[Gelesen] Colorless Tsukuru Tazaki and His Years of Pilgrimage

Haruki Murakami ist dieses Jahr eine wirkliche Entdeckung für mich: Sein Schreibstil und die Geschichten, die er erzählt, gefallen mir außerordentlich gut und sind schlicht ungewöhnlich. Einige Motive werden zwar immer wieder aufgegriffen (Grant Snider hat das 2012 in einem wunderbaren Haruki Murakami Bingo eingefangen), aber bisher fällt mir das eher positiv auf.Colorless Tsukuru Tazaki and His Years of Pilgrimage

“You can hide memories, but you can’t erase the history that produced them.”

Colorless Tsukuru Tazaki and His Years of Pilgrimage ist eines der jüngeren Bücher von Murakami. Wie der Titel es schon erahnen lässt, begleitet man als Leser Tsukuru Tazaki durch die Geschichte: Während seiner Schulzeit war dieser teil einer Clique, aus der er ohne Begründung plötzlich ausgeschlossen wurde. Der Verlust seiner Freunde begleitet ihn seitdem, und auf anraten seiner Freundin Sara versucht der mittlerweile 36-jährige Tsukuru diesem Ereignis endlich auf den Grund zu gehen.

Es ist ein sehr stilles, ruhiges Buch, genauso wie sein Hauptcharakter. Mir hat Tsukuru gerade deswegen so gut gefallen, da man sich gut mit ihm identifizieren kann. Er nimmt sich und seine Rolle, die er in der Gruppe innehatte, ganz anders wahr als seine damaligen Freunde, macht sich selber häufig kleiner wie er ist… und selbst wenn es den Anstoß von außen braucht, traut er sich dennoch diese Reise in die Vergangenheit zu, die natürlich an manchen Punkten schmerzhaft wird.

“Let’s say you are an empty vessel. So what? What’s wrong with that?” Eri said. “You’re still a wonderful, attractive vessel. And really, does anybody know who they are? So why not be a completely beautiful vessel? The kind people feel good about, the kind people want to entrust with precious belongings.”

Die Handlung ist durchweg realistisch, und Murakami hält sich hier mit Übernatürlichen Elementen stark zurück. Man erhält zusammen mit Tsukuru Antworten, mit denen man so im Vorfeld nicht rechnet, und kann sich so Stück für Stück der Wahrheit annähern. Ein Teil der Wahrheit ist sehr kontrovers, und man kann darüber diskutieren, ob Murakami es sich vielleicht nicht zu einfach gemacht hat… im Rahmen der Geschichte passt es allerdings und ist stimmig.

“Some things in life are too complicated to explain in any language.”

Wenn es einen Kritikpunkt gibt, dann, dass man viel zu kurze Zeit mit Tzukuru verbringt – das Buch liest sich unheimlich schnell, und nach der letzten Seite wollte ich am liebsten gleich wieder von vorne beginnen. Die Pilger- bzw. Wanderjahre geben viele Anregungen zum Nachdenken und in sich selbst horchen, und begleiten auch nach dem Lesen noch für eine Weile. Definitiv eines meiner Highlights dieses Jahr!

Der Titel Colorless Tsukuru Tazaki and His Years of Pilgrimage spielt an eine Sammlung von Kompositionen, die Années de pèlerinage, von Frank Liszt an. Hierbei wird ins Besondere das Stück Le mal du pays (dt.: Heimweh) mehrfach im Buch erwähnt, welches wunderbar mit dem Buch harmoniert.


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Verlag: Knopf Publishing Group
ISBN: 9780385352109
Erscheinungsdatum: 12.08.2014
Rating: 5/5

[Gelesen] Ich und mein anderes Leben vs. Fragile Line

fragilelinevsichundmeinanderesleben

Eine Ausgangslage – zwei Varianten

Es ist immer interessant, Bücher mit ähnlicher Thematik zu lesen und die unterschiedlichen Herangehensweisen vergleichen zu können. Bei Katrina Leno’s Ich und mein anderes Leben (engl. The Half Life of Molly Pierce) und Fragile Line von Brooklyn Skye ist nicht nur die Thematik ähnlich sondern auch die Ausgangslage gleich:

Ein junges Mädchen hat Blackouts, die von ihrer Umwelt nicht bemerkt werden.

