekt!


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Verlag: Vintage
ISBN: 9780307278739
Erscheinungsdatum: April 2008
Rating: 4/5

[Gelesen] Penpal

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Penpal ist eine Creepypasta, die den Sprung vom Internet ins Buchformat geschafft hat. Die Geschichte setzt sich aus mehreren einzelnen Kurzgeschichten zusammen, die Dathan Auerbach ursprünglich im Reddit Forum NoSleep veröffentlicht hat: Durch eine erfolgreiche Kickstarter Kampagne konnte der Text erweitert und als Buch herausgegeben werden. Ich muss zugeben, dass ich noch nichts von Penpal gehört hatte, bevor ich eine Empfehlung in einem Vlog gesehen habe… aber die Entstehungsgeschichte allein ist schon faszinierend!

Wenn die eigene Kindheit zum Alptraum wird…

Ein namenloser, männlicher Erzähler lässt seine Kindheit Revue passieren. Dabei werden ihm im Nachhinein einige Hintergründe und Zusammenhänge klar, die die damaligen Ereignisse in ein anderes Licht rücken. Die Erinnerungen springen dabei zwischen den Jahren hin und her, und spannen sich grob von seinem sechsten bis sechzehnten Lebensjahr. Alle Geschichten sind in sich geschlossen, und könnten unabhängig von den anderen gelesen werden – einige wiederkehrende Elemente erkennt man logischerweise dann aber nicht wieder.

Now begin in the middle, and later learn the beginning; the end will take care of itself.

Sei es die Sorge um die Katze, die noch nicht nach Hause gefunden hat, oder das Verlaufen im Wald bei Nacht… die Geschichten spielen Ängste an, die man gut nachempfinden kann. Alles ist stark in der Realität verankert, und könnte tatsächlich so passieren – was vielleicht auch die Sogwirkung von Penpal erklärt. Als Leser möchte man einfach genau so wie der Erzähler herausfinden, was hinter allem steckt. Das letzte Kapitel muss man etwas sacken lassen, aber es gefällt mir im nachhinein immer besser.

Eine Verfilmung ist seit einigen Jahren im Gespräch, wer mag kann aber bereits jetzt einen sehr gut gemachten Kurzfilm sehen, der auf einer der Geschichten in Penpal basiert:


Für diejenigen, die Horrorgeschichten lieber anhören als lesen, finden sich auf YouTube auch zahlreiche Vertonungen des Buches ;)

An ein paar Stellen merkt man, dass Penpal nicht den klassischen Verlagsweg gegangen ist, und der Text sicher noch etwas mehr verbessert werden könnte. Es tut dem Lesegenuss aber keinen Abbruch, und lässt einen komplett in die Welt rund um den See eintauchen.


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Verlag: 1000Vultures
ISBN: 9780985545505
Erscheinungsdatum: June 2012
Rating: 4/5

[Gelesen] Only Ever Yours

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I’m a good girl. I am pretty. I am always happy-go-lucky.

In einer dystopischen Zukunft werden Frauen nicht mehr geboren, sondern künstlich geschaffen. In Schulen lernen sie, wie man sich kleidet, schminkt und Männern gefällt, bevor sie mit 16, 17 Jahren ihren „Abschluss“ machen. Zu diesem Zeitpunkt entscheidet sich, was ihre zukünftige Rolle in der Gesellschaft ist: Entweder werden sie Ehemännern zugeteilt, zu Konkubinen oder Lehrkräfte innerhalb des Systems. Als Leser begleitet man freida durch ihr letztes Schuljahr, und lernt das Leben in der Schule sowie den Auswahlprozess für die Zuteilung am Ende kennen.

Gäbe es für Bücher Warnaufkleber, wäre Only Ever Yours vollgeklebt mit solchen. Body-, Fat- und Slutshaming, verschiedene Essstörungen, Sucht, Mysogynie, Mobbing… leichte Kost ist die Geschichte definitiv nicht. Ebenso wenig ist freida eine einfache Hauptperson. Zu Anfang gehört sie zu den Mädchen, die die obersten Bewertungen erhalten und somit fast automatisch zu Ehefrauen werden müssen, mit ihrer besten Freundin isabel stellt sie ein unzertrennbares Duo dar. Das ändert sich allerdings, und sie muss um ihre Position innerhalb des Rankings und der Schule kämpfen. Dabei trifft sie immer wieder Entscheidungen, die innerhalb dieser Gesellschaft Sinn ergeben, für den Leser aber klar falsch sind.

I’ve tried. I’ve waxed every last hair on my body. I have taken my pills. I have gone to bed hungry every night since I was four years old. I’ve done everything they have told me to do and here I am, ten days left, and I don’t know if it’s enough.

Die Gruppendynamik selbst ist sehr spannend, und natürlich will man als Leser auch erfahren, wie freida am Ende abschneidet. Es gibt einige Szenen mit isabel, die erst im nachhinein erklärt werden, und eigentlich wäre sie eine viel interessante Figur gewesen – umso spannender ist es, dass O’Neill  freida gewählt hat! freida ist keine klassische Heldin oder Anführerin, sondern halt eher die, die mit läuft und irgendwie durchkommt.

Mir war während des Lesens nicht klar, wohin O’Neill mit der Handlung möchte. Mal vergeht die Zeit sehr schnell, dann wieder sehr langsam, und das Ende ist sehr plötzlich und viel muss noch eben schnell erklärt werden. Ich könnte mir daher vorstellen, dass Only Ever Yours unter Umständen als Film besser funktioniert als Buch.

Auch wenn es natürlich sehr überspitzt dargestellt ist, findet man vieles unserer eigenen Gesellschaft innerhalb des Texts wieder, soziale Netzwerke allein spielen eine große Rolle innerhalb der Schule. Only Ever Yours ist definitiv ein sehr wichtiges Buch, bei dem man fast nicht von es gefällt einem reden kann. Für mich hat zum Schluss noch etwas gefehlt, aber die Reise mit freida und den anderen Mädchen möchte ich nicht missen.

Vielen Dank an Steffi, die das Buch über das TBPG zur Verfügung gestellt hat!


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Verlag: Quercus
ISBN: 9781848664159
Erscheinungsdatum: 03.07.2014
Rating: 3/5