Heute ist es soweit: Nachdem die Geschichte um Monty, Percy und Felicity bereits seit einigen Monaten auf Deutsch als Cavaliersreise erhältlich ist, erscheint jetzt auch die englischsprachige Ausgabe unter dem wundervollen Titel The Gentleman’s Guide to Vice and Virtue. Ich hatte diesen Monat das Vergnügen das Buch von Mackenzi Lee gemeinsam mit pingwingTV zu lesen und mich darüber austauschen zu können – und die Lesereise hat sich –mit kleinen Abstrichen- wahrlich gelohnt!

Cavalierswas?
Eine Tradition mit vielen Namen -Kavalierstour, Grand Tour, Bildungsreise um nur einige zu nennen- bildet die Rahmenhandlung von Cavaliersreise. Von der Renaissance bis zum 19. Jahrhundert an wurden junge Männer aus dem Adel (später auch aus dem Bürgertum) zum Abschluss ihrer Erziehung auf eine Reise durch Europa bis teilweise hin zum Heiligen Land geschickt. In dem Roman von Lee begleiten wir hierbei eine etwas ungewöhnliche Reisegesellschaft im 18. Jahrhundert: Den englischen Grafensohn Henry -genannt Monty- Montague, seine Schwester Felicity und Percy, Montys besten Freund.
Hatten die jungen Männer (oder zumindest Monty) auf ein unabhängiges, feierfreudiges Jahr auf dem Kontinent gehofft, so macht Montague Senior ihnen gleich zu Anfang einen Strich durch die Rechnung: Er ist die Eskapaden seines Ältesten satt und stellt ihnen einen Tutor zur Seite. Statt auf Trinkgelage, Spielrunden und ähnlichem, soll sich lieber endlich auf das Knüpfen von Kontakten und die kulturellen Errungenschaften konzentriert werden.
„Mag sein, dass es das ist, was die Cavaliersreise mich lehren soll: wie andere Leute leben, die mit mir nichts gemein haben. Zum ersten Mal geht mir auf, dass ihr Leben nicht weniger erfüllt ist als meines, ohne dass es mit meinem in Berührung käme.“
– S. 165-166
Ein Trio wider Willen
Die Begeisterung hierüber hält sich in Grenzen und die Reisegemeinschaft muss erst miteinander warm werden. Dem Leser geht es nicht viel anders, denn zu Anfang ist vor allem Monty etwas schwierig. Umso schöner ist es zu sehen, wie jeder der Drei im Laufe der Reise an seinen eigenen Problemen wächst! Und genug Probleme gibt es tatsächlich, egal, ob von innen oder außen. Um nur ein paar unserer Helden zu benennen: Monty hadert mit seinem gesellschaftlichen Stand, Sexualität und der unerwiderten Liebe zu seinem besten Freund, Percy hat mit seiner Hautfarbe, einer Krankheit und eher düsteren Zukunftsaussichten zu kämpfen – und Felicity hadert mit dem Frauenbild ihrer Zeit. Viele dieser Thematiken lesen sich sehr zeitgemäß, wobei es Lee gelingt, sie angemessen in der Handlung einzubinden und nicht aus der Zeit zu fallen. Das unterstützt sie vor allem durch viele großartige Wörter, die in der Übersetzung von Gesine Schröder eine wahre Freude sind. Egal, ob eher bekanntes wie Wegelagerer, Taugenichts oder seltener genutztes wie greinen, gebenedeit und Häscher – die Sprache ist etwas gehobener ohne abzuheben. Dazu hat Monty ein absolut großartigen Humor, bei dem man das ein oder anderer mal am schmunzeln ist.
Die Sache mit der Bewertung
Die Bewertung von Cavaliersreise bereitet mir auch mit einigen Tagen Abstand immer noch Kopfzerbrechen. Das gemeinsame Lesen mit Austausch über die Abschnitte und Theorien aufstellen zum weiteren Verlauf hat mir großen Spaß bereitet und mein Lesevernügen deutlich erhöht. Nicht zuletzt, weil ich dadurch gefühlt auch das Buch viel intensiver gelesen und viel mehr über einzelne Abschnitte nachgedacht als normalerweise. Cavaliersreise ist auch ein Buch, dass ich gerne noch mehrfach lesen mag und bei dem es in jedem Lesedurchgang etwas zu entdecken oder anders wahrzunehmen geben wird, gerade weil es an einigen Stellen so plötzlich umschlägt.
„Es hat sich nichts verändert, und doch ist nichts, wie es war.“ – S. 196
Mackenzi Lee hat sich mit der Grand Tour ein tolles Thema als Rahmenhandlung ausgesucht und anstatt in einem typischen Jugendbuch befindet man sich plötzlich in einem Abenteuerroman, der unglaublich viele aktuelle Themen anspricht: Sexualität, Geschlechterrollen, Vorurteile und Unwissen, Epilepsie, Privilegien und und und. An keinem Punkt wirkt es dabei zu belehrend oder zu gewollt und allein dafür ist die Geschichte etwas besonderes. Dazu noch der tolle Humor von Monty und schöne Dialoge…
Warum also kann ich diesem Buch einfach nicht die volle Punktzahl geben?! Das hängt zum einen mit einem Handlungsstrang und zum anderen mit dem Schluss zusammen. Ich war der festen Überzeugung, dass Cavaliersreise nicht ins Fantastische geht – und nun, irgendwie tut es die Geschichte doch. Für mich passte das nicht so gut in die Geschichte, aber da ich es beim nächsten Lesen weiß, wird es mich nicht noch einmal so überrumpeln. Zum Schluss kommt dann noch mal alles zuerst ganz anders als erwartet, dann auch viel zu plötzlich und ohne große Erläuterungen, auch im Nachwort nicht. Vielleicht wird das nächste Abenteuer da etwas Licht ins Dunkle bringen? Denn für Herbst 2018 wurde gerade erst das Spin-off The Lady’s Guide to Petticoats and Piracy rund um Felicity Montague angekündigt.
Weitere Eindrücke zu Cavaliersreise findet ihr bei
Kathrine Everdeen | Buchstabenstadt | May4la | Miss Foxy reads | Andrada’s Books
BUCHDETAILS | ANZEIGE
Verlag: Königskinder
Übersetzerin: Gesine Schröder
ISBN: 9783551560384
Erscheinungsdatum: 24.03.2017
Bewertung: 3,5/5