Es geht darum, was während dieser Leerstellen in der Erinnerung passiert, und warum es überhaupt zu den Blackouts kommt. Die Puzzlestücke aus fragmentarischen Erinnerungen, Gesprächen und Hinweisen geben nur langsam eine Antwort preis. In The Half Life of Molly Pierce wird Molly’s Leben hierdurch auf den Kopf gestellt, Fragile Line folgt den Geschehnissen rund um Ellie. Dabei ist nicht nur das Innenleben der Mädchen interessant, sondern auch deren Umwelt und Freunde und die entsprechenden Reaktionen. Beide Bücher sind in der Realität verankert und beschäftigen sich mit einem Krankheitsbild, dass schwer vorstellbar und umso erschreckender ist: der dissoziativen Störung, häufig auch der Einfachheit halber gespaltene Persönlichkeit genannt.

Molly/Mabel

Die Geschichte um Molly und Mabel hat mir persönlich von beiden Varianten besser gefallen. Es gibt kein traumatisches Erlebnis, dass direkt zur Spaltung und Erschaffung von Mabel führt. Mabel ist sich ihrer Existenz bewusst und kümmert sich trotz allem auf eine besondere Art um Molly. Molly selbst ist ein unheimlich sympathischer Charakter mit tollen Gedankengängen, und man fiebert mit, wie sie langsam das Geheimnis um Molly und ihre Blackouts entschlüsselt.

“You deserve to be whole. You deserve to remember. And you deserve to live.”

Die Art, wie ihre Umwelt mit Molly umgeht, gibt einem für eine lange Zeit rätsel auf – macht aber am Ende absolut Sinn. Insgesamt ist Ich und mein anderes Leben ein sehr positives Buch mit einem zufriedenstellendem Ende. Molly/Mabel’s Entscheidungen und Gedanken geben dem Leser dazu auch immer wieder Anregungen, selber zu überlegen, wie man in dieser Situation reagieren würde. Eine Liebesgeschichte ist zwar da, aber angenehm wenig dominant.

Ellie/Gwen

Neben dem positiven Ich und mein anderes Leben ist Fragile Line der komplette Gegensatz. Ellie hat eigentlich ein gutes Leben – liebende Adoptiveltern, einen tollen Freund, keine Probleme in der Schule – wenn die Blackouts nicht wären. Gwen, ihre andere Persönlichkeit, ist die Stärkere von beiden und sehr krass. Sie macht all das, was Ellie nie machen würde: rauchen, trinken, Drogen nehmen… die Vorstellung, aufzuwachen, und einfach mal ein Tattoo auf seinem Bauch zu finden ist schon sehr beunruhigend.

“When I’m asleep, I’m afraid someone else might take my place.“

Gwen ist in Fragile Line das Ergebnis von traumatischen Kindheitserlebnissen, bei denen man schlucken muss. Ihre Gedankengänge machen unter Berücksichtung dieser Sinn, aber entschuldigen ihr Verhalten nicht. Die Umwelt ist nicht gerade hilfreich und man muss an einigen Stellen den Kopf schütteln. Bei diesem ernsten Thema hätte eine Fokussierung dem Plot gut getan, stattdessen gibt es einfach viel zu viel Nebenhandlung. Von Ellie bekommt man viel zu wenig mit, Gwen und ihre Beziehung sind mir zu unrealistisch über weite Strecken und fangen leicht an zu nerven.

