[Gelesen] Slade House

sladehouseRandom House hat mir mein Leseexemplar für eine ehrliche Bewertung über NetGalley zur Verfügung gestellt.

Alle neun Jahre verschwinden Menschen am letzten Samstag im Oktober rund um Slade Alley. Was es mit diesen Vorfällen auf sich hat, enthüllt Mitchell über die einzelnen Kapitel Stück für Stück, denn Slade House ist eine Geschichte, die aus mehreren miteinander verwobenen Geschichten besteht.

  • Da gibt es Nathan, der zusammen mit seiner Mutter 1979 in die Slade Alley kommt und danach nie mehr gesehen wird.
  • 1988 kommt es zur Wiederaufnahme von Polizeiuntersuchungen indem Fall von Nathan und Rita Bishop, und ein Polizist findet das Tor in den Garten von Slade House.
  • In 1997 untersuchen eine Reihe von Studenten das Phänomen.
  • Eine Journalistin entwickelt 2006 Interesse an der Geschichte um Slade House und führt ein Augenöffnendes Interview.
  • Und spätestens 2015 treffen alle Fäden zusammen.

Slade House war mein erstes Buch von David Mitchell. Es spielt in derselben Welt wie The Bone Clocks aber man kann der Geschichte auch folgen, ohne diesen Titel gelesen zu haben. Das Buch liest sich sehr gut, jedes Kapitel beschäftigt sich mit einem Jahr der Vorkommnisse, und man mag es wirklich nur zwischen den Kapiteln zur Seite legen. Jede Geschichte fängt eigentlich harmlos an und wird dann nach und nach mysteriös und unheimlich.

Mitchell wählt sehr interessante Erzählstimmen und baut einige Wendungen ein, die man nicht auf den ersten Blick vermutet. Es gibt Erklärungen aber nur an der Oberfläche, sodass für den Leser noch genug Spielraum bleibt. Gerade da dieses Buch in Richtung Horror für Erwachsene geht, funktioniert dieser Spielraum ausgezeichnet. Die letzten Augenblicke in den jeweiligen Kapiteln wirkten kamen unheimlich stark rüber! Es gibt gruseligere Titel, die auch mehr auf die Zeit um Halloween eingehen, aber für ein kurzweiliges Buch mit unheimlichen Einsclag und Spiritismus macht Slade House sehr viel Spaß!


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Verlag: Random House
ISBN:  9780812998689
Erscheinungsdatum: 27.10.2015
Rating: 4/5

[Gelesen] Speak Easy

speakeasy

a book by a female author
Catherynne M. Valente – Speak Easy

Valente ist eine meiner liebsten Autorinnen, und dieses Jahr gibt es drei Neuerscheinungen bzw. Neuauflagen von ihr zu lesen: RadianceSix-Gun Snow White und Speak Easy. Letzteres ist Ende August erschienen und nach einiger Verzögerung beim Versand bei mir eingetroffen.

Speak Easy ist kein vollständiger Roman sondern eine Novelle, die das Märchen der zwölf tanzenden Prinzessinnen ins New York der 1920er Jahre verlegt und neu erfindet. Der Hauptschauplatz ist dabei das Artemisia:

„If you go looking for it, just about halfway uptown and halfway downtown, there’s this hotel stuck like a pin all the way through the world. Down inside the Artemisia it’s this mortal coil all over. Earthly delights on every floor.“

Im Prinzip handelt es sich beim Artemisia um ein Hotel, in welches die Charaktere für längere Zeit einchecken bzw. einziehen; das Hotel versorgt sich quasi selbst und niemand scheint je zu gehen. Die Kapitel sind nach den Zimmern benannt, in welchen die Handlung gerade spielt, und man lernt so die unterschiedlichsten Bereiche im Hotel und die fantastischen Charaktere kennen. Es ist immer irgendwo eine Party im Gange, über das hausinterne Leitungssystem können Nachrichten und Kleinode ausgetauscht werden, der Alkohol fließt trotz Prohibition in Strömen, Pelikane verlieben sich in Mädchen und mysteriöse Türen erscheinen im Kleiderschrank… teilweise liest es sich wie ein Traum, und Valente spielt wie eh und je gekonnt mit Wörtern und Phrasen.

