[Gelesen] Illuminae

Illuminae war eines der Phänomene letztes Jahr: gefühlt die halbe Buchwelt hat das Buch gelesen und besprochen. Ich habe mich etwas gegen den Titel gesträubt, weil ich gerade mit einem anderen gehyptem Buch unendlich Probleme hatte (*hust* Red Queen *hust*) und Science Fiction nicht so ganz mein Genre ist… aber dank einiger Bilder vom Innenleben wollte ich dem ganzen dann doch eine Chance geben.illuminae1.jpg

Im Mittelpunkt stehen Kady und Ezra, zwei Jugendliche, deren Planet Kerenza attackiert wird. Drei sich in der Nähe befindenden Schiffe nehmen die Flüchtlinge auf, und haben danach die Angreifer ständig im Nacken – und auch auf den Schiffen selbst kommt es zu großen Problemen. Einerseits hat die künstliche Intelligenz des Boardcomputers massive Schäden bei der Rettungsaktion davongetragen, anderseits geht bald ein bösartiger Virus rum… und Kady und Ezra, die sich eigentlich just an dem Morgen des Angriffs getrennt haben, stecken mittendrin. Die beiden befinden sich auf zwei verschiedenen Schiffen, wodurch es auf die Ereignisse unterschiedliche Sichtweisen gibt – und passend dazu ist Illuminae keine typisch erzählte Geschichte: statt in einem Fließtext wird die Handlung durch unterschiedliche Dokumentarten erzählt: Chatverläufe, Gesprächtranskripte, Wikiartikel, Berichte, Grafiken… Random House hat eine Leseprobe zum reinzuschnuppern online gestellt, bei der man schon einen guten Eindruck von der Gestaltung des Buches bekommt. Ich liebe sowas ja abgöttisch! Dabei folgt man einer Handvoll Hauptcharakter, trifft aber genau so auf viele Personen, die nur kurzfristig eine Rolle spielen.

Hätte ich so viel Spaß mit Illuminae gehabt, wenn es nicht in diesem Format erzählt wäre? Wahrscheinlich nicht. Das Pärchen Kady/Ezra an sich ist nicht das Originellste und vor allem Ezra war mir über große Strecken sehr egal. Auch das ständige Einbauen der Schimpfwörter, die geschwärzt sind, war mehr anstrengend als besonders lustig. Die Art allerdings, wie Kaufman und Kristoff die Geschichte erzählen, funktioniert wunderbar: es gibt so viele kleine Szenen mit Nebencharakteren, die mich unheimlich berührt haben. Im Allgemeinen darf man nach einer ruhigen Einführung in die Geschichte sehr gerne und viel mit den Ereignissen in Illuminae mitfiebern und -leiden! Lobenswert finde ich an dieser Stelle auch, dass in die Sterblichkeitsrate innerhalb des Buches relativ hoch ist – nicht alle Charaktere überleben den Band, und so ist man als Leser gerade im Schlussakt absolut gefesselt.

Am I not merciful?

Was die Begeisterung für Illuminae bei mir wirklich ausgelöst hat, war AIDAN: AIDAN ist die künstliche Intelligenz, die eigentlich für die Steuerung der Alexander (dem Hauptschiff) verantwortlich ist. Leider gerät diese durch Schäden aus dem Ruder, und ist nicht mehr besonders vertrauenswürdig. AIDAN ist seiner selbst durchaus bewusst, und hat einen sehr verqueren Moralkompass – im Zusammenspiel mit Kady führt das immer wieder zu besonderen Dialogen. Mich hat die Art, wie dieses Programm denkt, unheimlich begeistert. Dazu kommen noch ein, zwei Wendungen, die einen wünschen lassen, man selbst könnte als Leser mit einer Axt gerade auf AIDANs Server eindreschen… das Überbrain ist mir schon stark ans Herz gewachsen.

Die Illuminae Files sind ein Trilogie, in der in jedem Band ein anderes Pärchen und ein anderer Aspekt der Attacke auf Kerenza im Fokus stehen. Illuminae ist mit 599 Seiten dabei schon sehr dick, der Nachfolger Gemina ist mit 672 Seiten angekündigt – durch die verschiedenen Dokumente fliegt man aber sehr schnell durch die Seiten. Der Oktober und Band 2 können für mich jedenfalls gar nicht schnell genug kommen!


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Verlag: Knopf Books for Young Readers
ISBN: 9780553499117
Erscheinungsdatum: 20.10.2015
Rating: 5/5

[Gelesen] After Dark

Während der zweiten Lesenacht im Bücher Bahnhof habe ich After Dark von Haruki Murakami durchgelesen. Mir wurde das Buch letztes Jahr schon von einem Murakami Fan empfohlen, und ich war sehr gespannt auf die Geschichte. Das Besondere an After Dark? Man begleitet die Charaktere durch eine Nacht in Tokyo von 23.56 bis 6.52 Uhr am nächsten Morgen.
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Mari Asai ist eine junge Frau, die es sich mit einem Buch in einer Denny’s Filiale bequem gemacht hat und eigentlich ihre Ruhe will. Durch Zufall begegnet sie hier Takahashi Tetsuya, der ihre Schwester kennt – und von diesem Moment an ist es auch mit ihrer Ruhe vorbei. Personen, die vermutlich sonst nie miteinander in Berührung kommen würden, treffen dank dieser Begegnung in den kommenden Stunden aufeinander, und es kommt zu teils komischen Situationen. Murakami folgt dabei sowohl den Geschehnissen um Mari als auch ihrer Schwester Eri, bevor sich die Handlungen überkreuzen.

