[Gelesen] Welcome to Night Vale Episodes, Vol. 1 + 2

Nachdem letztes Jahr bereits der gleichnamige Roman zum Podcast Welcome to Night Vale von Joseph Fink und Jeffrey Cranor erschienen ist, folgen dieses Jahr zwei Sammelbände: Mostly Void, Partially Stars und The Great Glowing Coils of the Universe. Gesammelt werden in den beiden Bänden die Episodentranskripte aus den ersten beiden Jahren und zwar

  • Episode 1-25, plus Live Show „Condos“ (Volume 1)
  • Episode 26-49, plus Live Show „The Debate“ (Volume 2)

Für jede Episode gibt es ein kurzes Vorwort, in denen die Macher auf die Entstehung der Folge oder Hintergrundinformationen eingehen, sowie Illustrationen von Jessica Hayworth. Abgerundet werden die Bände noch durch ein zusätzliches Kapitel zur Musik von Disparition.wtnv-v12Podcasts sind gefühlt immer noch ein Nischenprodukt und Welcome to Night Vale nicht immer sofort ein Begriff, trotz des mittlerweile erreichten Kultstatus der Show. Ich mag diese skurrile Stadt mitten in der Wüste sehr gerne und könnte Cecil Baldwin wirklich stundenlang zuhören. Auf den Roman letztes Jahr hatte ich mich sehr gefreut, aber obwohl er mir alles in allem schon gut gefallen hat, war er nicht so gut wie erhofft. Gerettet hat es für mich selbst auf jeden Fall, zwischen selber lesen und dem von Baldwin eingesprochene Hörbuch zu variieren. Im Podcast selber funktioniert es, einfach in Night Vale ‚hinein geworfen‘ zu werden; beim Roman ist es mehr Kulturschock, wenn man sich noch gar nicht mit dem Podcast beschäftigt hat. Umso schöner finde ich es, dass die Transkripte der eigentlichen Show jetzt noch einmal in Buchform herausgegeben werden.

Es gibt – wie überall – auch in der Buchwelt immer wieder Trends. Momentan scheinen Skripte so ein kleiner Trend zu werden und man kann sich auch bei den Night Vale Skripten sicherlich fragen, ob man sie denn braucht. Den Podcast selber kann man schließlich über diverse Plattformen kostenlos anhören und es existieren von fast allen Episoden bereits Transkripte von Fans. Natürlich ist es aber noch einmal etwas anderes, wenn die Autoren der Show ihre tatsächlichen Skripte veröffentlichen. So wird einerseits das Interesse an der schriftlichen Form des Formats gedeckt und andererseits kann man beim Lesen auch sicher sein, dass sich keine ‚Fehler‘ im Transkript verstecken.

Now that I think of it, I have also never bothered to actually check whether this mic is attached to any sort of recording or broadcasting device, and it is possible that I am alone in an empty universe, speaking to no one, unaware that the world is held aloft merely by my delusions and my smooth, sonorous voice. More on this story as it develops, I say, possibly only to myself.  – Episode 5: „The Shape in Grove Park“

Die Episoden sind sehr simpel für die Sammelbände aufgearbeitet worden: Es gibt ein Vorwort mit etwas Trivia oder Hintergrundinfos zur Folge. Die Folge selber liest sich wie normaler Text, es sind keine Regieanweisungen oder ähnliches vorhanden; als Wetter gibt es die entsprechenden Musikhinweise. Zum Ende der Folge wird immer auch das entsprechende Proverb abgedruckt und zu fast jeder Episode gibt es eine Illustration. Die Illustrationen passen zum Gesamtbild von Night Vale, aber die Bücher würden auch gut ohne sie auskommen.Wenn man die Episoden bereits kennt, ist es etwas schwer sie zu lesen ohne Cecils Stimme sofort im Kopf zu haben – aber es lohnt sich ungemein. Mir sind viele kleine Anspielungen erst im Text so richtig bewusst geworden und es folgen immer wieder Passagen, die ich mir einfach anstreichen musste. Gerade zum Nachschlagen dieser finde ich die Bücher jetzt schon super praktisch! Was ich auch sehr positiv finde, ist der Abdruck der Live Shows. Diese hätten leicht hintenüber fallen können, gerade, da die Aufnahmen nicht kostenlos verfügbar sind… so werden die eigentlichen Episoden aber perfekt ergänzt. Ich freue mich auf jeden Fall jetzt schon auf die noch kommenden Sammelbände und darauf, den Ghost Stories diesen Monat live lauschen zu können!


