[Gelesen] Join

st-join.jpg

TQ:  Describe Join in 140 characters or less.
Steve: When individual minds unite, families, friendships and identity are transformed, and Chance and Leap fight for each other and for the future
– The QwilleryInterview with Steve Toutonghi, author of Join (19.04.2016)

In einer nicht näher definierten Zukunft ist die Natur so aus dem Gleichgewicht, dass es nicht gerade gut um die Erde bestellt ist. Der technischer Fortschritt ist allerdings enorm, und seit vierzig Jahren ist Join möglich: ein medizinischer Eingriff, durch den verschiedene Personen sich zu einem Bewusstsein mit mehreren Körpern zusammenschließen können. Join ist das Erstlingswerk von Steve Toutonghi und in mehrerer Hinsicht ein Gedankenexperiment.

Was versteckt sich hinter Join?
Während des ersten Parts hat mir dieses Buch etwas Kopfschmerzen bereitet, weil einfach unheimlich viel auf einen einstürmt und man sich erst etwas orientieren muss. Der Hauptcharakter ist Chance, ein Join aus fünf Personen. Da durch den Join alle Chance sind, unterscheiden sich diese Personen („Drives“) nur durch ihre Nummern bzw. Reihenfolge, in der sie Chance geworden sind (also zum Beispiel Chance Two oder Chance Five). Jeder Drive bringt seine eigenen Erinnerungen und Fertigkeiten mit, und existiert auch weiterhin im Bewusstsein des Joins, wenn der Körper stirbt.

„Joining“ unterliegt vielerlei Regeln, die erst nach und nach erläutert werden. So können zum Beispiel nur zwanzig Personen gleichzeitig zu einem Bewusstsein werden, bevor es zu Komplikationen kommt, und alle Beteiligten müssen dem Prozess zustimmen oder es kommt zu einem „flip“ (=der neueste Drive wird abgestoßen, wodurch der ganze Join langsam verendet).

Uff. Was man Toutonghi auf alle Fälle zu gute halten kann: diese Technologie ist sehr gut durchdacht und dargestellt!

Welche Geschichte wird erzählt?
Als Leser begleitet man Chance durch die Geschichte. Chance Five ist schwer erkrankt, der befreundete Join namens Leap hat merkwürdige Aussetzer und ein Treffen mit einem durchgedrehten Join stellt alles auf den Kopf… primär geht es um die Angst vor dem Tod und dem Danach. Joining verspricht der Menschheit zwar eine Art Unsterblichkeit durch das geteilte Bewusstsein, aber die einzelnen Körper bleiben halt sterblich.

Daneben werden noch einige weitere Themen angerissen, zum Beispiel

  • Kollektive Intelligenz per se
  • Individualität vs Kollektive Intelligenz
  • Natur vs Mensch/Technik
  • Überwachung
  • Menschliche Evolution
  • Unterwanderung des Systems

Hier liegt auch der Knackpunkt für mich: Toutonghi stopft sein Buch einfach sehr voll und fordert dem Leser viel Konzentration ab. Meist gibt es Szenen, die mit der Handlung scheinbar nichts zu tun haben, und deren Zusammenhang man sich selber herstellen und erschließen muss. Ein, zwei Themen weniger hätten da gut getan… oder um die hundert Seiten mehr. Auch wird alles immer nur angerissen und Fragen nur gestellt, aber keine beantwortet.

Eine Chance
Join haftet etwas das Theoretische, Philosophische an, was man nicht auf Anhieb aus dem Klappentext heraus liest. So sind unter anderem die Namen der Joins nicht ohne Hintergedanken gewählt, und einige Ereignisse voraussehbar, wenn man sich die Namen nur genau genug ansieht (Chance ist da das offensichtlichste Beispiel).

Ich hatte mit einer stärkeren Auseinandersetzung mit der Technologie und ihren Schwachstellen gerechnet (Rope als Hauptcharakter wäre so spannend gewesen!) – gerade, da Überwachung und der gläserne Mensch immer noch sehr aktuelle Themen sind, und auch kurz im Buch angesprochen werden. Das mag vielleicht daran liegen, dass die Technologie in der Buchwelt schon quasi Alltag geworden ist, und keiner der Charaktere ein Teenager ist… Team Teenager klammere ich mal aus, da es sich um Träume handelt – auch wenn ich diese kurzen Einschübe mochte.

Für mich war Join ein angenehmer Ausflug ins Sci-Fi Genre, und ich würde gerne noch mehr von Steve Toutonghi lesen. Man sollte nur mit den richtigen Erwartungen in dieses Buch gehen!


BUCHDETAILS | ANZEIGE

Verlag: Soho Press
ISBN: 9781616956707
Erscheinungsdatum: 19.04.2016
Rating: 3.5/5

[Gelesen] Das Feld des Regenbogens

So gerne ich als Jugendliche Manga gelesen habe – in den letzten Jahren kam immer das Gefühl auf, aus diesem Medium einfach „herausgewachsen“ zu sein. Umso gespannter war ich jetzt auf die Werke von Inio Asano, die sich an eher an eine erwachsene Leserschaft mit dementsprechenden Themen richten.