„She’s got a man’s nightshirt on and stockings with holes in them. Somebody else’s tie, a gold and green chevroned number, hangs around her neck and just at this moment it looks like a king’s mantle draped over her shoulders. Her hair’s all loose, her lipstick and eyeliner gone a-roving. She’s got a cigar in one hand and a jar full of gin in the other, and she’s laughing, laughing like for once that damned chicken crossed the road for something really good.”

Wir lernen einige Charaktere kennen, aber Frankie Key und Zelda Fair sind die beiden Hauptcharaktere. Frankie, der im Artemisia arbeitet und nebenbei Detektivgeschichten schreibt bis er endlich die Worte für das Jahrhundertwerk gefunden hat, greift dabei auf F. Scott Fitzgerald zurück, während es sich bei dem It-Girl Zelda, welches jede Woche eine andere Fähigkeit erlernen möchte bis es sein wahres Talent gefunden hat, um eine Anlehnung an Zelda Fitzgerald handelt. Es hilft, wenn man zumindest grob etwas über die Beziehung und Leben des tatsächlichen Paares weiß, um einige Anspielungen zu verstehen – gerade das Ende dürfte einen sonst sehr verwirren. Da dieses Paar immer automatisch mit dem Jazz Age in Verbindung gesetzt wird, ist die Umsetzung hier interessant und durchaus kritisch… aber Speak Easy leidet ein wenig unter seiner Kürze. In 144 Seiten muss Valente sich sehr beschränken, und zum Beispiel Zelda’s Mitbewohnerinnen Olive Bay, Opal Lunet und Oleander Coy bleiben flach und wirken fast überflüssig.

Für einen kurzen Ausflug in die Zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts eignet sich die Novelle wundervoll. Ich habe beim Lesen verschiedene Mixtapes mit jazziger Musik laufen lassen, was den Effekt nur noch verstärkt hat. Die Grundhandlung ist relativ simpel: Einige Bewohner des Hotels verschwinden, und Frankie erhält vom Hotelbesitzer den Auftrag diese wiederzufinden. Es wäre interessant gewesen, was Frankie bei einem ganzen Buch in den Weg gelegt worden wäre, aber auch so gibt es einiges zu überwinden und das Ende ist bittersüß und zufriedenstellend.

Momentan ist Speak Easy nur als gebundene Ausgabe erhältlich und sehr kostspielig. Wenn man noch nichts von Valente gelesen hat, sollte man auf jeden Fall vorher in die Leseprobe auf Subterranean Press hineinlesen! Ob der Preis gerechtfertigt ist, ist so die Frage… die gebundene Ausgabe ist signiert und auf 1250 Exemplare limitiert, und bei der Auflagenhöhe und Aufmachung lässt sich wahrscheinlich nicht viel am Preis machen. Trotzdem lässt einen der Preis von gut 40 Dollar im ersten Moment schlucken, und es ganz klar ein Liebhaberstück. Eine Taschenbuch bzw. eBook Veröffentlichung zu einem späteren Zeitpunkt wäre definitiv wünschenswert!


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Verlag: Subterranean Press
ISBN:  9781596067271
Erscheinungsdatum: 31.08.2015
Rating: 5/5

[Gelesen] Ich und mein anderes Leben vs. Fragile Line

fragilelinevsichundmeinanderesleben

Eine Ausgangslage – zwei Varianten

Es ist immer interessant, Bücher mit ähnlicher Thematik zu lesen und die unterschiedlichen Herangehensweisen vergleichen zu können. Bei Katrina Leno’s Ich und mein anderes Leben (engl. The Half Life of Molly Pierce) und Fragile Line von Brooklyn Skye ist nicht nur die Thematik ähnlich sondern auch die Ausgangslage gleich:

Ein junges Mädchen hat Blackouts, die von ihrer Umwelt nicht bemerkt werden.

Es geht darum, was während dieser Leerstellen in der Erinnerung passiert, und warum es überhaupt zu den Blackouts kommt. Die Puzzlestücke aus fragmentarischen Erinnerungen, Gesprächen und Hinweisen geben nur langsam eine Antwort preis. In The Half Life of Molly Pierce wird Molly’s Leben hierdurch auf den Kopf gestellt, Fragile Line folgt den Geschehnissen rund um Ellie. Dabei ist nicht nur das Innenleben der Mädchen interessant, sondern auch deren Umwelt und Freunde und die entsprechenden Reaktionen. Beide Bücher sind in der Realität verankert und beschäftigen sich mit einem Krankheitsbild, dass schwer vorstellbar und umso erschreckender ist: der dissoziativen Störung, häufig auch der Einfachheit halber gespaltene Persönlichkeit genannt.