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Mostly Void, Partially Stars
Verlag:
Harper Perennial
ISBN: 9780062468611
Erscheinungsdatum: 06.09.2016

The Great Glowing Coils of the Universe
Verlag:
Harper Perennial
ISBN: 9780062468659
Erscheinungsdatum: 06.09.2016

[Gelesen] Sommer 1927

Rezensionsexemplar | Nachdem mich die beiden Sachbücher Berlin 1936 und 1913: Der Sommer des Jahrhunderts so sehr begeistert haben, wollte ich gerne noch mehr in dieser Art lesen. Da beide Bücher einen sehr deutlichen Fokus auf den deutschsprachigen Raum legen, sollte es aber mal ein anderer Blickwinkel sein. Gefunden habe habe ich diesen bei Sommer 1927 von Bill Bryson, welches den Leser in die USA mitnimmt. IMG_2508

Die goldenen Zwanziger in Amerika – eigentlich hat man da sofort Bilder im Kopf. Dieses Jahrzehnt hat gefühlt immer etwas sehr faszinierendes an sich, egal unter welchem Gesichtspunkt man sich ihm nähert, und Bill Bryson geht es da nicht anders wie den meisten von uns. Der Sommer 1927 ist ursprünglich aus dem Wunsch heraus entstanden, ein Buch über Charles Lindberghs spektakulären Flug sowie den Wettstreit um die Atlantiküberquerung generell zu schreiben. Bei den Vorbereitungen hierzu hat Bryson immer mehr und mehr Material zu Ereignissen in diesem Jahr gesammelt, dass es schlussendlich für diesen doch sehr üppigen Einblick in die Sommermonate gereicht hat. Neben einzelnen Personen wie Lindbergh, Ford oder Babe Ruth geht Bryson dabei auch auf gesellschaftliche und politische Thematiken ein und wie sich die Geschehnisse dieser Monate auf die Weltgeschichte insgesamt auswirken.

Innerhalb von neun Monaten waren elf Menschen beim Versuch, den Atlantik zu überfliegen, ums Leben gekommen. Genau zu diesem Zeitpunkt traf ein schlaksiger junger Mann mit dem Spitznamen »Slim« aus dem Westen ein und verkündete sein Vorhaben, den Ozean allein mit dem Flugzeug zu überqueren. Sein richtiger Name lautete Charles Lindbergh.
Der Beginn eines außergewöhnlichen Sommers stand unmittelbar bevor. – (S. 37)

Ich hatte vor Sommer 1927 noch nichts von Bill Bryson gelesen und insgesamt habe ich mich sehr schwer mit seinem Schreibstil getan. Zu oft schweift er vom eigentlichen Thema ab, holt zu weit aus oder erschlägt den Leser mit einer schieren Faktenflut. Gerade bei den Biografien merkt man dies deutlich: Anstatt zum Beispiel nur kurz den Lebensweg von Lindbergh bis zum Jahr 1927 anzureißen, geht Bryson bis zur Einwanderung des Vaters zurück und dröselt die Geschichte detailliert von dort an auf. Wäre Sommer 1927 eine Lindbergh Biografie, wäre das auch nicht verkehrt – bei einem 640 Seiten starken Wälzer, der gerade keine reine Biografie sein mag, ermüdet es aber auf Dauer ungemein. Dadurch verschwimmen auch immer die Zeiträume und als Leser muss man sich ständig neu orientieren, in welcher Zeit man sich gerade befindet. Für mich hat das Buch auf jeden Fall die Erkenntnis gebracht, dass ich lieber reine Biografien oder Sachbücher zu speziellen Themen wie die Prohibition lese.