Die deutschen Übersetzungen sind bei Tokyopop erschienen, und unterscheiden sich schon optisch von typischen Mangas: die broschierten Bände sind im Überformat (etwa A5) und in einem schlichten schwarzen Design gehalten. Es gibt einen kleinen Bildausschnitt, der das Gesicht eines der Hauptcharaktere zeigt, und knallige Farben für den Titel und Autoren. Gefällt mir persönlich sehr gut, und sticht sofort aus der Masse heraus!

dfdr.jpg
»Für dich – die Memme, für dich – den Faulenzer, für dich – den Lügner, für dich – den Angsthasen.«

Hinter einer Grundschule findet sich sowohl ein Wiese -das so genannte Regenbogenfeld- als ein Tunnel, in letzterem haust angeblich ein Monster. Die Fantasie der Schüler wird durch diese Legende beflügelt und das Schicksal von drei von ihnen (insbesondere durch ihre Taten) miteinander verknüpft. Als Erwachsene treffen sie wieder aufeinander und Stück für Stück enthüllt Inio Asano über die gut 300 Seiten alle Ereignisse der Vergangenheit.

Das Feld des Regenbogens ist der erste Manga, den ich von Asano gelesen habe, und wirklich alles andere als leichte Kost. Die Handlung erstreckt sich über ungefähr zehn Jahre, springt vor und zurück, behandelt Missbrauch und Mobbing ebenso wie Mord und übernatürliche Elemente… überdreht, überzeichnet, trotzdem bleibt es über große Teile realistisch. Die teilweise wirklich wunderschönen Zeichnungen stehen dabei immer in einem krassen Kontrast zu der düsteren Handlung. Asano’s Charaktere sind alle auf ihre eigene Weise kaputt und desillusioniert, fröhliche Momente sind Mangelware. Der Schmetterling zieht sich unter anderem als Symbol hierfür durch die gesamte Geschichte, wird zu einer Plage, und überzieht die Seiten. Mich hat das ganze stark an Anti-Pop à la Dirk Bernemann erinnert.

Der Zeichenstil von Asano ist durchweg sehr klar und schlicht und man kann den Panels und Sprechblasen gut folgen. Durch die Zeitsprünge ist es am Anfang sehr verwirrend, vor allem, wenn erwachsene Charaktere auf einmal wieder Kinder sind – sobald man aber in der Geschichte drin ist, legt sich diese Verwirrtheit wieder. Ich bin mir auch sicher, dass man bei weiteren Lesedurchgängen über viele Details und Anspielungen stolpert, die beim ersten Lesen untergehen, gerade zu Beginn, wenn man noch nicht so sehr mit den Charakteren vertraut ist.

Das Feld des Regenbogens fordert die Konzentration des Lesers, aber belohnt einen dafür auch. Für den Einstieg in Asano’s Werk eignet sich das zweibändige Solanin allerdings besser.


BUCHDETAILS | ANZEIGE

Verlag: Tokyopop
ISBN: 9783842008496
Erscheinungsdatum: 08.10.2013
Rating: 4/5

[Gelesen] The Love That Split The World

The Love That Split The World von Emily Henry ist ein Buch, bei dem ich öfter mit dem Gedanken gespielt habe, es abzubrechen… und ich bereue es, doch noch bis zum bitteren Ende durchgehalten zu haben. In Henry’s Debütroman geht es um Natalie, die gerade die Highschool beendet hat und nach dem Sommer ihre Heimatstadt fürs College verlassen wird. Durch eine, nennen wir sie mal „Erscheinung“, erhält sie den Hinweis, dass ihr nur drei Monate Zeit bleiben ihn zu retten: Fortan verschwimmen für sie die Grenzen zwischen zwei Welten, die sich nur in Kleinigkeiten unterscheiden, und Natalie muss herausfinden, was zu tun ist.thelovethatsplittheworld.jpgAlternative bzw. Parallelwelten finde ich immer wieder spannend, und dank dem ebenfalls gelungenen Cover war meine Neugier noch mehr geweckt. Leider umschifft der Klappentext gekonnt einige der Themen, die mir am Ende Probleme bereit haben, und die tatsächlich auch schwer ansprechbar in Worte gefasst werden können. Ein paar dieser Probleme werde ich im Folgenden so spoilerfrei wie möglich beschreiben.

Namen und kultureller Hintergrund

Die Hauptperson in The Love That Split The World ist Natalie Cleary: sie wird als Baby von ihrer indigenen Mutter zur Adoption freigegeben, und fällt dadurch allein schon ihr ganzes Leben in der amerikanischen Kleinstadt Union etwas aus dem Rahmen. Die ganze Art, wie mit dem Thema ihrer Adoption und Herkunft umgegangen wird, ist bedenklich, und es lohnt sich, den Artikel von Debbie Reese hierzu durchzulesen.