Aus zwei mach eins

In beiden Büchern sind ständige Blackouts einer Persönlichkeit und die Koexistenz zweier Persönlichkeiten in einem Körper die Grundthematik und -problematik. Mir hat es sehr gut gefallen, wie beide Autorinnen hier unterschiedliche Lösungen präsentieren. Es wird allgemein sehr respektvoll mit dem Thema umgegangen, keines der Mädchen wird einfach als „verrückt“ oder „kaputt“ per se abgestempelt. In Fragile Line wird zu viel hineingestopft an Themen, Klischees wie zum Beispiel der Bad Boy, der gar nicht so abgebrüht ist wie sein Äußeres vermuten lässt, tun nicht Not. Beide Geschichten sind für Jugendliche konzipiert, Ich und mein anderes Leben würde ich aber auch noch in späteren Jahren erneut lesen. Hier funktioniert einfach die innere Auseinandersetzung besser, Therapie wird nicht komplett verdammt und es muss auch keine zerstörte Kindheit als Auslöser herhalten.

Vielen Dank an dieser Stelle an die liebe Sarah, die mir ihre Ausgabe von ‚Ich und mein anderes Leben‘ über das Traveling Book Project Germany zur Verfügung gestellt hat!


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Ich und mein anderes Leben
Verlag:
 cbt
ISBN:  9783570309858
Erscheinungsdatum: 09.03.2015
Rating: 5/5

Fragile Line
Verlag: Entangled Teen
ASIN:  B00JCY64S2
Erscheinungsdatum: 21.04.2014
Rating: 2.5/5

[Gelesen] Sommer in Lesmona

Sommer in Lesmona

a book that takes place in your hometown
Marga Berck – Sommer in Lesmona

„Liebe, einzige Bertha“ – so beginnt eine Vielzahl der Briefe, die Marga zwischen 1893 und 1896 an ihre beste Freundin schreibt. Sie berichtet der Freundin von ihrer Gefühlswelt, Reisen und Verwandtenbesuchen. Kernstück der Briefe und des schmalen Bandes wird dabei schnell der „Sommer in Lesmona“ und seine Folgen.

 Im Prinzip lässt sich der Inhalt des Buches kurz und bündig zusammenfassen:

Mädchen aus gutem Hause verliebt sich Ende des 19. Jahrhunderts in den Falschen, und geht am Ende doch eine Vernunftbeziehung ein.

Im Knoops Park in Bremen findet jeden Sommer mittlerweile ein Open-Air-Festival mit demselben Namen statt, welches an die Geschichte von Marga anknüpft – trotzdem hatte mich das Buch bisher nicht gereizt. Eine gute Freundin hat es mir schließlich vor einigen Wochen mitgegeben, da sie das Buch liebt, und ich bin ihr sehr dankbar dafür. Die Briefe sind am Anfang verwirrend mit all den Namen und es braucht seine Zeit, um in die Geschehnisse einzutauchen. Ab dem Zeitpunkt, wo Marga in Lesmona ankommt, mochte ich das Buch aber nicht mehr weglegen. Da es bis kurz vor Ende keine Briefe von anderen gibt, fühlt es sich teilweise so an, als ob Marga die Briefe fast für einen selbst schreibt und durch ihre lebendige Sprache erlebt man das Gefühlschaos direkt mit. Von der Beziehung, die nicht sein kann, stolpert Marga unbeabsichtigt direkt eine Verlobung, die zwar eine standesgemäße Heirat verspricht, aber ohne Gefühl. Immer wieder begegnet sie Percy und ist zwischen den Männern hin- und hergerissen. Die Art, wie das Buch endet, ist unvorhersehbar, tieftraurig und trotzdem absolut perfekt.

Laut dem Nachwort soll es sich um authentische Briefe handeln, nur Namen seien geändert; Marga Berck ist dabei das Pseudonym für Magdalene Pauli. Es wird zwar mittlerweile davon ausgegangen, dass Pauli die Briefe vor der Publikation überarbeitet hat, aber das tut der Geschichte an sich keinen Abbruch. Wer sich tiefgehender damit beschäftigen will, dem sei „Das Lesmona-Projekt“ der Uni Bielefeld nur empfohlen!

Sommer in Lesmona ist eine bittersüße Liebesgeschichte, die sich leicht und schnell lesen lässt – aber noch einige Zeit nachwirkt.

rating: 4/5


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Verlag: Rowohlt Taschenbuch
ISBN:  9783499118180
Erscheinungsdatum: 01.10.1997