“You know what I think?“ she says. „That people’s memories are maybe the fuel they burn to stay alive.”

Zeit scheint anders zu vergehen, und Ereignisse wirken anders als bei Tag: After Dark ist ein Buch, das die Stimmung in der Mitte der Nacht sehr gut auffängt und reflektiert. Gefühlt könnte After Dark in jeder Großstadt auf der Welt spielen, was es einem als Leser einfach macht, in die nächtlichen Stunden einzutauchen. Man muss sich schlicht auf eben jene Stimmung einlassen und auf sich wirken lassen, denn die Geschichte selbst ist sehr simpel und ohne viele Überraschungen. Murakami erwähnt sehr viele Lieder (und auch nicht nur Jazz!), die im Hintergrund zu hören sind. Wenn möglich, sollte man sich diese beim Lesen selbst ebenfalls anmachen, da sie die Situationen teilweise in einem ganz anderen Licht wirken lassen.

Wie fast immer in seinen Büchern gibt es auch hier einen unerklärten, fast magischen Handlungsstrang, der im Kontrast mit der restlichen Geschichte steht. Für mich wirkte die ‚Sleeping Beauty‘ wie ein Gegenstück zu all den Personen, die aus verschiedensten Gründen in der Nacht wach sind, und eben nicht schlafen – interpretieren kann man das aber auf die unterschiedlichsten Arten.

Zum Kennenlernen von Murakami eignet sich After Dark nur bedingt… wenn man bereits mehrere Titel von ihm kennt, und einen kurzen Ausflug in seine Welt unternehmen möchte, ist das Buch aber perfekt!


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Verlag: Vintage
ISBN: 9780307278739
Erscheinungsdatum: April 2008
Rating: 4/5

[Gelesen] Penpal

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Penpal ist eine Creepypasta, die den Sprung vom Internet ins Buchformat geschafft hat. Die Geschichte setzt sich aus mehreren einzelnen Kurzgeschichten zusammen, die Dathan Auerbach ursprünglich im Reddit Forum NoSleep veröffentlicht hat: Durch eine erfolgreiche Kickstarter Kampagne konnte der Text erweitert und als Buch herausgegeben werden. Ich muss zugeben, dass ich noch nichts von Penpal gehört hatte, bevor ich eine Empfehlung in einem Vlog gesehen habe… aber die Entstehungsgeschichte allein ist schon faszinierend!

Wenn die eigene Kindheit zum Alptraum wird…

Ein namenloser, männlicher Erzähler lässt seine Kindheit Revue passieren. Dabei werden ihm im Nachhinein einige Hintergründe und Zusammenhänge klar, die die damaligen Ereignisse in ein anderes Licht rücken. Die Erinnerungen springen dabei zwischen den Jahren hin und her, und spannen sich grob von seinem sechsten bis sechzehnten Lebensjahr. Alle Geschichten sind in sich geschlossen, und könnten unabhängig von den anderen gelesen werden – einige wiederkehrende Elemente erkennt man logischerweise dann aber nicht wieder.

Now begin in the middle, and later learn the beginning; the end will take care of itself.

Sei es die Sorge um die Katze, die noch nicht nach Hause gefunden hat, oder das Verlaufen im Wald bei Nacht… die Geschichten spielen Ängste an, die man gut nachempfinden kann. Alles ist stark in der Realität verankert, und könnte tatsächlich so passieren – was vielleicht auch die Sogwirkung von Penpal erklärt. Als Leser möchte man einfach genau so wie der Erzähler herausfinden, was hinter allem steckt. Das letzte Kapitel muss man etwas sacken lassen, aber es gefällt mir im nachhinein immer besser.

Eine Verfilmung ist seit einigen Jahren im Gespräch, wer mag kann aber bereits jetzt einen sehr gut gemachten Kurzfilm sehen, der auf einer der Geschichten in Penpal basiert:


Für diejenigen, die Horrorgeschichten lieber anhören als lesen, finden sich auf YouTube auch zahlreiche Vertonungen des Buches ;)

An ein paar Stellen merkt man, dass Penpal nicht den klassischen Verlagsweg gegangen ist, und der Text sicher noch etwas mehr verbessert werden könnte. Es tut dem Lesegenuss aber keinen Abbruch, und lässt einen komplett in die Welt rund um den See eintauchen.


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Verlag: 1000Vultures
ISBN: 9780985545505
Erscheinungsdatum: June 2012
Rating: 4/5