Der Grund, weshalb Natalie überhaupt diesen indigenen Hintergrund benötigt, liegt in den eingebundenen Geschichten: die „Erscheinung“ erzählt ihr Sagen der indigenen Völker, die als Parabeln immer in Bezug zu der Handlung stehen. Eigentlich eine spannende Idee, aber da Natalie keine bestimmte Zugehörigkeit erhält, pickt Henry sich munter aus allen möglichen Stämmen Geschichten heraus… und die Einbindung dieser gelingt auch nicht wirklich immer.

Ein weiterer wichtiger Charakter ist Beau Wilkes: er teilt sich einen Namen mit einem Charakter in Vom Winde verweht, worüber auch ein Kommentar im Buch selbst fällt. Ob das Not tut? Eigentlich sollte es genug andere Namenskombinationen geben, wenn es denn schon unbedingt dieser Vorname sein muss…

Psychologie 101

Die „Erscheinung“, die Natalie seit ihrer Kindheit begleitet und von ihr Großmutter genannt wird, spielt eine große Rolle. Man könnte sie zum Beispiel unter einer nächtlichen Halluzination verbuchen – aber glücklicherweise begegnet Natalie einer Wissenschaftlerin mit einer Theorie, die solche „Erscheinungen“ mit Charaktertypen in Verbindung setzt und dieses Thema erforscht. Hierfür gibt es eine sehr kurze Erklärung zum Myers-Briggs-Typenindikator und neben normaler Gesprächstherapie auch Hypnose. Aha. Mir wäre da eine übernatürliche oder sogar gar keine Erklärung lieber. Im Laufe der Geschichte kommen immer mehr abenteuerliche Erklärungen für die „Erscheinung“ und Parallelwelt hinzu, die dann sehr platt aufgelöst werden.

Beziehungsprobleme

Es gibt zwei junge Männer, die in The Love That Split The World eine Rolle spielen: Matt und Beau. Matt ist Natalie’s Exfreund, Beau die potentielle neue Liebe. Natalie beendet die Beziehung mit Matt aus unterschiedlichen Gründen, teils, weil sie demnächst aufs College geht, teils, weil sie keine Zukunft mit ihm sieht und auch keine tiefen Gefühle für ihn hat. Es gibt mehrere Szenen, in denen Matt ihre Entscheidung nicht akzeptiert, ihr sogar Angst macht – aber so wirklich reflektiert werden diese Momente von Henry auch nicht. Es reicht gefühlt nicht aus, dass Natalie nein sagt, und das fand ich sehr problematisch. Dadurch ist mir sein Handlungsbogen auch sehr egal geblieben.

Beau hat das Problem, dass es sich um einen typischen Fall von Insta-Love handelt. Was Natalie so großartig an ihm findet? Ich weiß es nicht. Die Beziehung ist einfach da, ohne Chemie oder Tiefe.

Andere Welten, andere Möglichkeiten

Die Parallelwelten in The Love That Split The World unterscheiden sich nur in sehr wenigen Punkten. Das hat mit der schlussendlichen Begründung für die ganzen Ereignisse zu tun, ändert aber nichts daran, dass dieser Aspekt dadurch seinen Reiz verliert. Man bemerkt als Leser den Wechsel zwischen den Welten kaum, und es macht keinen großen Unterschied. Warum sich die Parallelwelten dann auf einmal in einem großen Punkt anfangen zu unterscheiden am Ende? Keine Erklärung.

Innerhalb der Geschichte vergehen um die drei Monate, aber das Buch vermittelt diese Zeitspanne schlecht. Man vergisst immer, wie viel Zeit Natalie noch bleibt und gefühlt könnten die Ereignisse auch in einer Woche passieren.

Ein Obstsalat an angeschnittenen Themen

Henry stopft ihr Buch sehr, sehr voll und verzettelt sich dadurch. Was unter anderem angesprochen wird: Psychologische und wissenschaftliche Aspekte (Typenindikator, Wurmlöcher, etc.), Selbstfindung, Adoption, PTSD, Trauma, Zeitreise, indigene Herkunft und Geschichten, Feminismus, gleichgeschlechtliche Liebe, Leihmutterschaft, (Jugend-)alkoholismus… zu viel und nichts richtig. Info dumbing ist ein Problem, genauso wie die Selbsterklärung der „Erscheinung“ zum Ende. Gleichzeitig lässt Henry eine Szene absichtlich verwirrend, weil auf einen früheren Entwurf des Buchs angespielt wird… wäre Natalie wenigstens ein ansprechender Charakter! Leider ist sie furchtbar unsicher, und definiert sich immer nur über andere.Vielfältigkeit und Multikulturität schön und gut, aber sie könnte auch leicht umgeschrieben werden und aus einem anderen Kulturkreis mit anderen Geschichten kommen.

Lionsgate hat die Rechte für eine Verfilmung von The Love That Split The World erworben. Vielleicht funktioniert es als Film mit entsprechendem Cast ja besser? Das Buch selbst war für mich leider eine Enttäuschung.


BUCHDETAILS | ANZEIGE

Verlag: Razorbill
ASIN: B015NTIXS8
Erscheinungsdatum: 26.01.2016
Rating: 1/5