Was man bei aller Detailverliebtheit Bryson definitiv zu Gute halten kann: Alle Ereignisse und geschichtlichen Zusammenhänge wirken ausgesprochen gut und intensiv recherchiert. Als Leser muss man absolut kein Vorwissen mitbringen, sondern findet alle erforderlichen Informationen zum Verständnis im Text selbst vor. Die Zielgruppe ist ganz klar eine breite Leserschaft und kein rein akademisches Publikum. Für den Einstieg in die Ära ist Sommer 1927 sicherlich ein schöner Ausgangspunkt, der viele spannende Themen und Persönlichkeiten anschneidet und näher bringt.

Vielen Dank an den Goldmann Verlag für das Rezensionsexemplar!


BUCHDETAILS | ANZEIGE

Verlag: Goldmann Verlag
ISBN: 9783442158836
Erscheinungsdatum: 14.03.2016
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Bewertung: 2/5

[Gelesen] Chopsticks

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Chopsticks is a book, an app, a website. It is a collage of original drawings, objects, text, sound, and video. It is a love story. Read it. View it. Experience it.

Durch die Unterstützung und Anleitung ihres Vaters ist Gloria Fleming zu einem Wunderkind am Klavier herangewachsen. Die junge Frau spielt vor ausverkauften Hallen, eine Europatournee steht ins Haus, aber trotz ihrer Erfolge ist sie einsam. Der Einzug des etwa gleichaltrigen Franks und seiner Familie ins Nachbarhaus ändert dies allerdings; beide sind fasziniert vom jeweils anderen. Schnell entwickelt sich zwischen den beiden eine zarte Liebesgeschichte, es werden unter anderem Mix CDs und unzählige Chatnachrichten ausgetauscht, dazu fertigt der künstlerisch talentierte Frank Zeichnungen und Gemälde für Gloria an. Der bevorstehenden Trennung sehen sie mit gemischten Gefühlen entgegen und das Klavierstück Chopsticks spielt eine immer wichtigere Rolle… Auch wenn der Titel darauf verweist: Chopsticks: a novel von Jessica Anthony und Rodrigo Corral ist kein klassischer Roman. Statt durch Aneinanderreihung von Sätzen, setzt sich die Handlung aus verschiedensten Dokumenten, Screenshots und Bildern zusammen und geht damit eher in Richtung einer Graphic Novel. Das kann unter Umständen frustrierend sein, da das Buch eine gewisse Aufmerksamkeit vom Leser fordert, um gewisse Hinweise zur Handlung zu entdecken.

Mir hat das Konzept des Buchs sehr gut gefallen und man merkt auf jeder Seite die Liebe zum Detail. Vor allem die Fotografien sind in einem tollen faux-vintage Stil gestaltet und das Farbschema ist durchgängig angenehm. Bei ein paar Stellen hätte ich mir etwas andere Schriftarten gewünscht, aber irgendwie muss nun mal die Abgrenzung zwischen gesprochenem und geschriebenen Text deutlich gemacht werden. Das Buchformat ist nicht ganz quadratisch und ist etwas kleiner als eine normale Graphic Novel, liegt aber angenehm in der Hand.

Über das letzte Drittel gibt es einiges an Diskussionen und hier entscheidet sich auch, mit welchem Gesamteindruck man Chopsticks zurücklässt. Meistens spalten sich die Standpunkte in gutes Konzept mit schwacher Handlung oder Begeisterung. Das etwas offene Ende, was eigene Interpretationen ermöglicht, gefällt mir sehr gut, aber ich kann auch die Frustration darüber verstehen. Manche Details werden erst nach mehrmaligem Zurückblättern klar und es lohnt definitiv, mehr als einmal Chopsticks durchzulesen. Im Großen und Ganzen ist es eine recht simple Geschichte, die auf sehr kreative Art und Weise erzählt wird – ich hätte furchtbar gerne mehr Bücher in dieser Art!



BUCHDETAILS | ANZEIGE

Verlag: Razorbill
ISBN: 9781595144355
Erscheinungsdatum: 02.02.2012
Rating: 5/5
Chopsticks ist ebenfalls als interaktive App für Apple iPhone/iPad erschienen;
für Android liegt leider keine Version vor.