Molly/Mabel

Die Geschichte um Molly und Mabel hat mir persönlich von beiden Varianten besser gefallen. Es gibt kein traumatisches Erlebnis, dass direkt zur Spaltung und Erschaffung von Mabel führt. Mabel ist sich ihrer Existenz bewusst und kümmert sich trotz allem auf eine besondere Art um Molly. Molly selbst ist ein unheimlich sympathischer Charakter mit tollen Gedankengängen, und man fiebert mit, wie sie langsam das Geheimnis um Molly und ihre Blackouts entschlüsselt.

“You deserve to be whole. You deserve to remember. And you deserve to live.”

Die Art, wie ihre Umwelt mit Molly umgeht, gibt einem für eine lange Zeit rätsel auf – macht aber am Ende absolut Sinn. Insgesamt ist Ich und mein anderes Leben ein sehr positives Buch mit einem zufriedenstellendem Ende. Molly/Mabel’s Entscheidungen und Gedanken geben dem Leser dazu auch immer wieder Anregungen, selber zu überlegen, wie man in dieser Situation reagieren würde. Eine Liebesgeschichte ist zwar da, aber angenehm wenig dominant.

Ellie/Gwen

Neben dem positiven Ich und mein anderes Leben ist Fragile Line der komplette Gegensatz. Ellie hat eigentlich ein gutes Leben – liebende Adoptiveltern, einen tollen Freund, keine Probleme in der Schule – wenn die Blackouts nicht wären. Gwen, ihre andere Persönlichkeit, ist die Stärkere von beiden und sehr krass. Sie macht all das, was Ellie nie machen würde: rauchen, trinken, Drogen nehmen… die Vorstellung, aufzuwachen, und einfach mal ein Tattoo auf seinem Bauch zu finden ist schon sehr beunruhigend.

“When I’m asleep, I’m afraid someone else might take my place.“

Gwen ist in Fragile Line das Ergebnis von traumatischen Kindheitserlebnissen, bei denen man schlucken muss. Ihre Gedankengänge machen unter Berücksichtung dieser Sinn, aber entschuldigen ihr Verhalten nicht. Die Umwelt ist nicht gerade hilfreich und man muss an einigen Stellen den Kopf schütteln. Bei diesem ernsten Thema hätte eine Fokussierung dem Plot gut getan, stattdessen gibt es einfach viel zu viel Nebenhandlung. Von Ellie bekommt man viel zu wenig mit, Gwen und ihre Beziehung sind mir zu unrealistisch über weite Strecken und fangen leicht an zu nerven.

Aus zwei mach eins

In beiden Büchern sind ständige Blackouts einer Persönlichkeit und die Koexistenz zweier Persönlichkeiten in einem Körper die Grundthematik und -problematik. Mir hat es sehr gut gefallen, wie beide Autorinnen hier unterschiedliche Lösungen präsentieren. Es wird allgemein sehr respektvoll mit dem Thema umgegangen, keines der Mädchen wird einfach als „verrückt“ oder „kaputt“ per se abgestempelt. In Fragile Line wird zu viel hineingestopft an Themen, Klischees wie zum Beispiel der Bad Boy, der gar nicht so abgebrüht ist wie sein Äußeres vermuten lässt, tun nicht Not. Beide Geschichten sind für Jugendliche konzipiert, Ich und mein anderes Leben würde ich aber auch noch in späteren Jahren erneut lesen. Hier funktioniert einfach die innere Auseinandersetzung besser, Therapie wird nicht komplett verdammt und es muss auch keine zerstörte Kindheit als Auslöser herhalten.

Vielen Dank an dieser Stelle an die liebe Sarah, die mir ihre Ausgabe von ‚Ich und mein anderes Leben‘ über das Traveling Book Project Germany zur Verfügung gestellt hat!


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Ich und mein anderes Leben
Verlag:
 cbt
ISBN:  9783570309858
Erscheinungsdatum: 09.03.2015
Rating: 5/5

Fragile Line
Verlag: Entangled Teen
ASIN:  B00JCY64S2
Erscheinungsdatum: 21.04.2014
Rating: 2.5/5